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Taiwan im Fokus

  • Foto: Drei Männer nebeneinander, im Hintergrund ein weißes Regal

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    Arbeiten in Deutschland und Taiwan: Yu-Han Michael Lin, Martin Behet und Roland Bondzio - Foto: H. Rescher

Den Wettbewerb für die Neugestaltung der Universität in Leipzig konnte „behet bondzio lin“ (Hauptsitz in Münster) für sich entscheiden. Das Trio hat mit außergewöhnlichen Bauten in Taiwan, aber auch ein internationales Profil entwickelt. Den realistischen Blick auf die Dinge haben Martin Behet, Roland Bondzio und Yu-Han Michael Lin sich dennoch erhalten. - Ein Interview in unserer Reihe „NRW-Architekten im Ausland“.

Dass ein junges Büro sein Glück nicht erst in Deutschland sucht, sondern parallel auch Projekte im Ausland verfolgt, ist doch recht ungewöhnlich. Wie kam es dazu und wie organisieren Sie sich?

Bondzio: Michael Lin hatte in der Anfangszeit des Büros bereits Projekte in Taiwan, die direkt losgingen und von denen wir eine ganze Zeit gelebt haben. Das war noch zu einer Zeit, in der wir nicht richtig wussten, wie sich das Projekt Uni Leipzig entwickeln würde.
Lin: Ich bin zwar in Taipeh geboren, habe aber in den USA studiert. Aus privaten Gründen kam ich nach Deutschland. Die fast schon sprichwörtlich hohe Bauqualität reizte mich sehr. Etwa alle zwei Monate fliege ich nun für einige Tage nach Taiwan, um die Projekte zu betreuen. Dort haben wir kein eigenes Büro, aber eine Dependance, und arbeiten eng mit einem Kontaktarchitekten zusammen.  Er übersetzt die Leistungen und steht in täglichem Kontakt mit dem Bauherrn.
Behet: Mittlerweile tragen zwar die Aufträge in Münster und Leipzig das Büro, dennoch sind die Projekte in Taiwan für uns nicht weniger wichtig geworden. Die Arbeit im Ausland bringt für uns viele Positiverlebnisse, die unseren gesamten Arbeitsprozess beeinflussen. 

Ist die internationale Ausrichtung des Büros als bewusster, strategischer Akt zu interpretieren?

Lin: Als wir drei das erste mal zusammen gesessen haben, habe ich gesagt: „Ich werde niemals in Taiwan bauen. Es gibt einen Grund, wieso ich eben nicht in Taiwan bin. Ich möchte hier in Deutschland arbeiten.“ Doch als sich in Taiwan der Kontakt ergab, sagte der Bauherr zu mir: „Du kannst das bauen, was Du möchtest - in Deinem Stil, in Deiner Sprache.“ Eine solche Gelegenheit muss man wohl nutzen. Insofern war die Arbeit in Taiwan keine strategische Entscheidung.
Bondzio: Schon unser erster gemeinsamer Wettbewerb in Österreich, noch unter „behet bondzio“, hatte sich eher zufällig ergeben. Unser Radius war aber nie regional beschränkt. An Wettbewerben haben wir uns von Anfang an bundesweit beteiligt. Als Michael dann in unser Büro kam, hat sich der Kontakt nach Taiwan zwangsläufig ergeben.  

Wie werden Sie in Taiwan als deutsches Architekturbüro wahrgenommen? Wie kommt es Ihrer Arbeit in Deutschland zugute?

Behet: Soweit ich das von Deutschland aus beurteilen kann, gilt auch in Taiwan der Spruch: „Der Prophet gilt nichts im eigenen Land“. Der Bauherr in Taiwan hat ganz bewusst einen Architekten gesucht, der einen internationalen Horizont hat.
Bondzio: Von den Auswirkungen des Erfolgs in Taiwan waren wir selbst ziemlich überrascht. Man muss sich das vorstellen: Wir saßen in einem kleinen Büro in Deutschland mit drei Leuten, und in der „China Times“, mit 300 Millionen Lesern, stand auf der ersten Seite „Taiwanesischer Star leuchtet über Europa“. Und Michael führte Telefonvorlesungen und Interviews mit Journalisten aus Taiwan. Das waren teilweise surreale Situationen. Unsere Arbeit in Deutschland hat dies aber beflügelt.
Bondzio: Sich als junges Büro in der Region oder in Deutschland zu etablieren, ist ungeheuer schwer. Das braucht Zeit und einen langen Atem. Dabei ist, was die Auftragslage und die Reputation im eigenen Land betrifft, ein Engagement im Ausland sehr hilfreich. Mit der Arbeit im Ausland wird immer auch ein Stück „Glanz“ transportiert.  

Wie beurteilen Sie die Arbeitsbedingungen vor Ort und den Umgang mit den chinesischen Behörden?

Behet: Das ist schon eine gewaltige Hürde und man muss den Ehrgeiz mitbringen, den Berg an Herausforderungen zu überwinden. Viele Dinge sind nicht einschätzbar. Wichtig ist es daher, einen guten Kontaktarchitekten zu haben, der sich im nationalen Baurecht und den örtlichen Gepflogenheiten auskennt.
Lin: Denken Sie zum Beispiel an die Erdbebengefahr in der Region. Es gelten Richtlinien, die in Deutschland völlig unbekannt sind. Noch ein weiteres Beispiel: Wenn in Deutschland eine Bautoleranz von 1 cm gilt, so wird in Taiwan ein Abweichung von 20 cm als tolerierbar empfunden. Wie das zu bewerten ist, mag jeder für selbst entscheiden. Es macht aber deutlich, dass man sich, auf allen Ebenen, auf das Land einlassen muss und die gewohnten Ansprüche nicht übertragen kann.  

Lohnt es sich denn aus finanzieller Sicht?

Bondzio: Wenn man  bei Null anfängt, sollte man in den ersten Jahren am besten keinen Gedanken daran verschwenden, dass Geld verdient werden kann. Das ist für kleinere Büros ohne Erfahrung im Ausland völlig unrealistisch. Man braucht einige Jahre, bis sich das Engagement auch rentiert. In unserem Fall war der bestehende Kontakt ein Glücksfall. Jahrelange Aufbauarbeit hatten wir nicht nötig. Eine Dependance im Ausland zu eröffnen oder sich um Aufträge zu bemühen, ist eine weitreichende strategische Entscheidung.  

Würden Sie sich mehr Unterstützung aus Deutschland wünschen?

Bondzio: Vor ein paar Wochen habe ich an einer Veranstaltung des NAX Netzwerk Architekturexport der Bundesarchitektenkammer teilgenommen. Das war für mich Neuland und sehr interessant. Das Netzwerk hält sehr gute Tipps und Kontakte bereit, auch als Download auf der Website. So kann man sich zum Beispiel beim NAX melden, um Delegationsreisen ins Ausland zu begleiten. Das war für mich ein Tor, das jetzt aufgestoßen ist, wo wir vorher gar nicht richtig hingeguckt haben. Ich habe das als sehr positiv und hilfreich empfunden. 

Zum Büro:
Behet Bondzio Lin wurde im Jahr 2000 durch Martin Behet und Roland Bondzio gegründet. Hauptsitz ist Münster mit Büros in Leipzig. In 2003 stieß Yu-Han Michael Lin hinzu. In der Folge wurden mehrere Projekte in Taiwan bearbeitet. Das Haus Peng in Taichung wurde mehrfach ausgezeichnet und beeindruckt durch Leichtigkeit, Strenge und Eleganz (www.2bxl.com). Durch den Großauftrag zur Neu- und Umgestaltung der Universität Leipzig am Augustusplatz (voraussichtliche Fertigstellung in 2008) konnte das Büro stark wachsen und hat heute 21 Mitarbeiter. Mit der Umgestaltung eines Studentenheims haben Behet Bondzio Lin sich auch in Münster etabliert. Als Partnerin kam Annemarie Schüler-Niehus in das Büro.

Autor: Dr. Holger Rescher