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Reale Architektur - Erich Schneider-Wessling (1931-2017)

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    Erich Schneider-Wessling (1931 – 2017)

„Ortsbezug“ steht über der kreisförmigen Synopse, die seine Auffassung von „Architekt“ ins Bild fasst: Mit der Analyse des Kontextes beginnt für ihn jeder Entwurf eines Hauses, das einen Ort verändert und neu gestaltet. Darunter folgen die Begriffspaare „Natur“ und „Klima“, „moderne Technik“ und „angemessene Mittel“ sowie ganz unten „Individuum“ und „Gesellschaft“. Die Wechselbeziehungen zwischen ihnen zu untersuchen und die gewonnenen Erkenntnisse gleichzeitig, zu berück-sichtigen, macht für Erich Schneider-Wessling das Wesen der Architektur aus. Die verstand er nicht als „eine zeitgebundene formale Mode“, sondern als den gesellschaftlichen Auftrag, mit möglichst viel Information über das Befinden von Menschen in Räumen und in unterschiedlichen Klimazonen, über die Beziehungen der Menschen und über die Verträglichkeit von baulichen Eingriffen in die Umwelt, Städte und Häuser „herzustellen“. Sein Begriff dafür heißt „Reale Architektur“; so nannte er auch das Aufbaustudium an der Akademie der Bildenden Künste in München, das er 1980/81 gründete.

Das eigene Studium, das er von 1951 bis 1956 (unter anderem bei Hans Döllgast) an der TU München absolvierte, hat Erich Schneider-Wessling davon „überzeugt, dass wir hier sehr weit zurückstanden, dass wir gar keinen Anschluss hatten an die Moderne“. So ist er 1956 mit einem Fulbright-Stipendium nach Amerika gegangen, um dem betagten Frank Lloyd Wright über die Schulter zu sehen und im Büro von Richard J. Neutra in Los Angeles zu arbeiten, von wo er als Projektleiter nach Venezuela zog. In Köln, wo er sich 1960 selbständig machte und sein Büro zur „Ambulanzgalerie“ erklärte, kam er mit der „Fluxus“-Bewegung in Kontakt; früh beschäftigte er sich mit flexiblen Grundrissen, die das Verhältnis von Innen und Außen fließend gestalten. So stattete er (gemeinsam mit Zeki Dinekli) das Gästehaus der Alexander von Humboldt-Stiftung in Bonn-Bad Godesberg 1965 mit großen Glasfassaden und versetzbaren Wänden aus. Seinem Selbstverständnis nach ein „Künstler-Architekt“, war Schneider-Wessling ein Architekt der Künstler: Für seinen Freund Karlheinz Stockhausen baute er (mit Heinrich P. Hachenberg) in Kürten das „Labyr“ (1967) - ein Wohn- und Studiogebäude, halb Labor, halb Labyrinth. Für den Verleger Reinhold Neven DuMont (1967) baute er das Wohnhaus, für Mary Bauermeister das Wohn- und Atelierhaus (1968) - beide in Forsbach. Für Rudolf Zwirner erschuf er das Wohn- und Galeriehaus (1972) in der Kölner Albertusstraße.

Im Jahr 1968 gründete Schneider-Wessling mit Peter Busmann den „Bauturm“, eine Gemeinschaft von Architekten und Ingenieuren, der sich auch Godfrid Haberer, Erwin Zander, Walther Ruoff, Peter Trint und andere anschlossen: Großbauten wie die Kölner Hochschule für Musik und Tanz (1977) oder die Gesamtschule Bonn-Beuel (1981) wurden in Partnerschaften realisiert. Lange bevor er 1992 den Wettbewerb für das Verwaltungsgebäude der Deutschen Bundesstiftung Umwelt in Osnabrück mit dem Entwurf für ein „Band“ gewann, das sich durch einen Park schlängelt und 160 Jahre alte Buchen umtanzt, war Schneider-Wessling ein Pionier des ökologischen Bauens. Der Kleinstadt Kaarst gab er eine neue, mediterran anmutende Mitte (1995), die sich um Rathaus und Bürgerhaus gruppiert. Mit dem Projekt „Urbanes Wohnen“ zeigte er Wege für die Nachverdichtung der Innenstädte auf.

Sein eigenes Wohnhaus (1974) in der Josephstraße im Kölner Severinsviertel leistet einen originellen Beitrag dazu: Die Wohnlandschaft erstreckt sich über dreizehn Ebenen, deren halben Geschosse gegeneinander versetzt sind.

Der Sohn eines Bauunternehmers, der am 22. Juni 1931 im oberbayerischen Weßling geboren wurde, ist für sein vielfältiges Œuvre mehrfach ausgezeichnet worden: So 1984 mit dem Deutschen Städtebaupreis für den Sanierungsbereich Altstadt in Osnabrück, so 1987 mit dem Fritz-Schumacher-Preis für beispielhafte Leistungen auf dem Gebiete der Architektur und des Städtebaus, so 1993 mit dem Architekturpreis Beton für das Kommunikationszentrum (1991) der Bayer AG in Leverkusen. Im Jahr 2007 hat die Sächsische Akademie der Künste ihm in Dresden den erstmals vergebenen Gottfried Semper Architekturpreis zuerkannt. „Ausgewählt wurde ein Architekt“, so Werner Durth in seiner Laudatio, „dessen gesamtes – bisheriges – Lebenswerk als Baumeister, als Lehrer und als missionarisch wirksame öffentliche Person erfüllt war von der Botschaft, dass Bauen nicht nur Nutzen bringt und Gestaltung bedeutet, sondern immer auch Eingriffe in die Natur erfordert, die in all ihren Folgen zu bedenken und zu verantworten sind“.

Obwohl er in München, wo er aufgewachsen war, seit 1973 einen Lehrstuhl für Stadterneuerung und Wohnen an der Kunstakademie innehatte, ist der Architekt seiner Wahlheimat Köln zeitlebens treu geblieben. „Ich finde Köln viel reizvoller als München, die Stadt ist zwar alles andere als schön, aber lebendig“, bekannte er. Und sie stellt die größeren Bauaufgaben. Die werden ohne Erich Schneider-Wessling, der am 28. September 2017 im Alter von 86 Jahren gestorben ist, noch schwerer zu bewältigen sein. 

Autor: Andreas Rossmann