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Architekturquartett: Zwischen Kieselstein und Cortenstahl

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    Das Quartett (v. r.): Mischa Kuball, Prof. Kunibert Wachten, Reinhard Hübsch und Martina Levin mit AKNW-Präsident Ernst Uhing (4. v. r.) und AKNW-Pressesprecher Christof Rose (l.), der die drei Projekte jeweils einführend vorstellte – Foto: Ulla Emig

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    Mit 250 Teilnehmern war das 08. Architekturquartett NRW unter der Kuppel des Dortmunder U ausgebucht. Das große Interesse spiegelte auch die Abschlussdiskussion wider, an der sich das Publikum rege beteiligte - Foto: Ulla Emig

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    Vor der Veranstaltung nahmen sich die drei Gastdiskutanten den ganzen Tag über Zeit, um die zu besprechenden Projekte zu bereisen und sich vor Ort informieren zu lassen. Hier auf der Landesgartenschau Zülpich mit LaGa-Geschäftsführer Stadtplaner Christoph Hartmann (l.) – Foto: Tina Wolff

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    Am Kö-Bogen in Düsseldorf erläuterte Prof. Thomas Fenner (FSWLA Landschaftsarchitekten, 3. v. l. ) die Freiraumplanung des gesamten Areals; Landschaftsarchitekt Sebastian Fürst (2. v. r.) verantwortet die Bepflanzung der „Cuts“ in den Bauten von Daniel Libeskind – Foto: Tina Wolff

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    Maritimes Flair am Phoenix-See? Tanja Vock (Pressesprecherin der Entwicklungsgesellschaft Phoenix-See) und Landschaftsarchitekt Thomas Mielke (Landschaft Planen und Bauen, m.) berichteten über Konzept und Perspektive des neuen Areals im Dortmunder Süden – Foto: Tina Wolff

„Räume nehmen uns dann gefangen, wenn sie uns multisensual ansprechen.“ Mischa Kuball, der sich als Künstler intensiv mit dem Raum auseinander setzt, zeigte sich im „08. Architekturquartett NRW“ am 30. September als strenger, aber wohlwollender Kritiker neuer landschaftsarchitektonischer Projekte. Gemeinsam mit dem Kulturjournalisten Reinhard Hübsch (SWR) und der Landschaftsarchitektin Martina Levin diskutierte er unter der Leitung von Prof. Kunibert Wachten drei neue Projekte, die auf desperatem Grund neue Räume geschaffen haben.

Fasziniert zeigten sich die Diskutanten des Architekturquartetts vom neuen Phoenix-See in Dortmund. Die aus Berlin angereiste Martina Levin (Levin Monsigny Landschaftsarchitekten) empfand den Plan, eine Stahlwerksbrache in einen stadtnahen See zu verwandeln, als kühn, aber richtig. „Landschaftsarchitektur schafft hier Zukunft und bringt den Menschen Perspektive“, so ihr Urteil. Freilich gelte hier - wie generell in der Landschaftsarchitektur: „Gebt dem Projekt Zeit, sich zu entfalten!“ Auch der Düsseldorfer Kunstprofessor Mischa Kuball zeigte sich fasziniert von dem Projekt. „Der See verknüpft Natur und Wassererlebnis mit dem Wohnen - das ist geschickt gemacht. Und man sieht: Die Menschen wollen dort gerne wohnen.“

Der Architekturkritiker Reinhard Hübsch hingegen vermisste die Geschichte in der Erzählung vom neuen See. „150 Jahre Stahlstandort müssten eigentlich durchschimmern“, meinte der SWR-Redakteur.  Er favorisierte das „Düsseldorfer Experiment“, die Neugestaltung des Kö-Bogens. „Das ist ein großartiges Stück Stadtreparatur, das den Menschen viele neue Plätze und Erlebnisräume im Herzen der Landeshauptstadt Düsseldorf schenkt.“ Für kritikwürdig hielt Reinhard Hübsch hingegen die „egomanische Kulissenarchitektur“ der zwei Kö-Bogen-Bauten von Daniel Libeskind - und die deutsche Regelungswut, die auch die Gestaltung öffentlicher Räume belaste. „Ich wünsche mir noch mehr Mut in der Gestaltung unserer Freiräume.“

Martina Levin sah die neuen Hofgartenterrassen und einige Lösungen für die Freiräume am Kö-Bogen durchaus positiv, befürchtete aber auch, dass „die Bauten in der Mitte leider diese neu in Wert gesetzten Plätze erschlagen“. Mischa Kuball vermisste für das Gesamtprojekt Kö-Bogen die „Vision“. Die Verzahnung von Bauwerken und Freiräumen funktioniere nicht wirklich. Aber: „Düsseldorf hat enorme Selbstheilungskräfte.“ Und im Vergleich zur früheren Situation, als am Kö-Bogen nur Autos und Straßenbahnen fuhren, hätten die Landschaftsarchitekten von FSWLA gemeinsam mit Molestina Architekten etwas Herausragendes geschaffen.

Einen schweren Stand hatte die Landesgartenschau in Zülpich. Zwölf Tage vor dem Finale der LaGa 2014 zeigte sich das Architekturquartett NRW skeptisch, ob die Maßnahmen am historischen Wallgraben der Landesburg und am Wassersportsee nicht zu kurz gegriffen hätten. „Hier wurde vieles verbessert, aber nichts grundlegend Neues geschaffen“, urteilte Martina Levin. Einzig Reinhard Hübsch verwies auf die zahlreichen Schaugärten, die den Menschen durchaus gefallen hätten. „Wenn man genau hinsieht, gibt es viel zu entdecken zwischen Corten-Stahl und Kieselstein“, so sein pointiertes Urteil. Immerhin habe die LaGa Zülpich bereits sechs Wochen vor Saisonabschluss mit 500 000 Besuchern das gesteckte Ziel um 100 000 übertroffen. „Auch das Interesse der Menschen muss man doch ernst nehmen“, meinte Hübsch. „Es ist eine gute LaGa!“

Prof. Kunibert Wachten, der die Diskussion des Architekturquartetts gewohnt souverän moderierte, verwies auf die Bedeutung von Landschaftsarchitektur für die Entwicklung unserer Städte und Regionen. „Unsere Städte ändern sich, sowohl hinsichtlich der Einwohnerzahlen als auch mit Blick auf Anforderungen an den Verkehr und die Infrastruktur. Das ist Herausforderung und Chance zugleich.“

Auch der Präsident der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen, Ernst Uhing, hob in seiner Einführung die besondere Bedeutung von Freiraumgestaltungen hervor. „Attraktive Freiräume sind ein wichtiger Faktor für die Lebensqualität unserer Kommunen – und zugleich ein weicher Standortfaktor für ihren wirtschaftlichen Erfolg.“

Eine Aufzeichnung des 08. Architekturquartetts NRW wird auch auf center.tv Düsseldorf ausgestrahlt. Sendetermine: 4. Oktober 2014, 20:15 Uhr - 5. Oktober 2014, 13 Uhr - 7. Oktober 2014, 23 Uhr.

Autor: Christof Rose