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Alte Meister, neue Aufgaben

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    Das Münsteraner Schloss wurde am 25. März 1945 von mehreren Brandbomben getroffen und brannte aus. Der Wiederaufbau erfolgte ab 1946, seit 1954 hat hier die Westfälische Wilhelms-Universität ihren Sitz – Foto: www.sto-ms.de

Wie gegenwärtig sind die Alten Meister der Baukunst? Johann Conrad Schlaun, der westfälische Barockbaumeister (1695-1773), lebt jenseits seiner noch heute geschätzten Schlösser und Kirchen zumindest in einem Architekturwettbewerb weiter.

Seit 2010 gibt es den jährlich ausgeschriebenen Schlaun-Ideenwettbewerb für Studierende und jüngere Kollegen, der sich die Weiterentwicklung von Stadt- und Landschaftsräumen auf die Fahnen geschrieben hat. In seiner jüngsten Ausgabe 2016/2017 suchte man nach Perspektiven für den Stadtteil Aachen-Nord, ein heterogenes, teils noch von Industrie geprägtes innerstädtisches Viertel. Ein Masterplan für das Viertel im Bereich Städtebau sollte erstellt, Pläne für die Umnutzung eines bedeutenden Industriedenkmals (die ehemalige Montagehalle des Elektrounternehmens Garbe, Lahmeyer & Co.) entwickelt sowie als Landmarke ein 30 Meter hoher Turm konstruiert werden. Vor kurzem wurden die Gewinner entschieden, am 5. Juni, dem Geburtstag des Namensgebers, feiern Teilnehmer, Auslober Sponsoren und Politiker im Schlaun'schen Erbdrostehof zu Münster die Preisvergabe. So weit, so gut – aber was hat ein Mann, dessen Bauten schon zur Entstehungszeit als überholte Zeugen einer vergehenden höfischen Kultur galten, mit der Stadtpolitik des 21. Jahrhunderts zu tun?

Im Sommer 1767, vor 250 Jahren, fand die Grundsteinlegung des fürstbischöflichen Schlosses zu Münster statt, das heute nicht mehr als Residenz, sondern als Studienort genutzt wird. Auch wenn das Datum vermutlich kein großes Aufsehen erregen wird, Schlaun hat mit diesem Bau wie mit seinen anderen Herrenhäusern, Kirchen und Schlössern die Region tatsächlich geprägt. Wie Balthasar Neumann, bei dem er gelernt hatte, in Franken, wie Schlüter und Knobelsdorff in Berlin oder Pöppelmann in Sachsen, so gehört auch Schlaun zu den deutschen Barockbaumeistern, die dem europäischen Stil eine spezifische, regionaltypische Ausprägung gaben. Schlauns Bauten demonstrieren, was man seitdem als "westfälische Symphonie" tituliert: das Zusammenspiel von hellem Baumberger Sandstein als Material für Sockel und Pilaster und rotem Backstein für die Fassaden – komponiert in einem Duktus, der Bodenständigkeit mit einer leicht pompösen, aber nicht uneleganten Behaglichkeit verbindet. Höhepunkte sind zweifellos das Ensemble des Jagdschlosses Clemenswerth und die raffinierte innerstädtische Ecklösung des Münsteraner Erbdrostehofes.

Den Weg zum leichteren Rokoko, wie sie Cuvilliés in Brühl und Falkenlust einschlug, vermied Schlaun jedenfalls. Als er 1773 starb, waren der Außenbau des Münsteraner Schlosses, der nördliche Marstall sowie das nördliche Wachhaus fertig gestellt. Wilhelm Ferdinand Lipper vollendete die Arbeiten bis 1787 in einem schon leicht klassizistischen Stil. Residenz wie gedacht, war es kaum: Im 19. Jahrhundert saßen hier preußische Verwalter und Generäle; im März 1945 wurde das Schloss von Bomben schwer getroffen, nur die Grundmauern blieben erhalten. Doch schon kurz nach dem Krieg wurde es als Verwaltungs- und Hörsaalgebäude wiederaufgebaut. Seit 1954 ist das Schloss der offizielle Sitz der Universität.Mit Schlaun also kam Italienisches nach Westfalen. Das Land verdankt ihm eine ausgeprägte regionale Architektur, die heute umso mehr geschätzt wird, je schwerer Derartiges heute realisierbar ist.

Aber Schlaun und das Heute verbindet noch ein Zweites: Zum Berufsbild des innerhalb der militärischen Laufbahn als Ingenieur ausgebildeten Schlaun, der zuletzt die Position eines Oberbaudirektors und Generalmajors innehatte, gehörten auch Kanalbauten, der Straßenbau sowie der Erhalt der Wehrbauten; daneben auch die Grundpläne für großräumige Gartenanlagen. Eine der ersten Aufgaben als Ingenieur in Staatsdiensten war die der Choreographie eines Feuerwerks für den Empfang des Fürstbischofs in Paderborn. Schlaun war also nicht auf den Bau von Adelshäusern und Residenzen beschränkt. Er projektierte Kanäle, errichtete erste Manufakturen und in Münster sogar ein Gefängnis, das erst 1914 abgerissen wurde. Der Mann sah – barocker Grundüberzeugung folgend – seine Aufgaben und ihre Bewältigung integral an, erfüllte fast die Rolle einer Generalplanungsstelle in Verbindung mit der eines Stadtbaumeisters aus. Gelegentlich wird Derartiges auch heute wieder gefordert. Es gibt, so scheint es, genügend Anlass, gelegentlich den Blick zurück zu werfen – nicht nur im Münsterland.

Autor: Dr. Frank Maier-Solgk