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Offenheit für Kultur und Sprache

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    Foto: Thomas Rabsch

Frank Maier-Solgk interviewt Julia Bolles-Wilson für die Serie "NRW-Architekten im Ausland" und spricht mit ihr über die Besonderheiten, Geflogenheiten und Unterschiede beim Arbeiten in Luxemburg, London, Tokio oder Albanien.

Frau Bolles-Wilson, Sie planen derzeit in Luxemburg die große Nationalbibliothek BnL. Wie oft reisen Sie nun von Münster nach Luxemburg?
Bolles-Wilson: Derzeit fahren wir regelmäßig alle 14 Tage. Wir arbeiten wie bei allen anderen unserer ausländischen Projekte mit Büros vor Ort zusammen. In diesem Fall ist es das Büro WW+, das in Trier und in Luxemburg ansässig ist. Die Art der Zusammenarbeit und unsere Präsenz vor Ort ändern sich je nach Planungsfortlauf. Nach Beauftragung 2011 lag in den ersten Phasen von der Grundlagenermittlung bis zur Vor- und Entwurfsplanung der Hauptanteil der Arbeit auf unserer Seite. Nach der gegenwärtigen Ausführungsphase (aktuell steht der Aushub kurz bevor) beginnt sich die Tätigkeit mehr in Richtung unseres Partners zu verschieben. Insofern ist das Ganze ein flexibler Prozess.

Welche Vorteile bietet Ihnen diese Art einer kooperativen und situativen Projektabwicklung? Und wie finden Sie die Kooperationspartner?
Unser kreatives Steuerungszentrum sitzt seit 1989 in Münster von ziemlich gleichbleibender Größe. Wir haben nie Dependancen gebildet, um eine möglichst große Kontrolle über die Qualität der Projekte zu behalten. Im Umkehrschluss ist es dann erforderlich, sich mit Partnern zusammen zu tun, um die Größenordnung und sprachliche sowie fachliche Expertise bereit zu stellen, die das jeweilige Projekt erfordert. In Luxemburg zum Beispiel haben wir eine ganze Reihe von geeigneten Büros persönlich interviewt, bevor wir uns für WW+ als ARGE-Partner entschieden haben.

Wie ist die Zusammenarbeit mit den Behörden in Luxemburg?
Die Unterschiede in der Zusammenarbeit mit den zuständigen Stellen sind im Vergleich zu Deutschland eigentlich nicht sehr groß. Was in Planungsrunden und in der Kommunikation in Luxemburg jedoch eine Rolle spielt, ist das Sprachliche. Luxemburger sprechen Luxemburgisch, Deutsch, Französisch und Englisch. In den  Sitzungen und Besprechungen wird mitunter fließend zwischen Deutsch und Luxemburgisch oder auch Französisch gewechselt. Und Luxemburgisch ist eine ganz eigene Sprache. Es ist in dieser Hinsicht ähnlich wie in den Niederlanden, wo fließend Englisch gesprochen, aber gerne auch ins Niederländische gesprungen wird. Eine gewisse Flexibilität und Gewandtheit, auch eine Offenheit für die Kultur und Befindlichkeit des jeweiligen Landes sind für die Zusammenarbeit unerlässlich.

Sie sind seit Ihren Anfängen viel im Ausland tätig gewesen. Niederlande, England, Australien, derzeit Italien, Libanon, Luxemburg. Verfolgen Sie eine Strategie in dieser Hinsicht?
Von einer Strategie würde ich nicht sprechen. Noch bevor wir nach Deutschland gezogen sind, hatten wir einige kleinere Projekte in London und in Japan realisiert. Seit wir hier in Münster die Stadtbücherei bauen konnten, haben wir auch in dieser Stadt, der Region und in Deutschland ein starkes Standbein. Was die Auslandsaufträge betrifft, so hat unser Münsteraner Bibliotheksprojekt, das 1993 fertig gestellt wurde, gemeinsam mit den früheren Projekten in London und Tokio (die alle weltweit veröffentlicht wurden) den Weg geöffnet. Aus dem Ausland werden wir häufig direkt angesprochen und zu Wettbewerben eingeladen. In Deutschland beteiligen wir uns an vielen Wettbewerben. Wir sind allerdings nicht in den aktuellen Boom-Regionen China und den arabischen Ländern tätig. Angesichts der derzeitigen wirtschaftlichen Krisensituationen in Spanien, Italien und besonders auch in den Niederlanden scheiden diese Länder für eine „Strategie“ momentan leider sowieso aus.

Sie haben derzeit auch Projekte im Libanon und sogar in Albanien. Wie ist es dazu gekommen?
Dieser interessante Kontakt kam über den Bürgermeister von Tirana, Edi Rama, zustande. Rama war früher bildender Künstler und ist jetzt Präsident des Landes. Er ließ Anfang der 2000er Jahre die grauen Häuser der Stadt in einer viel beachteten Aktion farbig bemalen und löste damit eine veritable Architekturdiskussion im Land aus. In diesen Jahren waren wir auf seine Einladung hin mit mehreren Master- und Gebäudeplanungen beschäftigt. Man kam auch im Zusammenhang mit einem urbanen Projekt in der zweitgrößten albanischen Stadt Korca auf uns zu; wir entwickelten damals einen Masterplan mit dem Titel „Scenographic Urbanism“. Unser aktuelles Projekt eines sogenannten Theaterturms ist eine Fortsetzung dieser Zusammenarbeit. Aber unsere Arbeiten dort sind wahrscheinlich nicht repräsentativ für die generellen Perspektiven einer Tätigkeit von Architekten im Ausland.

Autor: Dr. Frank Maier-Solgk