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"NRW lebt." in Gelsenkirchen: Produktives Grün für die Stadt

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    Mit rund 150 Teilnehmern aus der Fachwelt sowie der Gelsenkirchener Bürgerschaft war die „NRW lebt.“-Veranstaltung im Hans-Sachs-Haus gut besucht

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    Referenten (v. l.): Dr. Manfred Beck (Stadtdirektor Gelsenkirchen), Kira Fink (Mädchengärten), Dr. Oliver Herwig (Festredner), Renate Janßen (Vors. Maria-Sibylla Merian e.V.), Ernst Uhing (Präsident AKNW), Karl-Heinz Danielzik (Landschaftsarchitekt) und Franz Meiers (NRW.Urban) - Fotos: Joachim Kleine-Büning

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    ... Prof. Gerd Aufmkolk (Nürnberg)

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    Horst Becker, parlamentarischer Staatssekretär im NRW-Ministeriumf ür Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur und Verbraucherschutz beschrieb fünf wichtige Funktionen, die Grün- und Freiräume für das Stadtgefüge haben

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    Benedicta Junghanns moderierte die Veranstaltung

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    ... und Prof. Stefan Rettich (Karo, Leipzig)

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    Beispiele einer grünen Entwicklung in schrumpfenden Städten brachten: Ingo Stapperfenne (Stadt Gelsenkirchen)...

Wir können heute dem Grün neuen Raum geben - und dem Raum neues Grün!“ Pointiert stelle der Stadtdirektor von Gelsenkirchen, Dr. Manfred Beck, in einem einleitenden Grußwort dar, worum es in der jüngsten Veranstaltung der Aktionsplattform „NRW lebt. - Planen und Bauen im demografischen Wandel“ ging: nämlich um die Rückgewinnung qualitätvoller Freiräume und Grünflächen in verdichteten Städten, die im demografischen Wandel an Bevölkerung verlieren. Rund 150 Kammermitglieder und interessierte Bürgerinnen und Bürger kamen am 17. Juni ins Hans-Sachs-Haus, um in Gelsenkirchen Konzepte und konkrete Beispiele für mehr Grün in den Städten zu diskutieren.

„Der Rückbau bietet uns eine große Chance“, unterstrich AKNW-Präsident Ernst Uhing in seiner Begrüßung im wiederhergestellten Rathaus der Stadt Gelsenkirchen. „Neue Grünzonen bedeuten nicht nur mehr Lebensqualität, sondern können auch ganz entscheidend zur Profilbildung von Städten beitragen.“ Einen konkreten Beleg für diese Behauptung lieferten Prof. Gerd Aufmkolk und Ingo Stapperfenne. Der Nürnberger Landschaftsarchitekt (WGF) und der Gelsenkirchener Stadtplaner (im Stadtplanungsamt) stellten das Projekt „Graf Bismarck“ vor. Auf einem ehemaligen Zechen- und Kraftwerksgelände am Rhein-Herne-Kanal entwickelten die Stadt und „NRW.Urban“ ein neues Wohnquartier, das modernes Wohnen zwischen einem Waldstreifen und der Wasserfläche des Kanals bietet. „Ein solches Projekt braucht einen langen Atem“, räumte Ingo Stapperfenne ein. Die Entwicklung des Projektes laufe nun seit fast 20 Jahren, könne aber als großer Erfolg gewertet werden.

Besser Wohnen am Wasser
 „Die ersten Grundstücke waren sehr schnell verkauft, und für uns als Stadt bringt das Projekt eine wichtige Zielgruppe oftmals Neubürger nach Gelsenkirchen.“ Die verschiedenen Quartiere des neuen Stadtteils heben auf die Freiraumqualitäten ab: „Waldquartier“, „Kanalquartier“, „Hafenquartier“ lauten die Namen der jeweiligen Bauabschnitte. „Für die Käufer sind die hohen Wohnqualitäten bei zentraler Lage am Stadtzentrum das ausschlaggebende Argument“, zeigte sich auch Prof. Aufmkolk überzeugt.

Fünf zentrale Funktionen von Grün

Eine Argumentation, die Horst Becker gut nachvollziehen konnte. Der parlamentarische Staatssekretär im NRW-Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur und Verbraucherschutz nannte in seinem Statement fünf wichtige Funktionen, die Grün- und Freiräume für das Stadtgefüge hätten: Lebensraum für Flora und Fauna, klimaausgleichende Funktionen, Sozialräume ermöglichen, die Attraktivität des Standorts steigern und eine „Wohlfühlfunktion“. „Deshalb diskutieren Sie heute ein Zukunftsthema, das uns noch viel beschäftigen wird“, erklärte der Staatssekretär. Für das Klima- und Umweltministerium seien in diesem Zusammenhang die Optimierung der Nahmobilität, insbesondere der Radwegeverbindungen, und die verstärkte Nutzung von Dachflächen für Begrünungen zentrale Bausteine auf dem Weg zu klimagerechten und lebenswerten Städten.Dass insbesondere im Ruhrgebiet bereits viele solcher Projekte in Angriff genommen wurden, stellte der Duisburger Landschaftsarchitekt Karl-Heinz Danielzik (Danielzik + Leuchter) dar.

Radschnelltrassen: Neue Lebensadern
Anhand einer imaginären Fahrradtour von Ost nach West präsentierte er aktuelle Projekte der Landschaftsarchitektur im Ruhrgebiet - vom Phoenixsee in Dortmund über das neue Uni-Viertel in Essen und die „Ruhrbania“ in Mülheim bis zum „Rheinpark“ in Duisburg. Wichtig sei das Ziel, die alten und neuen Grünzonen so zu vernetzen, dass sie eine Einheit bilden und insbesondere mit Fahrradschnelltrassen erschlossen werden können, betonte Danielzik. Der Strukturwandel in der Metropole Ruhr zeige sich nicht nur in der Nachnutzung altindustrieller Flächen, sondern auch daran, dass die neuen Radschnellstrecken in allen Städten Hochschul- und Wissensstandorte miteinander verknüpften.

Nicht Definiertes und Informelles
Auf das Entwicklungspotenzial, das in mehrfacher Hinsicht in Freiräumen stecke, wies Dr. Oliver Herwig hin. „Grünflächen, Brachen, Freiräume, Nischen - all das sind Orte der Kommunikation und für Entwicklung“, so der Münchner Journalist und Autor in seiner Rede. „Sie lassen Nutzungen zu, die wir heute noch gar nicht kennen.“ Deshalb warb Oliver Herwig dafür, auch in beplanten Gebieten „nicht definierte Orte“ vorzusehen, welche die Bürgerinnen und Bürger sich selbst erschließen könnten. Ob auf solchen Flächen Protestcamps, Grillplätze oder Urban Gardening-Projekte entstünden, müsse offen und der individuellen Entwicklung vorbehalten bleiben.
Insofern warb der Münchener Autor für eine Perspektive, die sich „vom Wachstumsparadigma verabschiedet hat und im Rückbau, in der Schrumpfung nicht den Zusammenbruch des Abendlandes erkennt, sondern einen dynamischen Prozess“.

Naturerlebnis und Rollenbild

Nicht zu unterschätzen sei - bei allen Grünflächen, die das Ruhrgebiet heute bereits habe - die geringe Naturerfahrung, die für viele Kinder und Jugendliche heute prägend sei. Dies gelte insbesondere für Mädchen aus den bildungsfernen Schichten. Ausgehend von dieser Beobachtung engagiert sich Renate Janßen schon seit vielen Jahren im Maria-Sibylla-Merian-Verein für Projekte, die Mädchen in unmittelbaren Kontakt mit der Natur bringen und ihnen ein Verständnis für Flora und Fauna vermitteln. Im Jahr 2006 wurde im Gelsenkirchener Stadtteil Schalke-Süd der erste „Mädchengarten“ ins Leben gerufen - ein bislang deutschlandweit einmaliges Projekt, das Sozialarbeit mit Freiraumgestaltung verbindet. „Wir wollten Mädchen und Jugendlichen in diesem dicht besiedelten Stadtteil die Möglichkeit geben, Natur zu erleben und sich untereinander auszutauschen - ohne den Rollenzwang, den die Gegenwart von Eltern, Brüdern oder Freunden automatisch erzeugt“, erklärte Renate Janßen. Viele der Mädchen hätten beim Graben von Beeten zu ersten Mal im Leben einen Regenwurm in der Hand gehabt. Angelegt wurden Nutzgärten, deren Früchte zu Produkten weiter verarbeitet wurden, die auf Festen und Quartiersmärkten verkauft werden konnten. Ein Erlebnis, das den Mädchen nicht nur viel Freude gemacht, sondern auch Selbstbewusstsein gegeben habe.

Umbaustadt Dessau: grüne Claims
Urban Gardening und später Urban Farming sind auch wichtige Bestandteile des Masterplans für die „Umbaustadt Dessau“. Prof. Stefan Rettich (KARO Architekten) berichtete davon, wie in der Sachsen-Anhaltinischen Stadt, die ähnlich starke Schrumpfungsprozesse durchlaufen habe wie viele Kommunen an der Ruhr, eine innerstädtische Fläche von 90 Hektar neu definiert und gestaltet wurde.

„Wir haben die Bürgerinnen und Bürger von Anfang an mit ins Boot geholt“, betonte Rettich. Interessenten hatten die Möglichkeit, sogenannte Claims abzustecken und symbolisch in Besitz zu nehmen. Auf diesen optisch markierten Flächen wurden Blumen und Gemüse gezogen, später auch Energiepflanzen zur Selbstversorgung angebaut. Auch Prof. Rettich unterstrich die Bedeutung der Vernetzung einzelner Siedlungsbereiche, die in polyzentrischen Quartieren zuvor ein Eigenleben geführt haben. Diese Aufgaben könnten Rad- und Fußwege übernehmen, aber auch Grünstreifen, Parks oder gut gestaltete Plätze.

Know-how vernetzen
Viele der in der „NRW lebt.“-Veranstaltung vorgestellten Praxisbeispiele waren in enger Kooperation von Architekten mit Landschaftsarchitekten oder Stadtplanern zustande gekommen. Oftmals spielten weitere Disziplinen eine wichtige Rolle, etwa Pädagogen, Soziologen oder Immobilienwirtschaftler. „Der demografische Wandel ist auch aus Sicht des Planes und Bauens ganz zentral eine soziale Frage“, resümierte AKNW-Präsident Ernst Uhing. Insofern müsse die interdisziplinäre Kooperation in diesem Thema weiter ausgebaut und intensiviert werden. 

Vorträge:

Vortrag von Prof. Gerd Aufmkolk und Ingo Stapperfenne: Projekt "Graf Bismarck" (PDF)

Vortrag von Karl-Heinz Danielzik: Aktuelle Projekte der Landschaftsarchitektur im Ruhrgebiet (PDF)

Vortrag von Dr. Oliver Herwig: Neue Räume (PDF)

Vortrag von Renate Janßen: Projekt "Mädchengärten" (PDF)

Vortrag von Prof. Stefan Rettich: Umbaustadt Dessau (PDF)

Autor: Christof Rose