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Strukturuntersuchung 2009: Die wirtschaftliche Situation der NRW-Architekten

Die leichten Erholungstendenzen am Markt für Architekten bekommen nach aktuellen Prognosen und Umfrageergebnissen erste Dämpfer. Für das laufende Jahr werden rückläufige Bauinvestitionen erwartet. Laut Branchenreport des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung vom Juli 2009 glaubt rund ein Drittel (36 %) der Architekten bundesweit, dass die Nachfrage in den nächsten Monaten zurückgehen wird. Die aktuell vorliegenden Ergebnisse einer Befragung zu den Büro- und Kostenstrukturen erlauben detaillierte Einblicke in die wirtschaftliche Situation freischaffender Architektinnen und Architekten in Nordrhein-Westfalen.

Nach 2007 hat die Architektenkammer NRW zum zweiten Mal in Kooperation mit der Bundesarchitektenkammer und acht Länderkammern diese Befragung durchgeführt. Zwischen September und Oktober 2009 wurden insgesamt 844 nordrhein-westfälische Architekturbüros befragt. Detaillierte Angaben zur wirtschaftlichen Situation der freischaffenden Architekten für das Berichtsjahr 2008, die eine Berechnung zentraler betriebswirtschaftlicher Kennzahlen ermöglichen, liegen von rund 500 Büros vor. Die bundesweiten Ergebnisse werden im November 2009 zusammengestellt und voraussichtlich Anfang 2010 veröffentlicht.

Entspannte wirtschaftliche Situation

Im Berichtsjahr 2008 war die wirtschaftliche Situation in 46 % der nordrhein-westfälischen Architekturbüros nach Einschätzung der Inhaber gut oder sehr gut. Der Vergleichswert für 2006 lag um 10 Prozentpunkte niedriger. Dementsprechend lag die durchschnittliche Kapazitätsauslastung der Büros mit 85 % höher als 2006 (80 %). Ein Anstieg in der Büroauslastung ist unabhängig von der Bürogröße zu verzeichnen. Büros mit einem Inhaber (ohne weitere Mitarbeiter) verzeichnen eine Kapazitätsauslastung von 77 % (2006: 74 %), während große Büros ab fünf und mehr Mitarbeitern (einschließlich Inhabern) zu 94 % (2006: 89 %) ausgelastet waren.

Im laufenden Jahr 2009 wird die Auftragslage insgesamt zurückhaltender bewertet als in 2008: Mit zunehmender Bürogröße steigt der Anteil der Inhaber, die aktuell ihre Auftragslage schlechter als 2008 einschätzen: In Ein-Personen-Büros liegt dieser Anteil bei 28 %, in großen Büros mit zehn und mehr tätigen Personen liegt er bei 43 %.

Die Auftragsbestände reichen in den kleinen Büros für rund sechs Monate, in den größeren (ab vier Mitarbeiter einschließlich Inhaber) für durchschnittlich acht bis elf Monate.

Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise

Angesichts der Verwerfungen durch die Wirtschafts- und Finanzkrise wurden die Architekten gebeten, die Auswirkungen dieser Krise auf ihre Auftragslage einzuschätzen: 46 % aller freischaffenden Architektinnen und Architekten spüren negative Folgen der Krise. 31 % registrieren noch keine Rückgänge in den Auftragsbüchern. 21 % rechnen auch mittelfristig nicht mit großen Auswirkungen auf die Auftragssituation in ihrem Büro.

Soweit Aufträge in Folge der Krise ausbleiben oder verschoben wurden, handelt es sich zu 46 % um private und zu 42 % um gewerbliche Aufträge. Mit 12 % waren auch öffentliche Aufträge von der Krise betroffen.

Die Konjunkturpakete der Bundesregierung konnten die negativen Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise im Markt für Architekten nur teilweise abfedern: Nur wenige Ein-Personen-Büros (14 %) und kleine Büros mit bis zu vier tätigen Personen (29 %) konnten von den Konjunkturpaketen profitieren. Mittlere (38 %) und größere Büros (49 %) erhielten demgegenüber deutlich häufiger zusätzliche Aufträge aus den Konjunkturprogrammen.

Umsätze und Kosten in Architekturbüros

Durchschnittlich erwirtschafteten nordrhein-westfälische Architekturbüros im Jahr 2008 mit 59 000 Euro je Vollzeit tätiger Person 10 % mehr Umsatz als 2006. Differenziert nach Bürogröße zeigen sich deutliche Unterschiede:

Liegen die durchschnittlich erzielten Umsätze in Büros mit weniger als zehn tätigen Personen zwischen 55 000 und 60 000 Euro pro Kopf, steigt der Vergleichswert in größeren Büros auf durchschnittlich 82 000 Euro und liegt damit um 19 % über dem Pro-Kopf-Umsatz in 2006.

Mit zunehmender Bürogröße steigen die in Architekturbüros entstehenden Kosten (ohne Inhabergehälter) je Vollzeit tätiger Person. In Ein-Personen-Büros betragen die durchschnittlichen Kosten 16 000 Euro. Diese steigen auf bis zu 59 000 Euro je Vollzeit tätiger Person in großen Büros (zehn und mehr Vollzeit tätige Personen).

Die Kostenentwicklung (ohne Inhabergehälter) von 2006 zu 2008 stellt sich je nach Bürogröße unterschiedlich dar: In Ein-Personen-Büros sind die mittleren Kosten um 14 % zurückgegangen. In mittleren Büros (4 bis 9 Personen) ist ein Rückgang um 1 % zu verzeichnen. Demgegenüber stiegen die durchschnittlichen Kosten in kleinen Büros (bis zu vier Personen) um 14 % und in großen Büros um 24 %. Hierbei spielt insbesondere der Anstieg der durchschnittlichen Personalkosten für Mitarbeiter mit unmittelbarem Projektbezug um 19 % eine zentrale Rolle. Ein vergleichbarer Anstieg dieser Personalkosten ist in kleineren Büros (bis zu neun tätige Personen) nicht zu verzeichnen.

Im Einzelnen ist in größeren Büros von einer Kostenverteilung von 75 % bis 80 % Arbeitskosten einerseits und zu einem Viertel bis einem Fünftel Sachkosten andererseits auszugehen. In Ein-Personen-Büros liegt der Arbeitskostenanteil an den Gesamtkosten mit 69 % erwartungsgemäß niedriger.

Die unmittelbar projektbezogenen Kosten sind mit einem Gemeinkostenfaktor zwischen 2,0 und 2,5 zu multiplizieren, damit die Büros kostendeckend arbeiten können.

Mittlerer Bürostundensatz

Um die Kosten der Architekturbüros in der betriebswirtschaftlichen Planung angemessen berücksichtigen zu können, ist der mittlere Bürostundensatz von Bedeutung. Er gibt an, welcher durchschnittliche Stundensatz bei einzelnen Projekten erzielt werden muss, damit kostendeckend gearbeitet werden kann. Der mittlere Bürostundensatz wird aus den Gesamtkosten dividiert durch die Projektstunden des Büros berechnet. Um zu einem realistischen Bild zu gelangen, muss in diese Berechnung zwingend ein (kalkulatorisches) Inhabergehalt einbezogen werden. Da dies viele Büros bislang nicht tun, wurden im Rahmen einer Szenarioberechnung ein kalkulatorisches Inhabergehalt angesetzt: Wird das Gehalt von angestellten Architekten in Architektur- und Planungsbüros zugrunde gelegt (vgl. Gehaltsumfrage AKNW 2008 zwischen 40 000 und 60 000 Euro Jahresbruttogehalt) und die Arbeitgeberanteile sowie Risikozuschläge in Höhe von 10 % hinzugerechnet, so müssten Inhabergehälter zwischen 70 000 Euro und 100 000 Euro angesetzt werden. Unter diesen Bedingungen liegt der mittlere Bürostundensatz zwischen 59 Euro in Ein-Personen-Büros und 84 Euro in großen Büros mit zehn und mehr tätigen Personen.

Überschüsse und Gewinne

Weil die freischaffenden Architekten mehrheitlich keine kalkulatorischen Inhabergehälter in die Kostenseite einstellen, muss die Analyse der Ertragssituation vorrangig die erwirtschafteten Überschüsse für 2008 betrachten. Überschuss ist definiert als Differenz von Honorarumsatz und Kosten (ohne Inhabergehälter oder Gesellschaftergeschäftsführergehälter). Die Überschüsse sind nicht mit Gewinnen zu verwechseln, weil sich diese erst nach Abzug der Inhabergehälter ermitteln lassen.

Durchschnittlich erwirtschafteten NRW-Architekturbüros im Jahr 2008 je Inhaber bzw. Partner 62 000 Euro. Mit zunehmender Bürogröße steigt der erwirtschaftete Überschuss: In Ein-Personen-Büros betrug der durchschnittliche Überschuss 39 000 Euro. Dieses Ergebnis steigt auf 180 000 Euro in großen Büros mit zehn und mehr tätigen Personen. Der Vergleich mit 2006 zeigt allerdings, dass kleine bis mittlere Büros ihre Überschüsse steigern konnten, während in großen Büros der durchschnittliche Überschuss je Inhaber in etwa konstant blieb.

Die Analyse der Ertragssituation nach Größenklassen zeigt, dass 3 % aller Architekturbüros keine Überschüsse erwirtschaften bzw. Verluste machen. In 35 % der Büros beträgt der Überschuss höchstens bis zu 30 000 Euro. Dieser Überschuss ist geringer als das Gesamtbruttoeinkommen eines Hausmeisters in öffentlichen Gebäuden. In 2006 lag der Vergleichswert von Inhabern mit solch geringen Überschüssen noch bei 43 %. Insgesamt zeigt sich hier also eine gewisse Entspannung in der kritischen wirtschaftlichen Situation vieler Architekturbüros. Insbesondere der Anteil von Ein-Personen-Büros mit einer solch niedrigen Ertragssituation ist von 58 % in 2006 auf 49 % im Jahr 2008 gefallen.

Bessere betriebswirtschaftliche Steuerung vonnöten

Bereits in der Vorgängerstudie wurde auf die Notwendigkeit einer besseren betriebswirtschaftlichen Steuerung von Architekturbüros hingewiesen. Der Vergleich der früheren Ergebnisse mit den aktuellen zeigt, dass sich in dieser Hinsicht in den letzten zwei Jahren zu wenig geändert hat. Eher ist der Anteil der Büros, die notwendige Angaben für ein betriebswirtschaftliches Controlling ermitteln, weiter gesunken. So werden lediglich in 10 % aller Büros die Arbeitszeiten der Inhaber und in 22 % der Büros die Arbeitszeiten der Mitarbeiter erfasst. In 39 % der Büros wird ein Bürostundensatz und in nur 17 % der Büros werden Inhabergehälter kalkuliert.

Insgesamt wird deutlich, dass die Defizite im betriebswirtschaftlichen Controlling eher in kleinen als in großen Büros anzutreffen sind. Ein solches Instrument des Büromanagements ist allen Architekten dringend zu empfehlen, um ihre Existenz zu festigen und die Weichen für eine insgesamt bessere wirtschaftliche performance in der Zukunft zu stellen.

Autor: Prof. Dr. Christoph Hommerich / Dr. Thomas Ebers