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Zukunft des Sakralbaus: Die Badewanne im Dorf lassen

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    Diskutanten (v. l.): Dr. Tim Lindfeld (Vorstand ASG Bildungsforum), Ernst Uhing, Katherin Bollenbeck, Dr. Uwe Vetter, Dr. Jörg Biesler (Moderator), Gerhard Matzig – Fotos: Christof Rose

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    Pointierter Festredner: Gerhard Matzig, leitender Redakteur der Süddeutschen Zeitung

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    Diskutierten über die Zukunft des Sakralbaus: Moderator Dr. Jörg Biesler (l.) und AKNW-Präsident Ernst Uhing

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    Auf reges Interesse traf die Diskussion im voll besetzten Bachsaal der Johanneskirche Düsseldorf, die auch selbst ein innovatives Konzept verfolgt

"Unsere christlichen Kirchen müssen sich modernisieren, dürfen aber ihren Markenkern dabei nicht verlieren!" Gerhard Matzig, leitender Redakteur des Feuilletons der Süddeutschen Zeitung, legte gleich mehrfach den Finger in die Wunde. „Die Badewanne im Dorf lassen“ hatte er seinen Festvortrag überschrieben, mit dem er provokativ und anregend seine Beobachtungen und Gedanken zum Tagungsthema beisteuerte. „Vom Sakralbau zum sozialen Bauen?! Die Kirchen als Bauherren im Spannungsfeld zwischen Ökonomie und Baukultur“ lautete der Titel der Fachtagung, zu der die Architektenkammer Nordrhein-Westfalen in Kooperation mit dem ASG Bildungsforum der katholischen Kirche Düsseldorf eingeladen hatte. Mehr als 120 interessierte Architekten und Bürger kamen in den Bachsaal der Johanneskirche Düsseldorf, um die Vorträge zu verfolgen und um selbst das Wort zu ergreifen.

„Wenn die Gemeinden schrumpfen, ist das nicht nur ein gesellschaftlich bemerkenswerter Umbruch“, stellte AKNW-Präsident Ernst Uhing einleitend fest. „Eine Abnahme kirchlicher Bauaktivitäten führt auch zu einem Verlust an hochwertiger Architektur und an Baukultur in unserem Land.“ Insofern sei es wichtig, mit den Kirchen nicht nur darüber zu diskutieren, was mit einzelnen nicht mehr benötigten Sakral- und Profanbauten geschehen solle. Es müsse auch das Selbstverständnis der Kirchen als Bauherren diskutiert werden. Und die Gesellschaft müsse sich dazu bereit erklären, die christlichen Kirchen in ihrer Sorge um stadtbildprägende Bauwerke zu unterstützen.

Die Herausforderungen seien in der Tat sehr groß, konstatierte auch Dr. Tim Lindfeld. Der Direktor das ASG Bildungsforums sah sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche in Deutschland vor einem „epochalen Umbruch“. Die großen Kathedralen stünden sinnbildlich für eine christliche Weltordnung, die so heute nicht mehr existiere. „Unsere Kirchen sind horizontaler geworden: Sie stehen mehr für die menschliche Gemeinschaft auf Erden als für den göttlichen Himmel in der Höhe.“

Für das Erzbistum Köln stellte die dort angestellte Architektin Katherin Bollenbeck die Problematik dar. Etwa die Hälfte der 1200 Kirchen und Kapellen im Bistum stünden unter Denkmalschutz. Viele Gemeinden seien mit der Pflege ihrer Gebäude schlichtweg überfordert. Hier sei die Gesellschaft insgesamt gefordert, denn eines sei klar: Auch wenn heute die Kirchensteuern noch sprudelten, werde den Kirchen doch mittelfristig in dieser Frage „die Luft ausgehen“. Kirchen hätten sich noch nie gerechnet. „Es steht aber nichts Geringeres als die Semantik unserer Kulturlandschaft auf dem Spiel“, verdeutlichte Katherin Bollenbeck die Bedeutung des Themas. Sie zeigte sich aber mit ihren Mitdiskutanten einig, dass in der Schrumpfung auch die Chance auf Erneuerung liege.

Der Tagungsort selbst gab beredtes Beispiel dafür, wie Kirche durch räumliche Verdichtung auch inhaltliche Qualitäten gewinnen kann: Dr. Uwe Vetter, Pfarrer der Johanneskirche, erläuterte, dass bereits im Zuge des Wiederaufbaus nach dem zweiten Weltkrieg profane Räumlichkeiten für die Gemeindearbeit in den gewaltigen Kirchenbau eingezogen wurden. Heute lädt die Johanneskirche nicht nur zum Gottesdient (in den Sakralraum) und zu Konzerten und Kulturveranstaltungen (in den Bachsaal), sondern auch in ein Bistro, in dem „Bettler und Banker“ mittags zusammen zu Tisch säßen und auf diesem Weg mit Kirche in Berührung kämen. Dr. Vetter betonte, Kirche müsse ihre Sakralität bewahren. „Wer eine Kirche nur als Museum betritt, wählt das falsche Passwort.“

Dem stimmte auch Festredner Gerhard Matzig zu. Er lobte die Funktion vieler Kirchbauten als Orte der Ruhe und der Nonkonformität in einer Gesellschaft, die sich immer stärker an Kriterien von Ökonomie und Unterhaltung orientiere. Kirchliches Bauen sei in der Geschichte oft innovativ, prunkvoll, aber auch qualitätvoll gewesen. „Vor diesem Hintergrund sehe ich die Diskussion um die teure Badewanne des Bischofs Tebartz-van Elst mit Gelassenheit“, erklärte der Architekturkritiker. Denn das Ensemble, um das es im Bistum Limburg ging, sei von großer Qualität. Ihm bereite es viel mehr Sorge, wenn Bischof Marx in München zunehmend die Architekten in seiner Kirchenbauabteilung durch Facility Manager ersetze. Sakrales Bauen benötige ein vertieftes Verständnis - spezifisches Fachwissen sei hier unverzichtbar.

Autor: Christof Rose