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Serie: Architektin und Pyrotechnikerin Judith Mann

Lodernde Wasseroberflächen, verwunschene Nebelschwaden und züngelnde Flammen – Judith Mann brennt für diese Themen. Seit sie nach ihrem Architekturstudium in einer Firma für Pyrotechnik und Spezialeffekte gearbeitet hat, lassen sie Wasser, Feuer, Wind, Nebel und Licht nicht mehr los. Von Köln aus inszeniert sie mit ihrer Firma "Effektschmiede“ (www.effektschmiede.de) Räume mit Mitteln aus dem Theater-, Film- und Showbereich – eine Spezialisierung als Gestalterin für Atmosphären.

Frau Mann, wie kommt es, dass Sie als Architektin in den Bereich Pyrotechnik gewechselt sind?
Über eine Bekannte bin ich zur Pyrotechnik gekommen. Mein erstes Projekt, an dem ich mitgearbeitet habe, war ein Feuerwerk an der Siegessäule in Berlin. Das war so berauschend und beeindruckend, dass für mich danach klar war: Das will ich auch können! Seitdem reizt es mich, Mittel wie Feuer, Wasser,  Wind und Nebel einzusetzen, um Atmosphären zu schaffen. So habe ich meine Leidenschaft entdeckt.

Sie haben eine Zusatzausbildung gemacht?
Ich bin gelernte Pyrotechnikerin. Das ist ein Anlernberuf, bei dem man in einer Firma für Pyrotechnik und Spezialeffekte arbeitet, um Projekterfahrung zu bekommen. Parallel habe ich für Schule und Prüfungen gelernt. Mit diesem Abschluss darf ich auch zu anderen Zeiten als zu Silvester mit Feuerwerkskörpern umgehen. Das Wichtigste und Spannende bei dem Beruf ist die Technik, aber davon bekommt der Betrachter im Idealfall nichts mit.

Sie zählen sich also zur Eventbranche?
Nein, denn mein Schwerpunkt ist nicht die temporäre einmalige Aktion. Meine Inszenierungen sind individuell und auf Dauer ausgelegt, daher ist neben dem Konzept der Aspekt der Umsetzung und der Pflege und Wartung sehr wichtig. Ich möchte auf lange Sicht eine bestimmte Atmosphäre per Knopfdruck erzeugen.

Wie gestalten Sie Atmosphäre über die klassischen Mittel der Architektur hinaus?
Mit Feuer, Wasser, Wind, Nebel und Licht kann man die Sinne direkter ansprechen, die haptische und sinnliche Erfahrung ist intensiver. Feuer ist nicht artifiziell, es lenkt die Aufmerksamkeit auf sich, man fühlt sich instinktiv angezogen. Nebel ist lebendig. Umgebungs- und Lufttemperatur, Luftfeuchte und -bewegung erfordern Fingerspitzengefühl, damit er die gewünschte Wirkung entfaltet. Nebel kann in Form von Dunst oder Dampf märchenhaft und verwunschen wirken, aber auch die Blicke leiten, wenn er dicht wie eine Wand ist. Es gibt allein sechs Spielartenarten von Nebel, abhängig von der physikalischen und chemischen Erzeugung. Für jede Emotion ist etwas dabei. Mich fasziniert besonders die Arbeit mit Feuer und Nebel, aber auch mit Duft lässt sich Stimmung erzeugen. Geruch ist das erste, was wir wahrnehmen, noch vor den anderen Sinnen. Es gibt eine Palette von standardisierten Aromaölen, oder man kreiert einen individuellen Duft.

Auf welche Fähigkeiten als Architektin greifen Sie dabei zurück?
Ich verbinde mein Know-how als Architektin mit meinen Erfahrungen als Pyrotechnikerin. Aus der Architektur bringe ich das konzeptionelle Herangehen und das strukturierte und logische Denken mit. Ich habe das Gefühl für den räumlichen Zusammenhang und die Wirkung eines Raumes, für den Umgang mit Material und Farben. Auch die Praxis als Architektin in der Kommunikation mit den Bauherren hilft mir bei meinen Projekten. Und die Entwürfe werden am Modell überprüft.

Haben sie ein Traumprojekt im Kopf? Wo würden Sie gerne Atmosphäre gestalten?
Bei der Gartengestaltung einer alten Villa gibt es Ecken, Nischen und Blickachsen, die man stimmungsvoll hervorheben kann. Und besonders gerne würde ich prestigeträchtige Objekte wie Banken und  Versicherungen inszenieren. Es gibt so tolle Möglichkeiten, dauerhafte Eyecatcher zu schaffen, fern von hoch glänzendem Mamorbelag und der klassischen „Kunst am Bau“.

Autor: Das Interview führte Katja Domschky