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Hanns Hoffmann (1930 - 2014): Den Neubeginn gestalten

Für den Architekten Hanns Hoffmann, der seine berufliche Tätigkeit in der Zeit des Wiederaufbaus der kriegszerstörten deutschen Städte begann, war Rekonstruktion des Verlorenen nie eine Alternative; aber auch nicht das Neue, nie dagewesene, allein um des Neuen Willen. Hoffmann widmete sich dem Neubau in einem Verständnis von Architektur, das aus der langen Tradition des Bauens als eine der Harmonie verpflichtete, raumschöpfende Kunst erwuchs. „Ich glaube an das Canticum Cantorum, das hohe Lied unserer Städte und deren Architekturen, die blühen, wachsen und weiter gedeihen werden“, äußerte er in einem Vortrag im März 2008.

Ohne sich im engeren Sinne mit Stadtplanung und Städtebau befasst zu haben, galt Hanns Hoffmanns Aufmerksamkeit der Stadt als übergreifendem Gebilde. 1980 setzte er sich in Münster in einem seiner zahlreichen Vorträge mit „Stadtgestalt im historischen Stadtkern“ auseinander, wobei er den Wiederaufbau des Prinzipalmarktes positiv bewertete. Hier sei es gelungen, den Stadtgrundriss zu erhalten mit einem Ensemble von Bauten, das den Charakter der alten Stadt in neuem, zeitgemäßem Gewand bewahrt. Heftig jedoch sprach er sich 2010 gegen die in seinen Augen mediokre Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses aus.

Der Pfarrerssohn aus Verden an der Aller studierte 1949 - 54 an der TU Darmstadt Architektur, u.a. bei dem Stadtplaner und Architekturhistoriker Karl Gruber und dem Protagonisten der Moderne und Autor der „Bauentwurfslehre“ Ernst Neufert. Noch in die Studienzeit fielen Wettbewerbsarbeiten für eine Stadthalle in Koblenz und eine Bibliothek für Hannover.

Nach mehreren Zwischenstationen ließ Hoffmann sich 1957 mit eigenem Büro in Münster nieder und betrieb neben dem Wohnungsbau schwerpunktmäßig den Bau von Schulen, Kirchen und Gemeindezentren. Auch in Schleswig-Holstein arbeitete das Büro, ab 1964 wurde in Kiel ein Zweigbüro unterhalten. Beispielhaft das Ev. Versöhnungszentrum in Marl 1972. Seit 1968 wirkte Hanns Hoffmann als Mitglied im Beirat für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Ev. Kirche Westfalen. 1980 erfolgte die Übersiedlung nach Düsseldorf, wo Hoffmann sich intensiv der Verbandsarbeit widmete und kurz vor seinem 84. Geburtstag verstarb. Teile seines Nachlasses konnten im Archiv für Architektur- und Ingenierbaukunst NRW in Dortmund gesichert werden.

Als auf der Coerderheide die größte Neubausiedlung der Nachkriegszeit in Münster mit 2371 Wohnungen entstand, nach damaligen städtebaulichen Maximen in parallelen Wohnriegeln und Punkthochhäusern, war Hoffmann an Schule und Kindergarten beteiligt. 1963 begannen die Planungen für eine evangelische, städtische Grundschule, die heutige Melanchthonschule. Sie bildet mit dem Gemeindezentrum und dem Andreaskindergarten, ebenfalls von Hoffmann, das „Evangelische Dreieck“.

Die zunächst 7-klassige und 1966 auf 11 Klassen erweiterte Schule folgt dem Typus der Pavillonschule: Zweistöckige Riegel schirmen das Schulgelände zur Straße ab, daran gestaffelt aufgereiht die eingeschossigen Klassenpavillons unter Pultdächern, deren je eigene Außenplätze vom Nachbarraum aus nicht einsehbar sind. Ein System, das sich im Geschosswohnungsbau der Zeit vielfach bewährt hat. Eine zentrale Pausenhalle verbindet als geschützter Innenraum alle Einzelbauten. Ihre Fläche ergibt sich aus der Addition aller sonst notwendigen Flure. Eine leicht erhöhte Teilfläche kann als Bühne abgetrennt werden.

Im Bauprogramm enthalten sind eine Lehrküche mit Essraum, Mehrzweck- und Werkräume sowie großzügige Außenbereiche mit Schulhof, Spielwiese und Sportplatz. Die tragenden Wände bestehen aus sichtbar belassenem Ziegelmauerwerk, das Dach der Halle ruht auf weit gespannten Holzleimbindern, dazwischen Kiefernholzverschalung und Oberlichtfenster (vgl. Foto). Das Raster der Dachträger ist im Fußbodenbelag aus roten Tonplatten mit schwarzen Basaltstreifen dazwischen gespiegelt.

Die sich selbst erklärende, einfache Bauweise harmoniert hier mit einem zugleich offenen und bergenden Raumsystem, dessen Struktur und Proportionen harmonisch abgestimmt sind. Die Schule hat sich über die Jahrzehnte bewährt und wurde nur um eine Sporthalle erweitert, die Neubausiedlung, die heute zu den Problemzonen in Münster zählt, weniger. Hier dürften, um noch einmal Hanns Hoffmann zu zitieren, Architekten und Bauherren mit ihren Idealen an der Realität gescheitert sein. (Vortrag Düsseldorf 2003: „Hat die moderne Architektur versagt?“)

Autor: Dr. Gudrun Escher