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Großer Baumeister in zweiter Reihe

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    Theater Aachen: Eines der prominentesten Bauwerke von Johann Peter Cremer - Foto: Thomas Robbin

Im Juli 1817 ernannte die Bezirksregierung in Aachen einen neuen Landesbauinspektor. Die erste, noch im gleichen Jahr erteilte Bauaufgabe für Johann Peter Cremer (1785-1863) war ein neues Theater, welches ein älteres Haus von Johann Couven ersetzen sollte. Es dauerte ein paar Jahre, bis im November 1822, anlässlich des 25. Thronjubiläums König Friedrich Wilhelm III, die Grundsteinlegung erfolgte - übrigens zeitgleich mit der der ebenfalls von Cremer entworfenen eleganten Wandelhalle des Elisenbrunnens. Die Eröffnung des Theaters fand am 15. Mai 1825 mit einer Oper von Louis Spohr statt; eine Woche später folgte die festliche Aufführung von Beethovens 9. Symphonie, zum ersten Mal nach der Wiener Uraufführung.

Die Trias der neuen Cremer’schen Bauten in Aachen beschloss 1826 das so genannte Regierungsgebäude, ebenfalls am Theaterplatz gelegen. Der Dreiklang von Regierungsbau, Kurarchitektur (Natur) und Kulturtempel entsprach offenbar der preußischen Staatsidee (ohne Religion) und verwies auch stilistisch auf den klaren vereinheitlichenden Geist eines staatlichen Klassizismus. Im Zentrum rangierte damals die Kultur, woran man sich heute gelegentlich erinnern kann, wenn etwa in der neuen Elbphilharmonie die Staatenlenker der Gegenwart wiederum die 9. Symphonie serviert bekommen. Bei den großen Ereignissen dient die Kultur noch immer gut zur Selbstdarstellung des Staates.

In Aachen lässt sich trotz der Kriegszerstörungen diese alte Rolle der Kultur auch heute zumindest erahnen. Cremer war beim äußeren Erscheinungsbild des mächtigen Theaterbaus (82,5 Fuß breit, 208 Fuß lang) ganz den klassischen Regeln gefolgt: Die Eingangsfront ziert ein Portikus mit acht ionischen Säulen, darüber prunkt das mit einem Relief geschmückte Giebelfeld, in dessen Mitte Genius den beiden flankierenden Musen Melpomene (Tragödie) und Thalia (Komödie) einen Blätterkranz überreicht.

Die weitere Entwicklung des Hauses ist prosaischer. 1893 wurde ein eiserner Vorhang eingebaut und im Theater das elektrische Licht eingeführt. 1900 bis 1901 erfolgte unter der Leitung des Theaterarchitekten Heinrich Seeling (von ihm stammt u. a. das Essener Grillotheater) die Vergrößerung des Bühnenraumes, während außen hinter dem Giebelfeld zwei ungewöhnlich hohe Pylone hochgezogen wurden. Im Juli 1943 wurde das Theater wie der Luisenbrunnen durch einen Bombenangriff fast komplett zerstört; nur das vordere Tympanonfeld und der Prostylos blieben erhalten. Über den Wiederaufbau war man sich schnell einig. Schon im Dezember 1951 wurde das Theater, nun um einen Rang reduziert, mit einer Aufführung von Richard Wagners Meistersingern wiedereröffnet.

Cremer, der nicht nur in Aachen auch und vor allem zahlreiche Kirchenbauten hinterließ und der in Elberfeld das ehemalige Rathaus (heute Sitz des Von-der-Heydt-Museums) im Stil der italienischen Renaissance erbaute, hat reichlich bauliche Spuren hinterlassen.

Sein Problem trug den Namen Schinkel. Der nämlich, Oberlandesbaudirektor und zudem Vorsitzender für die Revisionsabteilung der preußischen Oberbaudeputation, die alle staatlichen Bauvorhaben jenseits von 500 Talern Kosten überprüfte, behielt sich vor, sämtliche Entwürfe öffentlicher Bauten zu überarbeiten. Cremers 6-säuligen Entwurf für das Aachener Theater erweiterte er auf 8 Säulen, er veränderte den Giebel wie nicht weniger auch Cremers Entwurf für den Luisenbrunnen. Dennoch - die Grundlinien waren ja vorgegeben. Cremer wie der große Schinkel gehörten der Generation deutscher Architekten an, die durch den strengen Regelkanon des französischen Klassizismus geprägt waren. Sie alle, zu denen auch Friedrich Weinbrenner, Gustav von Vorherr, Leo von Klenze und der Düsseldorfer Adolph von Vagedes gehörte, pilgerten in jenen Jahren nach Paris, um an der École polytechnique die rationalistische Entwurfslehre von Jean-Nicolas Louis Durand (1760–1834) und eine Typenlehre für den Entwurf von Gebäuden kennenzulernen, die lange erfolgreich war.

Die griechischen Anklänge dieser Architektur sind heute Geschichte, nicht ganz ein Denken in funktionalen Typologien. Und wenn man die Bauten von O. M. Ungers vor sich sieht: Seine rasterförmige strenge Systematik steht jenem französisch-preußischen Geist vielleicht nicht allzu fern.

Autor: Dr. Frank Maier-Solgk