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Die Situation freischaffender Mitglieder der AKNW: Strukturuntersuchung 2012

Nach 2007 und 2009 hat die Architektenkammer NRW zum dritten Mal in Kooperation mit der Bundesarchitektenkammer und neun Länderkammern eine Befragung zu den Büro- und Kostenstrukturen in Architektur- und Planungsbüros durchgeführt. In diesem Jahr fand die Befragung erstmalig online statt. Zwischen März und April 2012 wurden insgesamt 764 freischaffend tätige Mitglieder der Architektenkammer NRW befragt. Detaillierte Angaben zur wirtschaftlichen Situation des eigenen Büros für das Berichtsjahr 2011 machten 566 dieser Befragten.

58 Prozent der freischaffend tätigen Kammermitglieder beschreiben die wirtschaftliche Situation ihres Büros im Berichtsjahr 2011 als sehr gut oder gut. In 16 % der Büros ist die wirtschaftliche Lage demgegenüber angespannt. Nahezu identische Verteilungen ergeben sich für die Bewertung des ersten Halbjahrs 2012 und die Erwartungen an das Gesamtjahr 2012.

In einer schwierigen wirtschaftlichen Situation befinden sich vor allem Ein-Personen-Büros : 20 % der Einzelunternehmer bezeichnen die wirtschaftliche Lage des eigenen Büros im Jahr 2011 als schlecht oder sehr schlecht. In kleinen und mittleren Büros liegt der Vergleichsanteil bei 13 %, in großen Büros bei 8 %.

78 % der Büros sind zum Zeitpunkt der Befragung voll ausgelastet. Ihr Auftragsbestand reicht, bei voller Aufrechterhaltung des Betriebs, im Schnitt für acht Monate.

Der Anteil vollständig ausgelasteter Büros steigt mit zunehmender Bürogröße: 67 % der Einzelunternehmer geben an, keine freien Kapazitäten zu haben. Von den kleinen Büros sind 83 % voll ausgelastet. Bei mittleren und großen Büros liegt der Vergleichsanteil bei rund 95 %.
Die Auftragsbestände der voll ausgelasteten Büros ermöglichen in Ein-Personen-Büros durchschnittlich 6 Monate, in kleinen und mittleren Büros durchschnittlich 7 bis 8 Monate und in großen Büros durchschnittlich 10 Monate uneingeschränkten Geschäftsbetrieb.

Umsätze und Kosten

Der durchschnittliche Umsatz je Vollzeit tätiger Person in nordrhein-westfälischen Architektur- und Planungsbüros liegt im Jahr 2011 bei rund 58 500 € und damit 2 % unter dem durchschnittlichen Pro-Kopf-Umsatz des Jahres 2008.

Differenziert nach Bürogröße zeigen sich deutliche Unterschiede: Ein-Personen-Büros erwirtschaften in 2011 durchschnittlich 49 000 Euro. In kleinen Büros liegt der durchschnittliche Pro-Kopf-Umsatz bei rund 58 000 Euro. Mittlere und große Büros können im Schnitt Pro-Kopf-Umsätze in Höhe von 73 000 Euro (5 bis 9 Beschäftigte) bzw. 75 000 Euro (10 und mehr Beschäftigte) verbuchen.

Ein Vergleich der berichteten Pro-Kopf-Umsätze aus den Jahren 2011 und 2008 ergibt ein heterogenes Bild. Niedriger als in 2008 fallen die Umsätze je Vollzeit tätiger Person in Ein-Personen-Büros (-11 %), in Büros mit bis zu vier Vollzeit Beschäftigten (-2 %) und in Büros mit 10 und mehr Vollzeit Tätigen (-9 %) aus. In mittleren Büros (5 bis 9 Vollzeit Beschäftigte) wird in 2011 ein um 22 % höherer Pro-Kopf-Umsatz erwirtschaftet als drei Jahre zuvor.
Nicht nur die Umsätze, sondern auch die Kosten (ohne Inhabergehälter) je Vollzeit tätiger Person steigen mit zunehmender Größe des Büros: In Ein-Personen-Büros liegen sie in 2011 im Schnitt bei rund 15.000 Euro. Der Vergleichswert für große Büros (10 und mehr Vollzeit Beschäftigte) fällt mit durchschnittlich 58 000 Euro deutlich höher aus.

Insgesamt fallen die durchschnittlichen Kosten pro Vollzeit tätiger Person im Berichtsjahr 2011 2 % niedriger aus als in 2008. Differenziert nach Bürogröße zeigt sich – analog zur Entwicklung der Umsätze – folgende Kostenentwicklung: Gesunken sind die Pro-Kopf-Kosten in Ein-Personen-Büros (-10 %), in kleinen Büros (-9 %) sowie in Büros mit 10 und mehr Vollzeit Tätigen (-2 %). Ein Anstieg der Kosten pro Kopf ist demgegenüber in mittleren Büros (5 bis 9 Vollzeitkräfte) festzustellen (+17 %).

Die Kosten der erfassten Architektur- und Planungsbüros setzen sich im Schnitt aus 76 % Arbeits- und 24 % Sachkosten zusammen. Der Anteil der Arbeitskosten steigt erwartungsgemäß mit zunehmender Bürogröße von 72 % in Ein-Personen-Büros auf 81 % in großen Büros (10 und mehr Vollzeit Beschäftigte). Entsprechend geht der Anteil der Sachkosten mit zunehmender Größe der Büros zurück.

Überschüsse

Als Überschuss bezeichnet man die Differenz von Honorarumsatz und Kosten (ohne Inhabergehälter oder Gesellschaftergeschäftsführergehälter). Überschüsse dürfen nicht mit Gewinnen verwechselt werden, weil sich diese erst nach Abzug der Inhabergehälter ermitteln lassen.

Der durchschnittliche Überschuss je Inhaber / Partner in nordrhein-westfälischen Architektur- und Planungsbüros liegt im Berichtsjahr 2011 bei rund 62 000 Euro. Mit zunehmender Größe des Büros steigt der Überschuss je Inhaber / Partner: von durchschnittlich 35 000 Euro in Ein-Personen-Büros, über 60 000 Euro in kleinen und 91 000 Euro in mittleren Büros auf 138 000 Euro in großen Büros.

Insgesamt entspricht der durchschnittliche Überschuss pro Inhaber / Partner nahezu exakt dem Ergebnis aus dem Jahr 2008. In Abhängigkeit von der Bürogröße zeigen sich jedoch deutliche Unterschiede in der Entwicklung. In den erfassten Ein-Personen-Büros liegen die Überschüsse 10 % unter dem Ergebnis aus 2008. Kleine Büros (bis zu 4 Vollzeit Beschäftigte) konnten im Ergebnis ein höheren Überschuss je Inhaber / Partner erwirtschaften als in 2008 (+11 %). Gesunken sind die Überschüsse wiederum in den mittleren und großen Büros: um 3 % in Büros mit 5 bis 9 Vollzeit tätigen Personen und um 23 % in Büros mit 10 und mehr Vollzeit Beschäftigten.

Eine detailliertere Analyse der Ertragssituation zeigt, dass in 4 % der erfassten Architektur- und Planungsbüros keine Überschüsse erzielt bzw. Verluste gemacht werden. 34 % der Büros erwirtschaften einen Überschuss je Inhaber / Partner von maximal 30.000 Euro. Dieser Überschuss liegt unterhalb des Gesamtbruttoeinkommens eines Hausmeisters in öffentlichen Gebäuden. Wiederum sind kleinere Büros deutlich häufiger betroffen als größere: In 53 % der Ein-Personen-Büros beträgt der Überschuss in 2011 maximal 30.000 Euro. In kleinen Büros liegt dieser Anteil noch bei 25 %. Von den mittleren und großen Büros ist weniger als ein Fünftel betroffen (5 bis 9 Beschäftigte: 19 %; 10 und mehr Beschäftigte: 17 %).

Im Zeitverlauf ist der Anteil der Büros mit einem Überschuss je Inhaber / Partner von maximal 30.000 Euro von 43 % in 2006 auf 35 % und 2008 und 34 % in 2011 gesunken. Differenziert nach Bürogröße zeigt sich, dass der Anteil der Einzelunternehmer mit Erträgen dieser Größenordnung zwischen 2006 und 2008 deutlich von 58 % auf 49 % gesunken ist, in 2011 mit 53 % jedoch wieder höher ausfällt. In kleinen Büros (bis zu 4 Vollzeit Beschäftigte) hat sich die Ertragssituation demgegenüber kontinuierlich verbessert: Erzielten in 2006 noch 41 % der Inhaber in Büros dieser Größe Erträge von maximal 30.000 Euro, lag der Vergleichsanteil in 2008 bei 33 % und in 2011 bei 25 %.

In der Gruppe der mittelgroßen Büros (5 bis 9 Vollzeit Beschäftigte) hat sich der Anteil der Büros mit Erträgen von maximal 30.000 Euro im Zeitverlauf nahezu nicht verändert (18 % bis 19 %). Kontinuierlich gestiegen ist er demgegenüber in der Gruppe der großen Büros (10 und mehr Vollzeitkräfte): von 13 % in 2006 auf 15 % in 2008 und 17 % in 2011.

Auftragsstruktur

Die Auftragsstruktur der Büros setzt sich in 2011 zu 17 % aus öffentlichen und zu 83 % aus nicht-öffentlichen Aufträgen zusammen. Differenziert nach Bürogröße ergeben sich Anteile von rund 10 % öffentlichen zu rund 90 % nicht-öffentlichen Aufträgen in Ein-Personen-Büros. In den übrigen Größenklassen liegt das Verhältnis bei rund 20 : 80 (kleine Büros) bzw. 30 : 70 (mittlere und große Büros).

Im Vergleich zu den vorhergehenden Befragungen zeigt sich, dass der Anteil des Gewerbebaus in den mittleren und vor allem in den großen Büros in 2011 geringer ausfällt als in den Referenzjahren 2006 und 2008. Sorgten gewerbliche Auftraggeber in großen Büros in 2006 noch für 50 % und in 2008 für immerhin 60 % des gesamten Auftragsbestands, ist ihr Anteil in 2011 auf 42 % zurückgegangen.

Der Anteil des privaten Baus am Auftragsbestand nordrhein-westfälischer Architektur- und Planungsbüros ist zwischen 2006 und 2011 insgesamt leicht von 45 % auf 41 % gesunken. Während er in großen wie in Ein-Personen-Büros leicht an Bedeutung gewann, ging er in kleinen Büros deutlich und in mittleren Büros leicht zurück.

Der Anteil öffentlicher Aufträge am gesamten Auftragsbestand ist zwischen 2006 und 2011 kontinuierlich von 13 % auf 17 % gestiegen. Diese kontinuierliche Entwicklung zeigt sich nur in kleinen Büros mit bis zu 4 Vollzeit Beschäftigten: Hier stieg der Anteil des öffentlichen Baus von 12 % in 2006 über 15 % in 2008 auf 18 % in 2011. In mittleren und großen Büros ging der Anteil öffentlicher Aufträge in 2008 zunächst zugunsten des Gewerbebaus deutlich zurück, um in 2011 wieder das Niveau aus 2006 zu erreichen bzw. leicht zu übertreffen. In Ein-Personen-Büros liegt der Anteil öffentlicher Aufträge am Auftragsbestand konstant bei rund 8 bis 9 %.

Fazit

Für die Gesamtheit der Architekten aller Fachrichtungen und Stadtplaner ergeben sich seit 2008 gesunkene durchschnittliche Überschüsse.
Besonders bedroht sind Ein-Personen-Büros, von denen 53 % einen Ertrag von höchstens 30 000 Euro erwirtschaften. Diese Summe steht maximal für die Vergütung des Inhabers einschließlich Sozialabgaben, zur Bildung von Rücklagen und als Investitionssumme zur Verfügung.
Problematisch ist auch die Situation mittlerer und großer Büros, die teilweise deutliche Umsatzrückgänge verzeichnen. Ursache ist ein starker Rückgang der Aufträge aus dem Gewerbebau.

Die Ergebnisse der Strukturuntersuchung 2012 in Tabellenform können Sie hier als PDF-Dokument herunterladen:
Strukturuntersuchung 2012 Tabellen

Autor: Dipl.-Soz. Nicole Reiß - Hommerich Forschung und Dienste