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Gartendirektor Paul Meyerkamp

Bielefeld zählt zu den am stärksten durch Grünanlagen geprägten Großstädten in Nordrhein-Westfalen. Der Grundstein zu dieser Entwicklung wurde vor fast 100 Jahren von Paul Meyerkamp gelegt, dem ersten „Gartendirektor“ des ostwestfälischen Oberzentrums. Ein Beitrag zur Retrospektive über einflussreiche Architekten, Innenarchitekten, Landschaftsarchitekten und Stadtplaner aus Nordrhein-Westfalen.

Die ersten städtischen Parkanlagen in Deutschland sind fürstliche Parks, die in der Zeit des aufgeklärten Absolutismus für das bürgerliche Publikum geöffnet werden. Die Geschichte des städtischen Grüns hingegen beginnt erst mit der Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts und ist mehr Ausdruck des bürgerlichen Wohlstandes der wachsenden Städte als eine Reaktion auf die sich verschlechternde Umweltsituation und die Lebensverhältnisse der Arbeiterschicht.

Die Industrialisierung erreicht schließlich auch die ostwestfälische Stadt Bielefeld. Ihr fehlt eine Tradition als Residenzstadt, wie sie z. B. das benachbarte Detmold aufweist, und somit auch Schlossparks und repräsentative Stadtplätze. Die Entstehung des Bielefelder Grünflächensystems soll erst 1907 mit der Einstellung des ersten Gartendirektors Paul Meyer­kamp beginnen. Meyerkamp ist ein Sohn der Stadt, hat nach der Ersten Bürgerschule eine Gärtnerlehre und anschließend die Prüfung zum „Obergärtner“ der Gärtner-Lehranstalt in Potsdam absolviert. Damit gehört er zur ersten Generation von Gärtnern mit einer weiterführenden Ausbildung. 

Gärten für den Bürger 

Meyerkamp erkennt bald, dass er sich nicht nur auf die Pflege der wenigen Zier- und Repräsentationsflächen beschränken darf. Für den Menschen in der wachsenden Großstadt Bielefeld muss mehr getan werden, und so stellt Meyerkamp die Bürgerinnen und Bürger ihn in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. Meyerkamp beginnt mit der Anlage von Kinderspielplätzen und Liegewiesen, aufgrund der zu schmalen Straßen einer ehedem ländlich geprägten Stadt mit der Pflanzung von Einzelbäumen auf städtischem und privatem Gelände. 1911 wird mit dem Bau des Sennefriedhofes begonnen, noch heute einer der großen Waldfriedhöfe, der Meyerkamp und seinen Mitarbeiter Hoffmann schnell überregional bekannt macht.  

„Bewegungsfreiheit in Grünanlagen!“ 

1912 beginnt der Ausbau des Botanischen Gartens, der in besonderem Maße Meyerkamps Geschick in der Nutzung natürlicher Gegebenheiten zeigt. Die Anlage versteht sich als ein Garten für den Bürger und geht ohne Zaun in den freien Wald über. Zäune und Verbotsschilder werden von Meyerkamp in allen Anlagen abgeschafft; sein Credo heißt: Bewegungsfreiheit in Erholungsanlagen!Im Westen Bielefelds entsteht am unteren Hang des Teutoburger Waldes Ende der 20er Jahre, in einer Zeit wirtschaftlicher Depression, der Bürgerpark, der mit seinem Spielplatz, den formal angelegten Wegen, Sondergärten und seinen architektonischen Elementen deutliche Merkmale eines Volksparks aufweist. Auch spätere Arbeiten Meyerkamps wie z. B. der Nordpark, der heute eine vielbe­suchte Naherholungsanlage inmitten einer dichten Bebauung ist, zeigen seine Idee der Vernetzung mit der umgebenden Landschaft sowie den Aspekt der Kommunikation der Bürger im Park. 

Vom Grünzug zum Grünnetz

Immer mehr wird ihm klar, dass eine zusammenhängende Gesamtdurchgrünung der Stadt das Ziel sein muss. In diesem Sinne betrachtet Paul Meyerkamp alle Grüneinrichtungen als Teil eines Gesamtwerkes, eines Grünnetzes. Dazu gehört für ihn auch die Erschließung der städtischen Wälder und der umliegenden Landschaften durch Wege. Meyerkamp skizziert Grüngürtel im Stadtgebiet und widmet sich intensiv der Begrünung des Stadtrandes, so dass schon 1932 Bielefeld als „Stadt im Grünen“ und als Musterbeispiel für städtische Grünplanung gilt.Nach Ende des zweiten Weltkrieges sind ein Drittel der Bebauung Schutt und Asche, und der Rest ist durchweg beschädigt. Meyerkamp wird im September 1945 pensioniert, arbeitet jedoch noch seinen Nachfolger Hans-Ulrich Schmidt bis 1947 ein. Dieser übernimmt das Amt des Gartenbaudirektors und tritt im zerstörten Nachkriegsdeutschland ein schweres Erbe an. Meyerkamp stirbt 1949. Das Gesamtkonzept Meyerkamps wird bis 1976 von Schmidt unter großer bundesweiter Beachtung erheblich erweitert, aber in den Grundzügen nicht verändert. Noch heute gilt das von Meyerkamp begonnene Gesamtwerk eines städtischen Grünnetzes als beispielhaft. 

Till Wöhler arbeitet als freier Journalist in Bielefeld

Autor: Till Wöhler