HAUS DER ARCHITEKTEN
„Haus der Architekten – ein Dreh- und Angelpunkt des neuen Düsseldorfer Medienhafens“
Dr. Ralf Koch, Journalist
Wer von der Besucherplattform des Rheinturms hinunterschaut, sieht ihn, den Strukturwandel. Gemeint ist hier wie andernorts die Umnutzung von Quartieren, wo sich einst und im großen Maßstab die Industrie und der Warenverkehr breit gemacht hatten. Unter den vielen brach liegenden Flächen sind besonders Güterbahnhöfe und Häfen interessant. Dies ist ein internationales Phänomen. Und in Deutschland wird die Zukunft der Häfen nicht nur in Bremen oder Hamburg diskutiert, sondern auch im Binnenland. Dort haben die Städte ihre Häfen längst wieder entdeckt. Im öffentlichen Interesse und mit privatem Geld strengen sie sich an, Leben in die still gewordenen Quartiere zu locken.
Zu den ersten Hafenquartieren in Deutschland gehörten Ende der 80er Jahre der „Teerhof“ in Bremen und der „Medienhafen“ in Düsseldorf, keine 1.000 m Luftlinie zur Altstadt und Königsallee entfernt. In den 90ern zogen dann sehr viele Städte nach, jedes Jahr kommen neue Pläne hinzu, selbst in kleinen Orten wie im rheinland-pfälzischen Bingen. Doch allen voran hat sich Düsseldorf auf das in den Londoner Dock-Lands bewährte Modell verlassen, sein Hafengelände konsequent umzunutzen. International gehören die Hafen-Adressen zu den besten. Auf den Immobilienmessen sind sie die Attraktionen. Büros und Läden am Wasser lassen sich nun einmal erfolgreich entwickeln und vermarkten. Es überzeugen die Nähe zur Innenstadt, die Anschlüsse an den Verkehr und der Mix aus Arbeiten, Wohnen und Freizeit. Aber wichtiger noch als all dies ist das besondere Flair des Wassers, der Blick zum anderen Ufer statt zum Häuserblock, die emotionale Seite des Geschäfts.
Der Düsseldorfer Hafen am Rheinknie lag jahrzehntelang in großen Teilen brach. Kräne, Silos und Lagerhallen standen so lange ungenutzt herum, bis dieses Quartier in den 90ern sein Antlitz rasant veränderte. Die Hafen-Umnutzung ist das wichtigste städtebauliche Projekt der Stadt – Chance und Herausforderung zugleich. Für diese großangelegte Stadterweiterung wurden allein im 15 ha großen Medienhafen 400 Mio. Euro investiert, auf der gegenüber liegenden 11 ha großen Landzunge sind 200 Mio. Euro vorgesehen und an der Franziusstraße noch einmal 400 Mio. Euro (Stand Juli 2002). Wenn in kurzer Zeit enorme Investitionen gestemmt werden, drängen sich Fragen auf: Wird der umgenutzte Hafen ein Teil der Innenstadt oder bleibt er Satellit? Wird die Innenstadt an den Rhein herangeführt und vergrößert oder geht es um etwas anderes? Wird hier kontextueller oder singulärer Städtebau betrieben? Zählt die räumliche Ordnung oder das architektonische Einzelereignis? Nach welchen Konzepten wird hier gehandelt? Schnelligkeit oder Nachhaltigkeit? Kontinuität oder Flexibilität? Welche Qualität hat die Architektur, haben die öffentlichen Freiräume? Antwort geben heißt, die Leitbilder und Wertehaltungen der Stadt Düsseldorf aufzuspüren.
Düsseldorf ließ sich zunächst Zeit, und das war gut so. Die Stadt hatte bereits 1976 auf Grundlage eines Gutachtens beschlossen, das stadtnahe mehr als 30 ha große Hafengebiet in verschiedenen Phasen umzunutzen. Der Grund? Die Industrieproduktion war auch hier rasant zurückgegangen, der alte Hafen inzwischen unrentabel. Mit dem Bau des etwa 230 m hohen Rheinturms (1982), der letzte Fernmeldeturm aus der Zeit vor dem Glasfaserkabel, und dem neuen Landtagsgebäude (1988) begannen die städtebaulichen Veränderungen im Berger Hafen/Zollhafen, auf die der Bau des WDR-Landesstudios, der Rheinpark Bilk und der Yachthafen folgten.
Die Entwicklung des sogenannten Medienhafens zwischen Handelshafen und Hammer Straße, Zollhafen und Franziusstraße, fing zögerlich an. In den späten 80er Jahren schlug der Werber Thomas Rempen vor, das Areal der Medienszene zu widmen. Ihm kommt die Vorreiterrolle zu. 1989 initiierte er ein Gutachterverfahren für das Gelände des Alten Zollhofes. Die Stadt Düsseldorf nahm seinen Vorschlag an, lag damit voll im Trend, schlug dem benachbarten Medienkonkurrenten Köln ein Schnippchen, und wurde mit den mehr als zehn Jahren Bautätigkeit im Medienhafen weltweit bekannter. Das Image als Werbe-, Kunst- und Medienstadt ist stärker geworden.
Nachdem der Medienhafen initiiert war, kam Geschwindigkeit ins Spiel. Um die neuen Nutzer möglichst flott und reibungslos für den Medienhafen zu gewinnen, hat die Stadt marktkonform dereguliert. Ein Masterplan, wie ihn Norman Foster für Duisburg entworfen hat, fehlt für das Düsseldorfer Hafengebiet. Statt einen solchen Plan auszuloben, hat die Stadt auf die bestehende Parzellierung zurückgegriffen. Neben den alten Parzellen bestimmen nun das Becken des früheren Handelshafens und die parallel geführten Zulieferstraßen die städtebauliche Figur: erste, zweite, dritte Reihe am Wasser. Was den Masterplan anbelangt ist bekannt, dass ein solcher Plan nicht von vorn herein Erfolg verspricht. Die Entwicklung der Hamburger HafenCity zeigt es. Dort wird im Laufe des Projekts der stadtbaukünstlerische Anspruch durch die Beteiligten immer mehr verwässert. In Düsseldorf war es nicht der Glaube an den Masterplan, sondern die bewusste Entscheidung, die Gestalt des neuen Quartiers nicht frühzeitig festzulegen. Das städtebauliche Konzept sollte Freiräume enthalten, um auf Trends und Entwicklungen reagieren zu können. Flexibilität als Strategie.
Statt wie in Hamburg, Köln oder Frankfurt/Main eine Entwicklungsgesellschaft zu gründen oder zu beauftragen, vertraute die Stadt Düsseldorf ihre Hafenumnutzung 1987 einem „Koordinator“ an. Damit schlug sie neue Wege der Vermarktung ein. Projektmanager Alfred Dahlmann sorgt für kurze Entscheidungswege zwischen Investoren, Nutzern, Architekten und Stadt. Die Vergabe der Grundstücke erfolgte bedarfsorientiert. Auf kostenintensive Wettbewerbe wurde im Medienhafen verzichtet. Gutachten und Direktaufträge regelten das Einvernehmen aller Beteiligten und sicherten die schnelle Projektabwicklung. Das ist Effizienz.
Muss der internationale Städtebau-Wettbewerb, den die Stadt 1998 für die dem Medienhafen gegenüber liegende Landzunge ausgelobt hat, als Zurücknahme von Flexibilität und Effizienz gesehen werden? Ja und nein. Denn vom Wettbewerb ausgenommen waren die Grundstücke, die bereits an Investoren und Nutzer vergeben worden waren. Und was die Durchführung und die Folgen des Wettbewerbs anbelangt, war die Stadt nicht unflexibel – weder bei der Neuordnung am Kopf des Handelshafens noch bei der Neugestaltung der Landzunge beiderseits der Speditionsstraße. Um die Teilnahme am Wettbewerb hatten sich mehr als 500 Architekten beworben, von denen 40 ausgelost und weitere 20 eingeladen wurden. 45 Wettbewerbsarbeiten gingen ein. Gesiegt hat das Bochumer Architekturbüro Rübsamen + Partner: unspektakuläre Blockstruktur mit Durchgängen zum Wasser, klare Raumkanten zur Orientierung, Masse und Höhe der vorhandenen Bauten beibehalten, ein Hochhaus an der Franziusstraße, ein langgestreckter Platz am Beckenkopf zwischen beiden Hafenarealen, an der Spitze der Landzunge keine Bebauung, sondern öffentlicher Freiraum. All das hat die Jury überzeugt. Doch indem der erste und der vierte Preisträger unterschiedliche Überarbeitungsaufträge erhielten, folgte die Stadt dem Preisgerichtsurteil nur bedingt. So ging auch die Idee des Düsseldorfer Architekturbüros Petzinka Pink und Partner, die Landzunge mit schlanken Turmbauten zu überziehen, in den Bebauungsplan ein.
Der größte Irrtum von Holger Rübsamen und der Jury aber war, auch nur anzunehmen, dass die begehrtesten Grundstücke nicht vermarktet werden. Für die Ausformung der attraktiven Spitze der Landzunge, eine 5.000 m2 große Fläche, wurde 2000 ein Investorenwettbewerb durchgeführt. Unter 19 Vorschlägen, von den sieben in die engere Wahl kamen, erhielten der Investor Hans Grothe und die Düsseldorfer Architekten J.S.K. den Zuschlag. Bald werden zwei 50 m hohe Scheiben die dahinter befindlichen und gerade fertig gestellten Baukörper der Düsseldorfer Architekten Ingenhoven Overdiek und Partner verdecken, die beiden „gläsernen Zungen“, die der Landzunge als Abschluss so gut entsprochen hätten. Und die als Abschluss auch geplant worden waren.
Der Einwand, dass es im Düsseldorfer Hafengebiet mehr um die Addition von Bauwerken geht und weniger um den städtebaulichen Zusammenhang, ist berechtigt. Die neuen Häuser beziehen sich weder in der Wahl der Baumaterialien noch durch die Aufnahme der Bauhöhe auf die alten Hafengebäude. So variiert die Höhenentwicklung an der Kaistraße zwischen drei und 13 Geschossen. Die neuen Häuser wollen Schiffe sein, sie zitieren Bug und Heck, Rumpf und Bullauge, Segel und Wellen. Es sind Einzelspieler, die kein Ensemble bilden, das über zufällige Nachbarschaften hinausginge. Ohne fließende Übergänge stoßen sie abrupt aufeinander. Das ist die Kehrseite von Flexibilität und Effizienz. Und diese Kehrseite ist es auch, die enorme Gestaltungsfreiräume für die Großen der internationalen Architekturszene und die Großen der Region eröffnet hat.
Mit dem Neuen Zollhof führt Frank O. Gehry das Spektakel im Medienhafen an. Die drei dynamischen Bürotürme sind ein städtebauliches Magnet, ihr eigenwilliges Kulissenspiel ist ein Signal im gesamten Hafengebiet. Gegen so viel Gefälligkeit verblast selbst der Glanz von David Chipperfield und Steven Holl, Claude Vasconi und Wolfgang Döring. In diesem Wettkampf um markante Kubaturen und Fassaden halten sich die Darmstädter Werk.um Architekten nobel zurück – mit dem Haus der Architekten. Der Bauherr, die Architektenkammer NRW, wollte es so. Am nördlichen Eingang zum Medienhafen, dem besondere stadtgestalterische Bedeutung zukommt, begnügt sie sich mit nach außen schwingenden Fassaden, mit einer ruhigen Antwort auf den benachbarten Neuen Zollhof. Am anderen Ende des Hafenbeckens und auf der gegenüber liegenden Landzunge das gleiche formale Spiel: Fumihiko Maki und Joe Coenen reduzieren, Norbert Wanzleben und William Alsop tragen dick auf. Während Wanzleben mit einem „Wolkenbügel“, einem 35 m auskragenden Brückenträger mit Bürobaukörper, der Moderne und El Lissitzky huldigt, stellt Alsop mit einer bunten Glasfassade das Reinheitsgebot der Moderne in Frage stellt. Doch unter all den im Hafengebiet vertretenen Architekten haben Alsop und Gehry die Frage nach den Grenzen der Bürofassaden neu gestellt – und das Innere manchmal vernachlässigt.
Ist die Ansammlung sehenswerter Architektur ein offenes oder geschlossenes System? Ist es weit oder eng, locker oder dicht? Ist es kompakte Stadt oder amorphe Agglomeration? Um es gleich vorweg zu nehmen, es ist von alledem. Die Errichtung von Block neben Block in der vollen Grundstückstiefe ergibt nahezu geschlossene Zeilen, die sich dann zwischen Neuem Zollhof und Platz der Medien auflösen. Hier ist die Blockstruktur am durchlässigsten. Die Gebäude stehen frei und können umlaufen werden, was vor allem auf dem 10.000 m2 großen Grundstück des Neuen Zollhofs wichtig ist. Diese drei Gebäude verriegeln nicht etwa den Zugang zum Rhein, sondern laden ein, sich dort aufzuhalten. Was im Großen für den Neuen Zollhof gilt, gilt im Kleinen für das Haus der Architekten, für den zweitplatzierten Entwurf im Wettbewerb. Dass der Baukörper nun das keilartige Grundstück nachzeichnet, war von der Jury als bedenklich eingestuft worden. Dass er aber gerade dadurch umlaufen werden kann, will wohl niemand mehr missen. Und dass er entgegen der viergeschossigen Wettbewerbsforderung nun sieben Geschosse zählt, ist allzu richtig. Nur so kann sich das Haus der Architekten gegenüber den mächtigen Nachbarn behaupten. Bebauungsplan geändert. lexibilität bestätigt.
Architektenkammer Nordrhein-Westfalen | Zollhof 1 | 40221 Düsseldorf | Telefon: (02 11) 49 67-0 | Telefax: (02 11) 49 67-99 | Internet: www.aknw.de | E-Mail: info@aknw.de




