« zurück

"Kammer vor Ort" in Nümbrecht: Baukultur im Oberbergischen

  • Bild 1 von 5

    Diskussionsfreudig zeigten sich die rund 100 Teilnehmer der „Kammer vor Ort“-Veranstaltung auf Schloss Homburg, das dem Oberbergischen Kreis gehört - Fotos: Thilo Saltmann

  • Bild 2 von 5

    Impulse bei der "Kammer vor Ort"-Veranstaltung kamen von (v. r.) Michael Kamp, Anke und Ralph Bonfanti, Dr. Gudrun Sievers-Flägel, Kammerpräsident Ernst Uhing, Landrat Jochen Hagt und Klaus Beck

  • Bild 3 von 5

    Der kollegiale Austausch ist ein wichtiges Element jeder „Kammer vor Ort“-Veranstaltung

  • Bild 4 von 5

    Neues Büro der bonfanti-Architekten in Wiehl: Die moderne Interpretation tradierter Bauformen hatte bereits am „Tag der Architektur 2017“ zahlreiche Architekturfans ins Örtchen Wiehl gelockt – Foto: Frank Schoepgens

  • Bild 5 von 5

    Klimaschutzsiedlung Malerstraße in Wuppertal: Architektin Anja Schacht realisierte ein anspruchsvolles Projekt, das ebenfalls am „Tag der Architektur 2017“ der Öffentlichkeit vorgestellt worden war – Foto: Sigurd Steinprinz

Das Oberbergische ist eine dünn besiedelte, grüne Region, die mit einem Anteil von 43 Prozent Industriearbeitsplätzen (Landesdurchschnitt NRW: 28 %) gleichwohl wirtschaftlich stabil dasteht. "Wir haben aber mit einem massiven Bevölkerungsschwund zu kämpfen", erklärte Jochen Hagt, Landrat des Oberbergischen Kreises, in seinem Grußwort zur "Kammer vor Ort"-Veranstaltung der AKNW am 6. Juli auf Schloß Homburg bei Nümbrecht. Rund 100 Kammermitglieder und Gäste waren der Einladung der Architektenkammer NRW gefolgt, um über regionale Baukultur und die generelle Entwicklung der Region zu diskutieren - und um sich mit Repräsentanten der Architektenkammer auszutauschen.

Das Oberbergische Land sei über Jahrhunderte von der Eisenverarbeitung geprägt worden, erläuterte Michael Kamp vom LVR-Freilichtmuseum Lindlar. Die Landschaft, wie sie sich heute darstelle, sei "zu 100 % vom Menschen gemacht". Baulich seien Materialien wie Eisen, Holz und Schiefer typisch für die Region. Die Deutsche Heimatschutzbewegung, die ab 1904 in Reaktion auf die Industrialisierung in der Architektur Verbreitung fand, habe sich in der Region als Bergischer Heimatschutzstil niedergeschlagen: an klassizistischen Vorbildern orientierte Bauwerke, die unter Verwendung regionaler Materialien möglichst harmonisch in die Landschaft eingebunden wurden.

Wie eine zeitgemäße regionale Architektur aussehen kann, stellten Anke und Ralph Bonfanti im Rahmen der "Kammer vor Ort"-Veranstaltung vor. Ihr neu errichtetes Architekturbüro in Wiehl nimmt städtebaulich die Struktur der dörflichen Bebauung in Form und Größe auf. "Mit einer reduzierten Formensprache und einer dunklen Holzschalung sollten die zwei verbundenen Baukörper an die typischen Scheunen in der Region erinnern", erklärte Anke Bonfanti. Holz und Stahl dominieren den optischen Eindruck, auch das Schieferdach zitiert regionale Bautechniken. "Unsere Nachbarn nennen das Gebäude nur ‚die Scheune‘, das gefällt uns", berichtete Ralph Bonfanti. Bei den Bauherren treffen bonfanti-Architekten mit dem Konzept der Holzrahmenbauweise und der bewusst regionalen Architektursprache auf positive Resonanz. Gleichwohl sieht auch das Architektenpaar die Probleme des demografischen Wandels. "Weil wir nicht wissen, ob das Gebäude in 18 Jahren - wenn wir uns zurückziehen - noch als Büro genutzt werden kann, haben wir alles so geplant, dass ein Umbau in ein Wohnhaus leicht möglich ist."

Ein ambitioniertes Baugruppen-Wohnprojekt stellte Architektin Anja Schacht aus Wuppertal vor. Sie hatte vor sechs Jahren das Projekt "Klimaschutzsiedlung Malerstraße" ins Leben gerufen und 45 Personen versammelt, die zusammen 23 Wohneinheiten auf einem lange unbebauten Eckgrundstück in Elberfeld realisieren wollten. "Gute städtebauliche Einbindung, Passivhausstandard, hochwertige Materialien und familienfreundliche Gestaltung" nannte die Architektin als Pluspunkte dieses Projektes, das u. a. beim "Tag der Architektur 2017" viel öffentliche Aufmerksamkeit erregte. "Individuelles Bauen ist schön, macht aber unglaublich viel Arbeit", resümierte Anja Schacht, die auch selbst in die Klimaschutzsiedlung eingezogen ist.

"Das regional verortete Bauen und ein bewusst soziales Bauen sind zwei Trends, die wir in den letzten Jahren deutlich ablesen können", fasste Moderator Klaus Beck zusammen. Die Architektenkammer NRW möchte mit ihren "Kammer vor Ort"-Veranstaltungen Themen der regionalen Landesentwicklung vor Ort diskutieren und zugleich den Mitgliedern ein Forum des Austausches und des regionalen Networkings bieten. Kammerpräsident Ernst Uhing zeigte sich entsprechend erfreut über den großen Zuspruch in einer Region, die in Nordrhein-Westfalen eher selten in den Fokus rückt.

Vorträge

Neubau in dörflicher Struktur
Dipl.-Ing. Ralph Bonfanti, Architekt und Dipl.-Ing. Anke Bonfanti, Architektin (bonfanti Architekten, Wiehl)

Neubau Klimaschutzsiedlung Malerstraße
Dipl.-Ing. (FH) Anja Schacht, Architektin (gna architekten gbr, Wuppertal)

Autor: Christof Rose