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Aus der Serie "Architekten in ungewöhnlichen Berufsfeldern": Architektur zu Wasser

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Dass Architektur nicht nur auf dem Land, sondern auch auf dem Wasser eindrucksvoll sein kann, beweist die Architektin Anne Mense. Die Dortmunderin baut alte Schiffe um.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen Schiffe umzubauen?
Wasser, Häfen und Schiffe haben mich schon als Kind fasziniert. Als man mir vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe LWL anbot, ein museales Schüttgüterschiff von 68m Länge zum Veranstaltungsschiff umzubauen, zögerte ich keine Minute. Auch Privat verbringe ich einen Großteil meiner Freizeit auf meiner 40 Jahre alten Segelyacht aus Holz. Auf ihr habe ich ein tiefes Verständnis für das „Prinzip Schiff" erlangt. Was liegt da näher, als auch größere Schiffe umzubauen. Das Prinzip ist immer ähnlich.

Gibt es Besonderheiten beim Umbau von Schiffen, auf die man speziell achten muss?
Eigentlich ist alles anders als bei einem Gebäude. Oder wo hat man sonst schon Außenwände aus Stahl und Holz, die im Wasser liegen? Diese Umstände haben einen enormen Einfluss auf die Materialwahl und setzen ein großes bauphysikalisches Verständnis voraus. Trotzdem soll es, wie bei jedem Bauwerk, innen trocken und manchmal auch warm sein. Außerdem soll ein Schiff ja auch nach dem Umbau noch als solches zu erkennen und zu erleben sein. Auf der formellen Ebene gibt es natürlich auch eine Menge spezifischer Vorschriften, wie Schifffahrt- und Schiffsverordnungen, Schiffszulassungen usw., neben den einzuhaltenden Bauwerksnormen.

Bis jetzt sind aus den Schiffen meist Event- oder Gastronomieobjekte geworden. Könnten Sie sich vorstellen, auch Wohnquartiere in so einem Schiff unterzubringen?
Das würde ich unglaublich gerne gerade hier im Ruhrgebiet machen. Wohnen auf und am Wasser hat für viele Menschen eine unglaubliche Anziehungskraft und ich habe tatsächlich erste Anfragen. Diese Idee ist nicht neu und erfährt gerade eine Renaissance in Städten mit Weitblick. Städte in Deutschland, die traditionell am Wasser leben wie Hamburg, Berlin aber auch z.B. Duisburg und Münster haben das Wohnen auf und am Wasser als positives Stadtmarketing erkannt.

Mitunter ist so ein Umbau nicht nur in der Praxis sehr Anspruchsvoll, sondern auch eine Herausforderung mit den Behörden. Was macht den Umbau eines Schiffes so komplex?

Die Kernfrage ist immer, wie weit ist eine Kommune bereit sich auf ein solches Projekt einzulassen. In der Regel haben diese Schiffe keine gültige Schiffszulassung mehr (TÜV für Schiffe) und bekommen auch keine mehr nach heutigen Anforderung. Aber diese zum Teil 100 Jahre alten Schiffe sollen ja nicht mehr die Weltmeere durchkreuzen, sondern stehen in der Regel sicher im Hafenbecken. Ich kann den Behörden rechtliche Wege aufzeigen, wie Event-Schiffe auch ohne Schiffszulassung rechtssicher betrieben werden können. Wird ein Schiff von der Kommune allerdings als „Sonderbau“ eingestuft, wie hier in Dortmund, wird es tatsächlich ein Herausforderung mit enormen Kosten für den Investor.

Ist es auch möglich, noch fahrtüchtige Schiffe umzugestalten und mit diesen wieder abzulegen?
Selbstverständlich ist dies möglich. Allerdings sind dies dann Schiffe die eine Schiffszulassung von der ZSUK (Zentrale Schifffahrtsuntersuchungs-kommission) haben, eben dem TÜV – für Schiffe. Dafür gibt es auch eine Menge Beispiele. Die „OSTARA“, das Veranstaltungsschiff vom LWL, wurde genau für diesen Zweck konzipiert, um mit fahrenden Ausstellungen für den Landschaftsverband Westfalen-Lippe zu werben.

Nehmen Ihre Eventschiffe einen besonderen Stellenwert in den verschiedenen Städten ein?
Auf alle Fälle. Keine andere Location ist so schnell bekannt wie ein Eventschiff.
Auch in Dortmund hat die Wirtschaftsförderung und der örtliche Energieträger das Schiff bereits für sein Stadtmarketing entdeckt. Vom BVB ganz zu schweigen, der eine monatliche Talksendung hier aufzeichnet. Selbst der Deutsche Seglerverband hat das Schiff für die Abnahme seiner Prüfungen entdeckt. Am Tag der Architektur im letzten Jahr haben über 300 Leute „Herr(n) Walter“ besucht. Auf das Schiffsprojekt in Duisburg wartet die Stadt schon mit großem Interesse und viel konstruktivem Wohlwollen zur weiteren Belebung des Duisburger Innenhafens.

Welche Qualifikationen als Architektin brauchen Sie, um ein so ungewöhnliches Projekt in Angriff nehmen zu können?
Durchhaltevermögen und Idealismus! Nein im Ernst: Ich habe mir inzwischen einige Erfahrung und ein großes Fachwissen über Schiffe, entsprechende Verordnungen und das ganz spezielle Vokabular bei Schiffen erworben. Außerdem bewege ich mich natürlich in Netzwerken mit Schiffssachverständigen, Werften, Schiffahrtsmuseen, Hafenämtern, Wasser-schutzpolizei usw. mit diesem Spezialwissen arbeite ich auch gern in Kooperation mit anderen Architekten zusammen, so wie auch sehr erfolgreich bei dem Projekt in Duisburg.

Würden Sie sagen, dass sich diese Art von Umbau zu einem Trend entwickeln könnte oder werden es eher Highlights bleiben?
Ich denke schon, dass die Suche nach außergewöhnlichen Veranstaltungsorten zunimmt, alle Zeichen stehen auf Grün. Gerade Firmen zeigen zunehmendes Interesse an ungewöhnlichen Eventstätten für ihre Präsentationen und Feste. Und trotzdem wird jedes Schiff allein durch seine Geschichte und Einzigartigkeit ein Highlight bleiben selbst, wenn es mehrere an einem Ort sind. Im Gegenteil, ich finde sogar das mehrere Schiffe die Attraktivität noch erhöhen. Gerade mit dem durch die IBA angestoßenen und realisierten Ausbau von Marinas könnte eine ganz neue Freizeitkultur entstehen, unser Nachbarland, die Niederlande sind da ein leuchtendes Beispiel.

Autor: Sebastian Radeck