Haus der Architekten
Orte für Architektur – Architektur auf dem Wege zum Bürger
Prof. Dr. Karl Ganser,
Vorstand des Fördervereins Deutsches Architektur Zentrum e.V. Berlin (DAZ)
Vorbemerkung
Architektur sei nicht populär, also müsse mehr für Präsentation und Popularisierung getan werden. Gemessen an dem Raum, den Architekturthemen in den Feuilletons der großen Tageszeitungen einnehmen oder mit einem Blick in die Fernsehprogramme ist diese Behauptung der mangelnden Popularität von Architektur zu belegen.
Andererseits ist Architektur ein durchaus bewegendes öffentliches Thema, wenn es um die Kritik an offenkundigen „Bausünden“ geht oder um Denkmalschutz und Denkmalpflege oder gar um die Rekonstruktion symbolischer Bauwerke wie z.B. der Frauenkirche in Dresden oder um den Wiederaufbau des Stadtschlosses in Berlin.
Also wäre wohl zu unterscheiden zwischen einem generellen Interesse an der gebauten Umwelt und einem engeren Disput über zeitgenössische Architektur.
Eine auf die Form reduzierte Diskussion über moderne Architektur wird nur schwer zu vermitteln sein. Denn mit dem „neuen Bauen“ verbinden sich zumeist grundlegendere Fragen, die den Bürger sehr wohl aufregen:
- Ist oder war das der richtige Standort?
- Ist die Baumasse richtig gewählt, passend in die Umgebung?
- Wie viel baukulturelle Substanz oder landschaftlicher Wert geht durch die Neubebauung verloren?
- Entsteht dabei auch ein städtebaulicher Raum, in dem sich Menschen wohlfühlen können?
Und die meisten Bürger geben sich auf diese Fragen eine Antwort, die dem neuen Baugeschehen keine guten Noten gibt. Sie haben nämlich den Eindruck, dass mit dem neuen Bauen mehr an Qualität weggenommen wird, als an neuer Qualität hinzutritt.
Das ist unter anderem der tiefere Hintergrund, weshalb Denkmalschutz und Denkmalpflege einerseits und Landschaftsschutz und Landschaftspflege andererseits eine hohe Loyalität in der Gesellschaft haben, dass die moderne Architektur dagegen als randliches Thema betrachtet wird.
Und es sollte zu denken geben, dass in den Niederlanden, das in Architektenkreisen gerne als „Mekka der Moderne“ kommuniziert wird, nun offensichtlich der Überdruss an der aktuellen Ausformung moderner Architektur drastisch zunimmt. Deshalb titelte unlängst eine Tageszeitung, dass im Land der „Turbo-Moderne“ nun die Neo-Traditionalisten mächtig im Vormarsch sind.
Wenn also über die Frage nachgedacht wird, wie Architektur an die Bürger heranzutragen ist und an welchen Orten dies geschehen soll, dann sind zuvor Grundsatzfragen über Qualitäten von Baukultur zu diskutieren.
Ein Ergebnis dieser Debatte wird dann sein, dass das Verständnis kein „zu lehrendes Fach“ sein kann, sondern eine offene und konfliktträchtige Auseinandersetzung über das aktuelle Baugeschehen. Dafür werden Foren benötigt, die dies mit Kompetenz und Distanz zum „politisch-administrativen Baufilz“ einerseits und mit Mut gegenüber allzu vordergründigen Investoren und Renditekalkülen andererseits tun.
Weil das so ist, entsprechen wohlfeile Forderungen wie
- Architektur muss in der Schule gelehrt werden, oder
- wir brauchen ein nationales Architekturinstitut wie in Holland,
einem vereinfachten und stark verkürzten Denken.
Die Auseinandersetzung über Baukultur eignet sich weder für eine traditionelle museale Präsentation oder auch nur für das übliche Ausstellungsgeschehen bis hin zu einem Tag der Architektur, noch ist sie geeignet, als platte Forderung an die Schule herangetragen zu werden. Vor diesem Hintergrund werden nachstehend Überlegungen für „Orte der Architektur“ mit Ausstrahlung auf die Bürger dargestellt.
Sie beginnen bei der Diskussion über ein Architekturmuseum und enden mit dem Vorschlag, bestehende Museen für Kunst, für Kunst und Design oder auch für Geschichte um die Aufgabe der Präsentation von Baukultur anzureichern in Gestalt von Foren, die den Museumsgedanken neu ausformen.
1. Weshalb so viele Kunstmuseen und kein Architekturmuseum?
Noch nie gab es so viele Museen in Deutschland, mehrere Tausend, und es kommen immer neue hinzu. Kaum ein Thema, das nicht in Museen aufbewahrt und gezeigt wird. Da verwundert es, dass es kein Architekturmuseum gibt. Ja, ein paar Architekturgalerien, aber die sind nur in einer kleinen Architektur-Szene bekannt und ihre Ausstrahlung ist zumeist lokal, allenfalls regional.
Und da ist doch noch ein Museum, das den Namen „Deutsches Architektur Museum (DAM) trägt, ein Mitglied der Museumsmeile in Frankfurt und eine Gründung in der Kultur- und Museums-euphorischen Zeit dieser Stadt in kommunaler Trägerschaft. Aber im Vergleich zur strahlenden Parade der vielen Kunstmuseen mit ihren weit gefächerten thematischen Schwerpunkten verwundert es doch sehr, dass es kein einziges Museum mit bundesweitem Rang für die Baukunst gibt.
Ist die Baukunst in Deutschland von so nachrangiger gesellschaftlicher Wertschätzung, dass sie nicht für museumswürdig empfunden wird? Ist Architektur im Gegensatz zu den anderen Sammlungs- und Präsentationsgegenständen in Museen nicht präsentierbar, weil die Originale draußen stehen und nicht in ein Museum passen?
Die bislang schwachen Stimmen, die ein Museum für Architektur oder für Baukunst oder für Baukultur in Deutschland ins Gespräch bringen wollen, verweisen auf das Niederländische Architekturinstitut (NAI), womit erst einmal der Gegenbeweis angetreten ist, dass Architektur sehr wohl Gegenstand eines großen eigenständigen Museums sein kann und in einen nationalen Rang erhoben ist.
2. Exkurs: DAM oder NAI als Vorbild?
Taugen das Deutsche Architekturmuseum oder das Niederländischen Architekturinstitut als Vorbild?
Die anfängliche nationale und internationale Beachtung des DAM war an ein großes Thema gebunden, das damals die Architektur bewegte: die Auseinandersetzung zwischen Moderne und Postmoderne. Nun, die Postmoderne hatte ein frühes Verfallsdatum. Die Popularität beim Publikum mit respektablen Besucherzahlen war gebunden an die Präsentation von „Architektur-Stars“ der Vergangenheit und der Gegenwart. Das trägt nur eine zeitlang. Und: die Stadt Frankfurt stattete damals das Museum mit einem stattlichen und über die Jahre hinweg kalkulierbaren Etat aus. Das hat sich geändert.
Auf dieser Grundlage agiert das DAM nach den Prinzipien eines konventionellen Museum;
- Sammlung und Archiv
- Dauerausstellung
- Wechselausstellung
und dies mit populären Themen.
Das DAM von heute hat kein großes Thema mehr, auch deshalb, weil es in der Architektur zur Zeit kein großes Thema gibt. Die großen Stars wirken eher „abgespielt“ und mobilisieren insoweit keine großen Besucherzahlen mehr. Das DAM will nun in die Alltagsprobleme der gebauten Umwelt hineinwirken und dies mit einer Abfolge von eher „schlanken“ Ausstellungen und Veranstaltungen. Das DAM ist auf der Suche nach einer einigermaßen kalkulierbaren und verlässlichen Finanzierung. Das Museum wendet sich den Frankfurter Themen zu, den Themen der Stadt und ihrer Region, versteht sich als Treffpunkt von Wirtschaft und Architektur.
Das steht in der Selbstdarstellung des DAM von heute nicht so deutlich: aber die Hinwendung zu einem regionalen Aktionszentrum für das Bauen oder die Baukultur ist deutlich zu erkennen, wenngleich die Tradition des Museums mit Sammlung und Archiv und Dauerstellungen nicht abgelegt wird, aber in den Hintergrund kommt.
Würde ein Architekturmuseum nach den klassischen Kriterien von Kunstmuseen oder historischen Museen konstruiert, würden die Schwierigkeiten, die auch dort immer mehr in Erscheinung treten, ein neues Museum für Architektur von Anfang an noch mehr belasten:
- Die Sammlungstätigkeit ist bei Architektur ungleich schwerer als bei Kunst.
- Die Archive sind bei Architektur ungleich sperriger und weniger spektakulär als bei Kunst.
- Das Exponat in der Architektur ist nur insoweit original, wie es sich um Entwürfe handelt. Das gebaute Objekt ist nicht museumsfähig und daher ist das Architekturmuseum auf einen engen Zusammenhang zwischen Museumswelt und Außenwelt angewiesen.
- Architektur ist weit weniger populär als Kunst oder Geschichte. Damit ist die Klientel für Architektur eher schmal.
Vor dem Hintergrund einer allgemeinen Veränderung der Museumslandschaft und den besonderen Schwierigkeiten einer musealen Darstellung von Architektur sollten wir neue Wege gehen und ein NAI oder ein DAM nicht nachbauen.
3. Museum im Lernbereich
Die Motive, mit denen heute neue Museen entstehen, werden von Prestige angeführt. Die Kultur eines Landes oder einer Stadt strahlen lassen, den Kulturtourismus fördern, für den Standort werben und von einer populären Persönlichkeit profitieren, eine Privatsammlung an Land ziehen.
Ein jüngeres Beispiel für eine solche Motivationslage ist das Bucheim-Museum am Starnberger See. Aber auch das noch junge Grothe-Museum am Innenhafen in Duisburg ist das Ergebnis einer prestigeorientierten Entscheidung: der Sammler Grothe, der Standort Innenhafen, die Standortwerbung für Duisburg .....
Museen nach dem Ideal des 19. Jahrhunderts entstehen heute nicht mehr. Das Sammeln, das Sichten, das Systematisieren, das Dokumentieren und Erforschen und das Präsentieren im wissenschaftlichen Gewande, das Museum also um seiner selbst willen und der Kultur, erscheint nicht mehr zeitgemäß. „Musealisierung“ ist eher ein Schimpfwort geworden, denn eine kulturelle Verpflichtung, die „verstaubten teuren Läden“ stehen deutlich unter Kritik.
Aber es scheint so, dass Prestigegründungen von Museen mit einer spektakulären Architektur, einer aufsehenerregenden Ausstellung zur Eröffnung, mit einem berühmten Namen als Museumsleiter, ziemlich schnell ihren Glanz verlieren und alsbald eher unauffällig in der Museumslandschaft untertauchen. Auf die noch junge Geschichte des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt sei noch einmal verwiesen, auch auf neu gegründete Museen für Kunst und Design. Von diesem Trend mag es seltene Ausnahmen geben wie das Jüdische Museum in Berlin. Das ist dann vom Thema her zu erklären.
Daher denken manche, es sei ballastfreier, auf Museen mit ihren stabilen und dadurch auch kostenträchtigen Strukturen generell zu verzichten und stattdessen da und dort und dann und wann große „Publikumsausstellungen“ zu Themen der Zeit zu machen. Das sind dann einmalige Projekte, deren Trägergesellschaften gegründet und nach Beendigung der Ausstellung auch wieder aufgelöst werden, mit einer zugehörigen Projektfinanzierung und ohne dauerhafte Folgelasten. Sie scheinen in die heutige Zeit zu passen, weil solche Ausstellungen schnelllebig und so vergänglich wie diese Zeit sind.
Information und Edukation sei nicht mehr gefragt, sagen auch immer mehr Museumsleiter. Entertainer wollen sie nicht (noch nicht) sein. Also kreuzen sie Information und Entertainment zu „Infotainment“, um auf diese Weise publikumswirksam und informativ zugleich zu sein und sich von den Angeboten der Themen- und Freizeitparks doch noch abzusetzen. Eine ganze Reihe solcher großer Ausstellungen – meist historische – hat es in den jüngsten Jahren gegeben: Die „Sieben Hügel“ im Gropius-Bau in Berlin, aber auch „Sonne, Mond und Sterne“ in der Kokerei Zollverein und natürlich die großen historischen Ausstellungen, zuletzt die über die Ottonenzeit in Magdeburg.
Museum also nicht mehr und Entertainment noch nicht, aber die Menschen sollen in erster Linie gut und „ohne Zeigefinger“ unterhalten werden. Es werden ihnen zu einem Thema Bausteine zugespielt. Mit dem „Puzzle“ bleiben sie allein. Die Zusammenhänge mögen sie selbst herstellen und die Bewertungen auch. Die modernen Ausstellungsmacher scheuen die Position, ziehen sich zurück bis hin zur Positionslosigkeit. Das geflügelte Wort dazu: „Bloß keinen Zeigefinger.“
Ist das das Museum der Zukunft?
Ein Museum der Zukunft sollte Positionen beziehen, Aktualität bearbeiten, ja Aktualitäten selbst erzeugen, ein Forum der Auseinandersetzungen sein, Ereignisse schaffen, statt Events zu verkaufen, die Kommunikation über die Inhalte besorgen und nicht über die Verpackung und das Beiwerk. Ein solches Museum wäre dann ein Forum der Gegenwartskultur mit der Tradition des Museums im Rücken, die als „Infrastruktur“ für das Forum zu sehen ist. Das Prestige würde dann nicht über die aufsehenerregenden Hüllen und die populären Namen (Star-Architekten + Star-Kuratoren), sondern über den Mut entstehen, die Dinge der Zeit beim Namen zu nennen.
Damit ist die Frage aufgeworfen, was ein Architekturmuseum in unserer heutigen Zeit besorgen soll.
4. Die Kernaufgaben eines Museums für Baukultur
Baukultur ist mehr als Architektur. Mehr als Architektur ist die Verpflichtung, ein Bauwerk in seinen Bezügen zur Landschaft, zu Städtebau, zu Kultur und zur Geschichte zu schaffen und zu präsentieren. Ein zugehöriges Museum hat die Aufgabe, Kommunikation über Qualitäten und Wertmaßstäbe zu organisieren, sich mit diesen Qualitätsmaßstäben in aktuelle Vorhaben einzumischen und darüber hinaus Projekte mit Baukultur anzustiften.
Die Förderung von Baukultur setzt ein simultanes Vorgehen bei Projekten und Programmen einerseits und bei der Kommunikation über Qualitäten andererseits voraus. Mit dieser Perspektive verschieben sich die Aufgaben im Vergleich zu einem herkömmlichen Museum.
Zu den Kernaufgaben gehören:
- das Forum, das die Information und den Disput über aktuelle Fragen und über Fälle der Baukultur ermöglicht,
- die Werkstatt, die neue Projekte anstößt und Gegenentwürfe zu aktuellen Vorhaben fertigt.
- die Malschule, die für Kinder und Jugendliche das freie Gestalten mit den unterschiedlichsten Techniken ermöglicht und so das Verständnis für die Formgebung fördert.
Als Begleitaufgaben treten hinzu:
- der Kommentator, der für die örtlichen und regionalen Medien Kommentare mit maßstabsbildender Wirkung zum Thema Baukultur beisteuert,
- das Kulturprogramm, das gebaute Räume und Landschaftsräume zum „Klingen und Sprechen“ bringt,
- das Reisebüro, das in enger Abstimmung zu den Themen des Forums und der Werkstatt Architektur- und Baukulturreisen anbietet.
Die traditionellen Bestandteile eines Museums bekommen eine aktuelle Ausformung:
- das Archiv
entsteht im wesentlichen durch die Tätigkeiten von Forum, Werkstatt, es wird also nicht breit gesammelt oder angekauft, was von gestern ist, sondern die eigene aktuelle Tätigkeit archiviert - die Dauerausstellung
erklärt die jüngeren Bauepochen mit regionalem Bezug, ist also aktuelle Baugeschichte und das Baugeschehen von heute in der Standortregion - die Wechselausstellung
veranstaltet temporäre Inszenierungen von öffentlichen Räumen, vor allem für Situationen mit einer „besonderen Abwesenheit von Baukultur“, um durch reale Anschauung in Kombination mit einem auffälligen Event, Qualitätsmaßstäbe zu vermitteln.
Das hindert nicht, dass übliche Programmangebote von Architekturmuseen oder Architekturgalerien auch ihren Platz haben können, also das Werk bedeutender Architekten oder ausgewählte Themen der Architektur, Architekturfotografie usw.
Die Attraktivität eines so komponierten Museums aber ergibt sich
- aus der Aktualität,
- aus der Kontroverse
- und dem Regionalbezug, womit eine unmittelbare Beziehung bis hin zur Betroffenheit entsteht.
Das Museum ist insoweit „parteiisch“, als es stets die Partei der öffentlichen Interessen und der Qualität des Bauens ergreift, immer dann aufklärend wirkt, wenn die Dinge im Verborgenen gehalten werden sollen. Respekt und Anerkennung auf diese Weise erworben, ist von ganz anderer Art als das Profil üblicher Museen, die zumeist ohne konkreten zeitlichen und regionalen Bezug und in vornehmer Zurückhaltung agieren. Das Architekturmuseum, das die Baukultur voranbringt, mischt sich ein und legt sich quer.
5. Das Organisationsprinzip
Für die Organisation eines neuen Typs des Architekturmuseums mit den vorher beschriebenen Zielsetzungen und Aufgaben sind drei Modelle denkbar:
1. Das Zentralmodell
mit einem großen herausragenden und landesweit oder gar bundesweit beachteten Architekturmuseum.
2. Das Regionalmodell
mit mehreren regionalen Architekturmuseen.
3. Die Sonderausstellungen,
die in loser Reihenfolge von bestehenden Museen durchgeführt oder an außergewöhnlichen Orten (ohne museale Voraussetzung) inszeniert werden.
Das Modell der Sonderausstellungen wäre nicht mehr als eine Verstärkung dessen, was in den vergangenen Jahren ohnehin da und dort stattgefunden hat und weiter stattfindet. Nun könnte allerdings das Prinzip der Sonderausstellungen verstetigt und durch eine zentrale Programmplanung thematisch profiliert werden, verbunden mit einer Sonderförderung der Länder. Dies aber würde die vorher dargestellte Aufgabenvielfalt und die ins Zentrum gestellten regionalen Bezüge nicht erfüllen.
Ein zentrales Architekturmuseum für ein ganzes Bundesland oder für Deutschland insgesamt würde zumindest beim Zeitpunkt der Gründung eine vergleichsweise große Beachtung finden. Ob es danach aber mehr als ein Museum mit einem Standortbezug und einem regionalen Einzugsbereich wird, ist äußerst fraglich. (Welches Kunstmuseum in Nordrhein-Westfalen hat trotz prägnanter Profile letztlich mehr als eine regionale Resonanz?) Trotz der faktisch lediglich regionalen Beachtung würde ein zentrales Museum immer gezwungen sein, Themen und Ereignisse ohne nennenswerten Regionalbezug mit dem Ziel zu veranstalten, landesweite nationale oder gar internationale Bedeutung auf sich zu lenken, mit zumeist zweifelhaftem Erfolg.
Die Option fällt daher eindeutig zugunsten mehrerer regionaler Museen aus, die von Anfang an auf regionale Kompetenz und Wirkung ausgerichtet sind, gleichwohl aber die Bewährung der Qualitätsmaßstäbe und der Innovationen im internationalen Kontext nachzuweisen haben. Das sind regionale Museen mit einem hohen Maß an „Fremdheit und Distanz“ zur Region.
Nun wäre es vorstellbar und wünschenswert, wenn in den nächsten Jahren in allen Regionen Nordrhein-Westfalens solche regionalbezogene autarke Architekturmuseen entstehen. Schließlich gibt es ja auch in Münster, Bielefeld, im Ruhrgebiet und entlang der Rheinachse eine ganze Reihe renommierter Kunstmuseen. Praktische und theoretische Gründe sprechen gegen einer flächendeckenden Einrichtung. Der praktische Grund ist der hohe Finanzbedarf und der lange Zeitraum für die Einrichtung eines „flächendeckenden Systems“. Der theoretische Grund ist gewichtiger. Autarke Architekturmuseen würden sich zwangsweise auf Architektur spezialisieren und somit eine Sparte „neben den anderen Künsten“ ausbilden, die Spezialisierung und Segmentierung des gesamten Kulturbereichs also weiter betreiben, statt die Integration zu fördern.
Daher sollen die regionalbezogenen Architekturmuseen an bestehende Museen angegliedert, angeknüpft und partiell integriert werden. Das ist für die Grenzüberschreitung zwischen Architektur, Kunst und Geschichte förderlich. Die in den bestehenden Museen vorhandene Infrastruktur mit dem gesamten Erfahrungsbestand könnte genutzt werden. Auch die Publikumsbeziehungen der bestehenden Museen sind wertvoll für die Resonanz der Architekturthemen.
Um es am Beispiel zu sagen: Das Kunstmuseum in Münster, das zweimal erfolgreich im Außenraum ein großes Skulpturenprojekt realisiert hat, ist vergleichsweise nahe am Thema der Baukultur. Oder das Lehmbruck Museum in Duisburg mit verschiedentlichen Aktivitäten zu Skulpturen im Stadtraum und seinem jüngsten Engagement für die Gestaltung der öffentlichen Räume ist nahe am Thema von Baukultur. Im anderen Kontext mit Baukultur und Baugeschichte könnte auch an historische Museen gedacht werden, wie z.B. das Ruhrlandmuseum in Essen.
Nun werden die bestehenden Museen mit Recht darauf verweisen, dass ihre Etats und ihre Räumlichkeiten schon kaum noch auskömmlich sind für ihre „Stammaufgaben“. Sie werden mit dem Verdacht, neue Aufgaben übernehmen zu sollen ohne neue Ressourcen, eine abwehrende Haltung einnehmen.
Voraussetzung für dieses Integrationsmodell ist daher, dass es belastbare Zusagen für zusätzliche finanzielle Ressourcen gibt.
Die Bausteine im Einzelnen
Das Forum
ist das Zentrum des neuen Architekturmuseums. Dieses Forum verhandelt Angelegenheiten von regionaler Bedeutung stets unter besonderer Betonung der Anliegen der Baukultur. Das können regionale Entwicklungsstrategien sein (vgl. die verdienstvolle Tätigkeit des Berliner Stadtforums). Zumeist werden es aber konkrete Vorhaben sein, die früher oder später eine gebaute Form oder eine gestaltete Landschaft nach sich ziehen, nicht selten Eingriffe in den Natur- und Landschaftshaushalt oder in die städtebauliche/denkmalwerte Substanz bedeuten. Dieses Forum klärt auf über Hintergründe solcher Projekte und über Folgewirkungen, klärt aber auch auf, wenn außergewöhnliche gestalterische Lösungen anstehen, die nicht sofort und nicht ohne weiteres in der breiten Öffentlichkeit auf Verständnis stoßen, sichert also avantgardistischen Entwürfen den notwendigen experimentellen Freiraum oder wirbt zumindest für diesen.
Das Forum soll eine unüberhörbare und auch gehörte Stimme für Bauqualität und Baukultur in der Region sein. Das Forum weitet den Blick über die Grenzen der Region hinaus und verweist auf gute und mutige Lösungen anderswo. Das Forum wird geführt von einer vierköpfigen Intendanz, wovon zwei „fremd“ sein sollen, also mit Distanz auf die Region blicken. Das geborene Mitglied in der vierköpfigen Intendanz ist der Leiter/Direktor des Museums, zu dem sich das Architekturmuseum quer legt. Die Intendanz wird über ein Berufungsverfahren bestimmt. Dieses Verfahren muss nicht einheitlich geregelt sein, kann auf besondere Situationen und kreative Lösungen in den einzelnen Regionen beruhen. Auf jeden Fall aber gelten zwei zentrale Kriterien für die Bestimmung der Intendanz:
- die nachgewiesene und öffentlich anerkannte Kompetenz
- die unbestechliche Distanz und Interessenfreiheit
Das Forum kann einen Trägerverein haben, der aus Persönlichkeiten besteht, die Nähe zu Fachverbänden der Architekten und Planer und zu den Lehrstühlen und Fachbereichen der Hochschulen haben, aus bürgerschaftlichen Vereinigungen kommen, die sich mit Geschichte oder auch mit Naturschutz befassen. Diese Trägervereinigung soll eine „Personenvereinigung“ sein und keine Delegation aus Fachverbänden und Interessenverbänden. Die Rechtsform kann offen bleiben.
Die Werkstatt
ist die verlängerte „Werkbank“ des Forums. Sie wird immer dann tätig, wenn die Diskussionen im Forum zeigen, dass zu bestehenden Entwürfen und Lösungen „Gegenentwürfe“ notwendig erscheinen. Dies gilt insbesondere in den häufig vorkommenden Fällen, wo keinerlei Alternativen oder gar Wettbewerbe erwünscht sind. Die Werkstatt kann aber auch von sich aus Themen und Projekte aufgreifen, die dem Forum als dringend behandlungsbedürftig erscheinen, bislang aber in der Region keine Resonanz und keine Initiative gefunden haben. Je nach Aufgabe beruft die Werkstatt eine für die Führung des einzelnen Vorhabens geeignete Persönlichkeit.
Die Malschule
bildet die gestalterischen Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen aus. Sie ist die konkrete und machbare Alternative zur vielfach geforderten, aber ziemlich realitätsfernen Einführung eines Architektur-Unterrichts in den verschiedenen Schularten. Denn die Frage liegt schon nahe, weshalb es in fast allen Städten leistungsstarke und begehrte Musikschulen in privater oder halböffentlicher Trägerschaft gibt, aber nur äußerst selten Malschulen oder Schulen für die Ausbildung gestalterischer Fähigkeiten, wobei der Begriff „Malschule“ nur die Kurzform für die Schulung der bildnerischen und raumgestaltenden Fähigkeiten ist.
Diese Malschulen werden ehrenamtlich geführt durch ein kleines Konsortium von Kunsterziehern, freischaffenden Architekten, bildenden Künstlern, wobei darauf zu achten ist, dass die Dreidimensionalität der Raumwahrnehmung und Raumgestaltung im Mittelpunkt steht, der Gefahr also vorgebeugt wird, dass lediglich Malkurse oder Töpferkurse angeboten werden. Im Zentrum der Malschule steht eine Modellbauwerkstatt.
Es kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt offen bleiben, wie weit die Qualifizierung in der Malschule geht und ob am Ende gar Zertifizierungen stehen.
Das Reisebüro
führt Reisen zur Baukultur in anderen Ländern und Regionen durch. Die Themen und die Reiseziele richten sich nach den Themen, die auf dem Forum verhandelt werden. Das Reisebüro arbeitet kostendeckend. Es wird getragen durch eine Vereinigung von Reiseveranstaltern, was den organisatorisch-wirtschaftlichen Bereich anbelangt. Die inhaltliche Programmierung setzt das Benehmen mit dem Forum voraus.
Die Sternstunden
sind die Umschreibung von herausragenden kulturellen Ereignissen, seien es große Publikumsausstellungen oder temporäre Rauminszenierungen. Sie sind sozusagen die Fortentwicklung der Wechselausstellungen im normalen Museumstyp.
Die Dauerausstellung
soll vertraut machen mit der jüngsten Baugeschichte der Region, also der Nachkriegszeit und dabei Bezüge zu früheren Bauepochen und deren Baukultur herstellen. In dieser Dauerausstellung laufen geschichtliche Betrachtungen, kunsthistorische Themen und Architekturgeschichte zusammen.
Architektenkammer Nordrhein-Westfalen | Zollhof 1 | 40221 Düsseldorf | Telefon: (02 11) 49 67-0 | Telefax: (02 11) 49 67-99 | Internet: www.aknw.de | E-Mail: info@aknw.de

