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Mischa Kuball: Irritationen im öffentlichen Raum

  • "MetaLicht", Uni Wuppertal

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    "MetaLicht" an der Hochschule Wuppertal: Mischa Kuball, geboren 1959 in Düsseldorf, inszenierte ein markantes Lichtzeichen über der Stadt, indem er die Türme auf dem Campus Grifflenberg mit weißen Leuchtröhren markierte. Und damit die Bergische Universität ins Bewusstsein der Bevölkerung Wuppertals rückte. (Foto: Sebastian Jarych, Wuppertal; (c) Atelier Mischa Kuball, VG Bild-Kunst, Bonn 2015)

  • Prof. Mischa Kuball

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    Prof. Mischa Kuball auf dem Architekturquartett NRW am 27.08.15 zum Thema "100 Jahre PSE" im Mannesmannhochhaus (Foto: Ingo Lammert)

  • "Fleur du Mal" in Marl

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    "Fleur du Mal" sorgte für Unruhe im nördlichen Ruhrgebiet: Mit der Aufforderung, eine große Blumenvase am Rathauszentrum von Marl zu füllen und zu pflegen, machte Mischa Kuball auf die strukturellen, aber auch auf die baulichen Probleme der Stadt Marl aufmerksam. Und brachte viele Bürger dazu, sich mit der Architektur auseinander zu setzen. (Foto: Achim Kukulies, Düsseldorf (c) Atelier Mischa Kuball, VG Bild-Kunst, Bonn 2015)

"Böse, böse", dachten sich so manche Marler Bürgerinnen und Bürger, als sie die große, zunächst leere Betonvase von Mischa Kuball am Rathaus ihrer Stadt entdeckten. Der Schriftzug "Les Fleurs du Mal" soll einerseits dazu einladen, Blumen in die Vase und in die bauliche Tristesse der schrumpfenden Ruhrgebietsstadt zu tragen. Andererseits bezieht sich der Titel auf den berühmten Gedichtband von Charles Beaudelaire, der in den 1850er-Jahren die Anonymität, Ödnis und Verderbtheit der Großstadt thematisierte. Das Projekt "Les Fleurs du Mal (Blumen für Marl)" ist ein typisches Beispiel für das Konzept des Düsseldorfer Licht-Künstlers und Kunstlehrers Kuball, mit seinen "public prepositions" für Irritationen im öffentlichen Raum zu sorgen und zur Reflexion sowie zur Aktion zu animieren.

Einem breiteren Publikum ist Prof. Mischa Kuball schon im Herbst 1990 mit einem "Megazeichen" bekannt geworden. In der Landeshauptstadt Düsseldorf illuminierte der damals 31-jährige Künstler die 1200 Scheiben des Mannesmann-Hochhauses am Rheinufer in wechselnden Rhythmen und Ikonografien. Ein Ansatz, der auf das Bauwerk, aber auch auf die Frage der Wirkung von Licht im Stadtraum Bezug nahm.

Ähnlich wirkungsvoll seine "Yellow Marker" im Rahmen der IBA Emscher Park: 2001 verband Kuball die Zeche Rossenray in Kamp-Lintfort im Westen des Ruhrgebiets mit der Zeche Königsborn in Bönen, indem er je zwei gelbe Lichtlinien aus LEDs an den Fördertürmen installierte und auf gleicher Höhe enden ließ. Es entstand eine imaginäre Verbindung über eine Distanz von 80 Kilometern hinweg.

"Licht verändert unsere Wahrnehmung", sagt Prof. Mischa Kuball. "Es ermöglicht uns, im Dunkeln zu sehen; aber zugleich regt es auch die Fantasie dazu an, die nicht erleuchteten Stellen durch Imagination zu füllen." Anschaulich setzt die Beleuchtung der Bergischen Universität Wuppertal dieses Konzept um. Anlässlich des 40. Geburtstags startete Mischa Kuball am 22. Oktober 2012 die Installation "MetaLicht" an den Gebäudetürmen auf dem Campus Grifflenberg. Dabei betonten Lichtbänder, die im Dunkeln wie leuchtende Stäbe wirkten, die Silhouette der Gebäude der Bergischen Universität, die gleichsam über der Stadt zu leuchten schien. Das Projekt war als Innovationsimpuls gedacht, der u. a. das Potenzial der Region und der Universität zum Leuchten bringen sollte. "Es ging mir darum, eine stadträumliche Leerstelle sichtbar zu machen", erläutert Kuball das Projekt. Die Bergische Universität sei den Menschen in Wuppertal überhaupt nicht als Teil ihrer Stadt im Bewusstsein gewesen. Das habe das "MetaLicht" verändert.

Kunst und soziale Aktion

Kunst am Bau, Kunst im öffentlichen Raum, stadträumliche Intervention - das ist das konzeptionelle Feld, in dem sich Mischa Kuball seit rund 30 Jahren mit seinen Projekten bewegt. Die meisten Projekte sind temporär und heute nur noch in der Dokumentation abrufbar. Dennoch ist der Künstler davon überzeugt, dass seine Werke nachwirken - und damit auch einen bleibenden Charakter aufweisen. "Ich benutze Licht nicht als Kunstobjekt, sondern als sozio-kulturellen Verstärker", betont der Künstler. Aus diesem Grund ist sein Werk facettenreich, aber schwer zu beschreiben.

Im August dieses Jahres stellte Mischa Kuball in Thessaloniki das "Schwarze Quadrat" von Malewitsch mit Menschen nach, um auf die Bedeutung des öffentlichen Raumes als "Agora" hinzuweisen - genau 100 Jahre, nachdem das Werk Kasimir Malewitschs erstmals in St. Petersburg öffentlich gezeigt worden war. "Die Öffentlichkeit ist meistens diffus im öffentlichen Raum", sagt Mischa Kuball. Sein Projekt sollte Menschen zusammenbringen und verdichten. Ein öffentlicher Vorschlag, der von mehreren hundert Menschen aufgegriffen wurde. 

Unter dem Titel "public preposition" realisiert Mischa Kuball seit 2009 eine Serie von Installationen im öffentlichen Raum. Dokumentiert im neuen Bildband "public preposition 21+. Projects in public places 2009–2015"; 39,90 €.
Prof. Mischa Kuball wird auf dem AKNW-Architektenkongress 2016 der AKNW auf Usedom sprechen.

 

Interview mit Mischa Kuball: Kunst als Katalysator

Mischa Kuball, in Ihren Arbeiten geht es meistens um den öffentlichen Raum. Was fasziniert Sie so sehr an diesem Thema?
Für die demokratische Auseinandersetzung ist der öffentliche Raum unverzichtbar. Die Demonstrationen und Protestbewegungen in Ägypten und der Türkei haben dies jüngst wieder eindrucksvoll belegt. Zugleich schwindet der öffentliche Raum Tag für Tag - durch Privatisierung, Überwachungstechniken, Kommerzialisierung. Das reizt mich als Künstler zum Protest, darauf will und muss ich reagieren.

Ihre Interventionen setzen Schlaglichter, sind aber zumeist nur von kurzer Dauer. Reicht das aus, um die Menschen aufzurütteln?
Viele meiner Arbeiten werden als provokativ wahrgenommen. Das ist kein Selbstzweck, sondern ergibt sich in Folge der Diskrepanz zwischen dem gewohnten Ort und seiner Verfremdung durch meine Installation oder Intervention. Ich betrachte mich als jemand, der Bekanntes neu konfiguriert und als Katalysator fungiert. Licht ist in diesem Zusammenhang kein Kunstobjekt, sondern ein Aufklärungsinstrument. Es „erhellt“ im besten Sinne des Wortes.

Ihre Projekte thematisieren auch häufig markante Architekturen. Warum?
Unsere gebaute Umwelt sagt sehr viel über uns aus: Wie wir leben, wie wir leben wollen, und dass viele gute Absichten oftmals zusammenbrechen, ohne dass dies vorher absehbar war. Das gilt beispielsweise für Großprojekte im Städtebau wie die optimistischen, ja euphorischen Planungen für das nördliche Ruhrgebiet in den 1970er Jahren, die schon 20 Jahre später Makulatur waren. Ich betrachte „Les Fleurs du Mal“ als Geschenk an die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Marl, die in den vergangenen Monaten so viel über die Geschichte ihrer Stadt, die ja die Geschichte einer Utopie ist, gesprochen haben, wie seit Jahren nicht mehr.
Die Idee zum „MetaZeichen“ am Mannesmannhochhaus kam mir bei einem Besuch in New York. Die Eleganz großer Bauwerke im Kontrast zur Vereinzelung der Menschen in der Metropole ist ein Widerspruch, der immer wieder reizt. Das „MetaZeichen“ war aber auch als Protest gegen die Schließung der Mannesmann-Werke in Duisburg gedacht.

Kann man sagen, dass Ihre künstlerische Arbeit auch eine politische, zumindest eine dezidiert sozialkritische Arbeit ist?
Mir ist die Begegnung mit den Menschen wichtig, der Austausch vor Ort, das physische Zusammentreffen. Das wird immer wichtiger, je mehr wir im Alltag in virtuellen Räumen kommunizieren. Ich glaube schon, dass ein solches Zusammentreffen im öffentlichen Raum eo ipso politisch ist. Ich würde keine „Lichtkunst“ machen, die rein dekorativ ist.

Mit Ihrer Konzeptreihe „public preposition“ stellen Sie etwas Überraschendes in die Öffentlichkeit und beobachten, was geschieht. Geht das immer so aus, wie Sie es geplant haben?
Da ich mit Menschen, also an der Basis arbeite, sind die Reaktionen nicht immer vorhersehbar. Das ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit, zu erfahren, wie Menschen auf einen künstlerischen Impuls reagieren. Insofern interessiert mich ein bauliches oder stadträumliches Projekt viel stärker als die Arbeit an einem Museumsstück. Ich folge dem Ruf Einzelner, lasse mich vom Ort und von einem Leitthema inspirieren. Das macht die Schnittstelle von Kunst und Architektur ja so spannend für mich als Künstler!  

Autor: Christof Rose