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02. Architekturquartett NRW: Polarisierende Zeichen

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    Die Kranhäuser - drei Büro- und Wohngebäude, die im Kölner Rheinauhafen entstehen. Mit über das Wasser auskragenden Bauteilen stellen sie zugleich eine Reminiszenz an den Ort und an El Lissitzkys „Wolkenbügel“ dar (Architekten: BRT, Hamburg; der Entwurf für das Gesamtensemble ist Ergebnis eines Workshops und unter Miturheberschaft von Linster Architekten (Trier) entstanden). - Foto: M. Kersting

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    Das Haus am Pegel - ein Umnutzungs-projekt im Neusser Hafen: Aus einer alten Lagerhalle wurde ein modernes Büro-und Dienstleistungszentrum. Signifikant: die Farbgebung. Das Haus ist Impulsgeber für die Hafenentwicklung. (Architekten: Atelier Fritschi, Stahl & Baum, Düsseldorf). - Foto: Markus Kersting

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    Das Super C - Sitz der neuen Studentenverwaltung der RWTH Aachen: Seinen Namen hat das Gebäude aufgrund seiner Form, die im seitlichen Schnitt erkennbar wird: Dachgeschosse, Hauptgeschosse und Untergeschosse bilden ein „C“ (Architekten: Eva-Maria Pape und Susanne Fritzer). - Foto: M. Kersting

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    Engagierte Diskussion im Savoy-Theater: „Wie notwendig ist zeichenhafte Architektur?“

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    Kammer-Präsident Hartmut Miksch (Mitte) begüßte Prof. Kunibert Wachten, Christian Hümmeler, Ulrich Tillmanns und Hans Dieter Collinet (v. l. n. r). - Fotos: U. Horn

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"Ein Leuchtturm gibt Orientierung. Zehn Leuchttürme nebeneinander stiften Verwirrung.“ Der Eindruck des Kommunikationsfachmanns Ulrich Tillmanns, dass zu viele Bauwerke gegenwärtig versuchen, sich als zeichenhaftes Element im Stadtraum hervorzuheben, zog sich wie ein roter Faden durch das 02. Architekturquartett NRW. Unter dem Titel "Zeichen" hatte die Architektenkammer NRW am 17. März ins Düsseldorfer Savoy-Theater eingeladen, um anhand von drei aktuellen Bauwerken zu diskutieren, welche Rolle und Bedeutung signalhaften Bauwerken in Nordrhein-Westfalen zukommt.

Wie sinnvoll und nachhaltig sind zeichenhafte Bauwerke? Sind sie notwendig für die Entwicklung innovativer Architekturkonzepte? Oder gefährden sie eher kontinuierliche städtebauliche Prozesse? Diese und andere Fragen diskutierten auf der Bühne Prof. Kunibert Wachten (RWTH Aachen/ Architekt und Stadtplaner), Hans Dieter Collinet (Architekt, Ministerialdirigent a. D. im NRW-Bauministerium), Christian Hümmeler (Redakteur/Kölner Stadtanzeiger) und Ulrich Tillmanns (Geschäftsführer der Düsseldorfer Werbeagentur Tillmanns Ogilvy & Mather). Dabei ging es um Fragen der Einbindung in den Stadtraum, um das richtige Maß in der Planung, aber auch darum, was die Architektur bei den Nutzern auslöst. Zur Diskussion standen drei Bauwerke, die der Pressesprecher der Architektenkammer NRW, Christof Rose, jeweils in einer knappen Einführung vorstellte: das Super C (Aachen), das Haus am Pegel (Neuss) und die Kranhäuser (Köln). Alle drei Gebäude "vereint ein selbstbewusster Auftritt im Stadtraum und der Wille, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen", stellte AKNW-Präsident Hartmut Miksch in seiner Begrüßung fest.

Zum Beispiel das „Super C“ in Aachen. Der Entwurf der Architektinnen Eva-Maria Pape und Susanne Fritzer für ein Studenten-Dienstleistungszentrum auf dem Campus der RWTH traf auf dem Podium auf ein geteiltes Echo. "In diesem heterogenen Stadtbild ist ein zeichenhaftes Bauwerk wie dieses sicherlich erlaubt", meinte der Architekturkritiker Christian Hümmeler. Auch Hans Dieter Collinet würdigte den ambitionierten Entwurf als legitim, löse dieser doch ein jahrzehntealtes städtebauliches Problem. Der Werbeexperte Ulrich Tillmanns vermisste allerdings Ausstrahlung und "Wärme" an dem Bauwerk: "Das Super C ist interessant, aber wenig einladend." Insgesamt kritisierte das Architekturquartett das große, 16 Meter weit auskragende Dach. Der Platz, der unter diesem Dach entstanden sei, biete zu wenig Aufenthaltsqualität, urteilte Kunibert Wachten.

Auch das "Haus am Pegel" in Neuss (Architekturatelier Fritschi, Stahl, Baum) rief kontroverse Reaktionen der vier Diskutanten hervor. "Als Zeichen völlig verschenkt", lautete das strenge Urteil des Werbefachmanns Ulrich Tillmanns. Ganz anders die Einschätzung von Hans Dieter Collinet, der dem Umnutzungsprojekt bescheinigte, "klug und behutsam aus dem Bestand heraus" entwickelt worden zu sein: "Ein Zeichen, das zwischen der historischen Altstadt von Neuss und der alten Gerümpelarchitektur im Hafengebiet vermittelt." Christian Hümmeler zeigte sich vor allem von der inneren Ausgestaltung des Bauwerks beeindruckt. "Eine wunderbare Arbeitsatmosphäre, die von den Angestellten dort sehr geschätzt wird." Allerdings: Als städtebauliches Zeichen mochte der Architekturkritiker das Haus am Pegel nicht einordnen.

Kritisch setzte sich die Runde mit dem dritten Ensemble auseinander, das die AKNW zur Diskussion ausgewählt hatte. Die Kranhäuser im Kölner Rheinauhafen (Bothe, Richter, Teherani und Linster-Architekten) seien zwar "ein starkes Signal, das weltweit wahrgenommen wird", so Ulrich Tillmanns. "Ich frage mich aber: Kann man sich in einem solch großen, schwebenden Bauwerk wirklich wohlfühlen?" Auch Prof. Kunibert Wachten bescheinigte den zwei bereits realisierten Kranhäusern (ein drittes befindet sich noch im Rohbau), für Köln einen "Aufbruch" darzustellen. "Man hat das Gefühl, dass sich etwas gelöst hat." Er habe aber das Gefühl, dass sich dieser Typus von Großbauwerken, die das Zeichenhafte so stark in den Vordergrund rückten, bereits überholt habe. Hans Dieter Collinet empfand die Kranhäuser eher als Störung denn als Bereicherung für den Rheinauhafen. "Dieser Bereich ist über zehn Jahre behutsam entwickelt worden - und nun dominieren diese übergroßen Bauwerke die ansonsten überwiegend gelungene Architektur dieses wichtigen neuen Stadtquartiers."

Einig war sich das NRW-Architekturquartett in der abschließenden Diskussion mit dem Publikum darin, dass zeichenhafte Architektur kein Selbstzweck sein dürfe. "In den letzten Jahren gibt es zu viele Projekte, die sich darum bemühen, als Unikate aufzufallen", meinte Hans Dieter Collinet. Auch Ulrich Tillmanns warnte davor, zu viel "polarisierende Architektur" zu bauen. "Ich sehe die Gefahr, dass sich das verschleißt und Überdruss produziert." Christian Hümmeler verwies auf die Frage der Nachhaltigkeit der Bauwerke, gerade angesichts einer komplexen Statik. "Was machen wir mit all den städtebaulichen Zeichen, wenn sie sich überholt haben oder wir sie nicht mehr brauchen?"

Die lebhafte Diskussion im Publikum und beim abschließenden Get-together zeigte, dass die Architektenkammer mit dem Thema "Zeichen" eine virulente Frage aufgegriffen hatte. Das 03. Architekturquartett NRW wird im Herbst dieses Jahres stattfinden.

Autor: ros