« zurück

Serie "Revisited": 100 Jahre Carsch-Haus in Düsseldorf von Otto Engeler

  • Bild 1 von 1

    Ikone des Konsums: Carsch Haus mit rekonsturiertem Musikpavillon in Düsseldorf – Foto: Johann H. Addicks

Der Typus Kaufhaus gehört trotz der gewaltigen Präsenz von Amazon und anderen Online-Stores heute offenbar noch nicht zu den vom Aussterben bedrohten Arten der Architektur – oder doch? Neuere Großprojekte wie das Einkaufszentrum Limbecker Platz in Essen, das Forum Duisburg oder die LP12 Mall of Berlin (2014 eröffnet), letztere errichtet an der Stelle des historischen Kaufhaus Wertheim, scheinen das Konzept des "Von allem etwas vor Ort" in die Zukunft verlängern zu können. Die Kaufhauskette Breuninger ist in Düsseldorf Ankermieter im - allerdings umstrittenen - Neubau Kö-Bogen. Von ihrer einstigen, auch architektonisch herausgehobenen Funktion sind die neuen Einkaufsorte jedoch ein ganzes Stück entfernt.

Zur Blütezeit um 1900 waren es die Kathedralen des Konsums, die neben Bahnhöfen, Gerichtsgebäuden und Banken das bürgerliche Stadt- und Weltbild des boomenden Industriezeitalters optisch bestimmten. Das "Au Bon Marché" in Paris (von 1880) und in Deutschland vor allem Alfred Messels Wertheimer Kaufhaus am Leipziger Platz (1897) waren die Pioniere, deren Häuser nach Außen Repräsentativität vermittelten, während im Inneren Lichthöfe in ausladenden Dimensionen dem Einkauferlebnis eine sakrale Note verliehen.

Carsch Haus - Kathedrale des Konsums

In Düsseldorf folgten diesen ersten Vertretern die beiden Kaufhausfürsten Leonard Tietze und Paul Carsch nach, die den bis heute gepflegten Ruf der Stadt am Rhein als Einkaufsstadt begründeten. Nachdem 1909 Joseph-Maria Olbrichs Warenhaus Tietz eröffnet hatte, folgte wenige Jahre später das Paul Carschs "Haus für vornehme Herren- und Knabenkleidung, Sport- und Livree-Kleidung + Herren-Mode-Artikel", damals noch am Hindenburgdamm bzw. am Alleeplatz, auch damals schon mit dem später rekonstruierten Musikpavillon - ein beliebter und belebter Anziehungspunkt, Mittelpunkt der Stadt. Im Mai 1915, vor gut 100 Jahren, fand  die feierliche Eröffnung statt.

Entworfen von Otto Engeler, dem Kaufhaus-Architekten

Entworfen hatte den fünfgeschossigen, von Sandsteinfassaden eingefassten Eisenbetonbau Otto Engeler, der als Kaufhaus-Architekt bekannt war und in Krefeld (Kaufhaus Sinn) und Frankfurt am Main bereits entsprechende Häuser geplant hatte. Repräsentativ fiel auch das neue Düsseldorfer Haus aus, dessen vertikale Fassadenpfeiler, eine mächtige Kolossalordnung sowie ein abgeflachtes Walmdach Gediegenheit und Macht zum Ausdruck bringen. Der Bauherr und Eigentümer Paul Carsch, der das Haus im Zuge der Arisierung 1933 verkaufen musste, konnte der Deportation noch rechtzeitig entkommen und emigrierte 1939 nach Amsterdam.

Vor dem Abriss bewahrt

Im Krieg beschädigt, aber immerhin nicht völlig zerstört, erlebte das Carsch-Haus nach einer Phase als Kultureinrichtung in den 1970er Jahren ein baugeschichtlich bedeutsames Ereignis: Im Zusammenhang mit dem beginnenden U-Bahn-Bau hatte die Stadt aus Platzgründen den Abriss des Carsch-Hauses beantragt. Bis zum Baubeginn verstrichen jedoch mehrere Jahre, in denen sich die Stimmung änderte; der Denkmalschutz gewann im Bewusstsein der Bevölkerung an Bedeutung. Bürgerinitiativen ebenso wie der Landeskonservator erhoben Einspruch gegen den Abriss; prominente Architekten, unter ihnen Harald Deilmann, Helmut Hentrich und Alexander von Branca, erstellten eine Machbarkeitsstudie, die zu der damals viel diskutierten Versetzung um 23 Meter nach Westen führte. Eine Architektengemeinschaft der beiden führenden Düsseldorfer Büros HPP und RKW führte das Projekt durch. Am 27. September 1984, nach fünfjähriger Bauzeit, in der Stein für Stein ab- und wieder aufgebaut wurde, wurde das Carsch-Haus (nun zur Horten AG gehörig) wiedereröffnet.

Die Zukunft der Warenhäuser

Wie die Zukunft der Kauf- und Warenhäuser in den Innenstädten aussehen wird, ist offen. Dass sie als stadtbildprägende Ikonen des Konsums weiterhin eine große Zukunft haben werden, oder, wie in den 1960er Jahren, als Architekturelemente wie die Horten-Kachel und weiße Hertie-Metallplatten en vogue waren, weiterhin der Markenbildung dienen werden, all dies erscheint zweifelhaft. Aus städtebaulicher Perspektive dürfte statt der Großprojekte ein Konzept wie die „Fünf Höfe“ (Herzog & de Meuron, Ivano Gianola, Hilmer & Sattler) in München eine positivere Wirkung haben: Hier verbindet sich das Einkaufserlebnis tatsächlich mit dem öffentlichen Raum und erreicht das, das Warenwelt immer sein wollte – ein Ausdruck von Urbanität.

Das Carsch-Haus finden Sie auch auf baukunst-nrw.

Autor: Dr. Frank Maier-Solgk