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Gelassenheit und Gigantismus

  • Foto: Portrait Bruno Braun

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    In China erfolgreich aktiv: Bruno Braun, Architekt aus Düsseldorf - Foto: Jens Frantzen

Als der Düsseldorfer Architekt Bruno Braun vor etwa neun Jahren den Auftrag annahm, in Peking ein Wohnhaus zu bauen, hatte er keine Ahnung von China. Heute ist aus der Herausforderung in der Fremde eine Leidenschaft geworden, und dem einen Auftrag folgten weitere. Was man von den Chinesen lernen kann, erzählt Braun im Interview unserer Reihe „NRW-Architekten im Ausland“.

Herr Braun, Sie sagen selbst, Sie hätten an China „einen Narren gefressen". Was hat Sie so fasziniert?

Braun: Zuerst war es die absolute Fremde, eine andere Welt, in die man sich hineindenken muss. Dazu kam die ungeheure Aufbruchstimmung. Diese Leute wollten alle etwas Neues schaffen. Doch das Land hat in der Kulturrevolution so viel von seiner eigenen Architektur verloren, dass die Chinesen selber in einer Art Kolonialstil hängen geblieben sind. Hier liegt eine große Aufgabe für Architekten. Ein Professor in Taiwan hat einmal zu mir gesagt: „Bitte helfen Sie uns, unsere Identität wieder zu finden." Das hat mich sehr beeindruckt. Andererseits ist da dieser Gigantismus. Ich habe miterlebt, wie über Nacht ganze Stauseen entstanden.

Eines Ihrer Projekte ist der Wiederaufbau einer Hofanlage aus dem 16. Jahrhundert in der historischen Stadt Ping Yao. Benötigt man für eine solche Aufgabe nicht Spezialkenntnisse?

Ich habe tatsächlich viel recherchiert. Aber vor allem habe ich vor Ort viel gefragt, meine Augen aufgemacht und zugeschaut, wie die Arbeiter auf anderen Baustellen mit Lehm und Stroh hantiert haben. Ich habe auch Mörtelreste mit nach Deutschland genommen und sie hier in Labors untersuchen lassen. Natürlich habe ich auch viel gelesen und inzwischen eine richtige Bibliothek.

Welchen Stellenwert hat denn in China Architektur aus Deutschland?

Am Anfang war es für viele Bauherren einfach sehr schick, einen Architekten aus Deutschland zu haben, ein richtiges Statussymbol. Ich habe auch in der tiefsten Provinz gebaut, da hatten die Leute teilweise noch nie einen Europäer gesehen und uns auf der Straße fotografiert. Mittlerweile beginnt man aber auch fernab der Großstädte über Bauqualität, Umweltproblematik und Energieeffizienz nachzudenken und will weg von den teilweise katastrophalen Zuständen.

Haben Sie denn auch selbst viel lernen können?

Unglaublich viel. An allererster Stelle Gelassenheit. In China können viele Dinge sehr lange dauern, auf der anderen Seite wird man manchmal mit unmöglichen Forderungen konfrontiert. Ein Bauherr, für den ich ein Hotel gebaut habe, hat zum Beispiel über Nacht einfach beschlossen, die Eingangshalle einen Meter höher zu machen. Die Pläne waren aber schon komplett fertig, die Rolltreppen hingen daraufhin in der Luft und dem Obergeschoss fehlte ein Meter. Und dann sollte ich in drei Tagen die ganzen Pläne abändern. „Ach, das schaffst Du schon", hat er ganz freundlich gesagt. So etwas kann passieren. Andererseits habe ich auch noch nie so viel Anerkennung erfahren wie in China. Wenn ich auf die Baustelle kam, haben alle aufgehört zu arbeiten und hockten auf dem Boden um mich herum. Dort habe ich auch die Kraft des Mediums Zeichnung neu erfahren. Die meisten Arbeiter waren Wanderarbeiter mit Dialekten, die kein Dolmetscher verstand. Darum bekam ich immer große Tafeln, auf die ich gezeichnet habe. Das hat super funktioniert.

Was raten Sie deutschen Kollegen, die über Aktivitäten in China nachdenken?

Vor allen Dingen, es nicht des Geldes wegen zu tun. Nach meinen Erfahrungen baut man in China für etwa ein Drittel der hiesigen Baukosten, das überträgt sich natürlich auf die Architektenleistung. Aber wer seinen Horizont erweitern, sich an komplett neuen Aufgaben versuchen und ein wirklich beeindruckendes Land mit unglaublichen Möglichkeiten kennenlernen will, für den ist China goldrichtig.

Zur Person:

Bruno Braun, Jahrgang 1947, kam aus dem schweizerischen Kreuzlingen nach Düsseldorf und studierte an der Hochschule für Bildende Künste. Nach dem Examen 1974 gründete er mit einem Partner das Büro TBP, seit 2003 ist er alleiniger Geschäftsführer seines Büros BRUNOBRAUN ARCHITEKTEN. Schwerpunkte der Arbeit bilden Gebäude für Gesundheit und Pflege, ebenso für Verwaltung, kirchliche Nutzung und individuelle Bauvorhaben. Unter seinen mittlerweile 14 Mitarbeitern ist auch ein Chinese, der für die Projekte in China die Baupläne übersetzt.

Autor: Jens Frantzen