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Nikolaus Rosiny (1926-2011): Dem Gemeinwohl verpflichtet

Der Architekt Nikolaus Rosiny begann sein Berufsleben in schwerer Zeit und unter schwierigen Bedingungen. Nach dem Vordiplom der TH München 1949 brach während seiner Studienzeit an der ETH Zürich eine offene Tuberkulose aus, Folge einer Lungenverletzung als Soldat. Es folgten Monate in Krankenhäusern und Sanatorien. Als dann bei Egon Eiermann an der TH Karlsruhe die Preisarbeit zum Studienabschluss ausgerechnet ein Lungensanatorium betraf, konnte er aus eigener Erfahrung schöpfen und entwickelte seinen Entwurf aus der Keimzelle des Bettes im Krankenzimmer heraus. Das Diplom erhielt er 1954 mit Auszeichnung.

Noch während der Studienzeit suchte er Kontakt zu seinen Vorbildern Rudolf Schwarz, für den er, aus einer Duisburger Familie stammend, 1953 die Bauleitung der Kirche St. Anna in Duisburg übernahm, und Emil Steffann, der ihn gleichzeitig in die Planung und Erstellung des Gemeindezentrums St. Bonifatius in Dortmund miteinbezog. Mit letzterem verband ihn eine Partnerschaft von 1955 bis zu dessen Tod 1968, auch als Rosiny ab 1961 sein eigenes Büro in der Herler Mühle am östlichen Stadtrand von Köln betrieb. Das Einfache als Maßstab gepaart mit kompromissloser Sorgfalt im Detail, das die Arbeit von Steffann prägte, wurde auch für Rosiny zur Richtschnur.

Architekt Nikolaus Rosinys Herler Mühle
Mit dem Kauf der historischen Mühle knüpfte er auf seine Weise an die Familientradition an, denn die Duisburger Mühle der Familie Rosiny war 1902 der erste der Mühlenbetriebe, die den Innenhafen zum "Brotkorb des Reviers" werden ließen. Seit 1992 ist hier das Kultur- und Stadthistorische Museum beheimatet. Die Herler Mühle baute Rosiny schrittweise zum Wohn- und Arbeitsplatz für die junge Großfamilie mit sechs Kindern aus und entwickelte dabei seine eigene Position im Umgang mit historischer, denkmalwerter Substanz.

Die Zusammenarbeit mit Gottfried Böhm an den Domkirchen Trier und Eichstädt sowie am Schloss in Saarbrücken, beginnend mit dem Wettbewerb für Trier, wurden in dieser Beziehung die wichtigsten Projekte. Neben zahlreichen Kirchen und Gemeindezentren zieht sich die Planung von Krankenhäusern wie ein roter Faden durch Rosinys Werk. Schon 1957 beteiligte er sich an dem Wettbewerb für eine Kurklinik der LVA auf Norderney und 1957 bis 63 entstand in der Partnerschaft mit Emil Steffann das Heilig Geist-Krankenhaus in Köln-Longerich. Höhepunkte dieser Arbeit bildeten die Neubauten des Marienhospitals in Gelsenkirchen-Ückendorf (mit Bela Pölös und Winfried Eisele) und der Fachklinik Rhein-Ruhr in Essen (mit Bela Pogany), eine Reha-Einrichtung auf den Ruhrhöhen über Kettwig, deren wie Finger auseinander gespreizte Flügel den Blick aus den Patientenzimmern ins weite Land öffnen. Beide Großkliniken wurden ausgeführt 1972-77 (nach Wettbewerb 1969) bzw. 1972-78 und stehen beispielhaft für Systematisierung und Standardisierung von Bauteilen ohne Verlust an Bauqualität insgesamt. Und beide haben sich in Konzeption und Ausführung über die Jahrzehnte bewährt bis hin zum Farbleitsystem in Gelsenkirchen, das bis heute die markante Außentreppe am Bettenhochhaus zum weithin sichtbaren Blickfang macht.

In der Arbeitsgemeinschaft Baugruppe Köln (heute BGK Köln und Leipzig) entwickelte Entwürfe für Krankenhäuser in Portugal und Malaysia kamen nicht zur Ausführung, erfolgreich dagegen war ab 1978 die Arbeit für das German Hospital in Jeddah, Saudi Arabien. Der 1994 dort fertig gestellte Medical Tower war eine der letzten Arbeiten, an denen Nikolaus Rosiny vor seiner halbseitigen Lähmung noch aktiv mitwirkte. "Wahrhaftigkeit, Qualität und eindeutige künstlerische Aussage", diese grundsätzliche Forderung an die Arbeit eines Architekten formulierte Rosiny 1975 in Bezug auf das Pfarrzentrum St. Laurentius im sauerländischen Plettenberg. Diese relativ kleine Anlage in der Nachbarschaft einer älteren evangelischen Kirche lag ihm besonders am Herzen, spiegelt sie doch für ihn wesentliche Positionen: Respekt vor einer „örtlichen Traditionskette", Entwicklung einer Raumvielfalt von innen heraus mit so viel „Frei-Raum" wie möglich für das Leben der Gemeinde und Stärkung eines städtebaulichen Zusammenhangs. Am wichtigsten jedoch: „Kirchenbau ist unter allen Bauaufgaben ein besonderes Wagnis, weil er über die Zweckerfüllung hinaus zeichenhaft ist für die Wirklichkeit Gottes in der Welt."

Rosiny nahm jede Aufgabe ernst in ihrer Wertigkeit über die technische und funktionale Auftragserfüllung hinaus und forderte dies auch von anderen. Sein hoher Anspruch war letztlich die Triebfeder für die erfolgreiche Verbandsarbeit zunächst im Bund Deutscher Architekten BDA und als langjähriges Mitglied im Deutschen Werkbund, aber vor allem als Gründungsmitglied der Architektenkammer des Landes NRW und zeitweiliges Mitglied im Vorstand der Bundesarchitektenkammer, deren Aufgabe er in der Qualitätssicherung des Berufsstandes sah. Nur so ist auch sein Engagement für die mühsame und verantwortungsvolle Arbeit als Preisrichter für kleine und große Projekte zu verstehen, ob 1964 für die Wallfahrtskirche Neviges, einen Städtebaulichen Ideenwettbewerb für Bonn-Dottendorf 1975 oder zuletzt 1984 für die gelungene Umnutzung der Kirche St. Maximin in Trier zur Turn- und Festhalle.

Autor: Dr. Gudrun Escher