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Ausstellung "Megacities": Unter der Haut der Städte

Das Auge wird provoziert, die Sinne scheinen überfordert. - Und dennoch oder gerade deshalb üben diese fotografischen Arbeiten einen großen Reiz aus.“ Diesen Eindruck des Publizisten Dr. Christian Welzbacher teilten viele der Besucher der Ausstellung „Megacities“ im Haus der Architekten. Dr. Welzbacher führte anlässlich der Vernissage am 1. April 2014 in das Werk der Berliner Fotografin Sabine Wild ein, die mit „Megacities“ bereits zum zweiten Mal im Haus der Architekten ausstellte.

Hongkong, Peking, New York, Chicago - die Dynamik, Dimensionen und Skylines der großen Metropolen der Welt üben eine starke Faszination aus, scheinen zugleich aber subkutan stets auch einen Moment der Bedrohung zu enthalten. Sabine Wild nutzt die sich daraus ergebende Spannung für ihre künstlerischen Betrachtungen von großen Städten. In ihrer Serie „Megacities“ präsentiert sie im Breitbildformat zumeist Skylines von Metropolen, die durch nachträgliche Bearbeitung am Computer eine starke Verfremdung erfahren - und dadurch erst die Aufmerksamkeit des Betrachters auf den Kern der Städte fokussieren.
„Das Gefühl von Bedrohung, von Schmerz und Gefahr verweisen oftmals auf das dahinter verborgene Erhabene“, verwies Christian Welzbacher auf den irisch-britischen Philosophen und Staatsmann Edmund Burke. Zugleich würden solche Werke die Sinne erweitern. Die Bilder von Sabine Wild folgten in diesem Sinne einer „zeitgemäßen Überwältigungsstrategie“.
Durch eine partielle Monochromisierung, durch horizontale und vertikale Verwischungen und Rasterungen, durch Unschärfen und Fragmentierungen sowie durch Reduktion von Details scheint Sabine Wild die Oberflächen der Megacities zu durchdringen. Was dabei zutage tritt, ist radikal subjektiv und zwingt den Betrachter zur eigenen Stellungnahme. So kann eine Stadt wie New York in einem Bild hell und ätherisch, aus einer anderen Perspektive düster und malignant wirken.

Wer das Werk von Sabine Wild in den vergangen Jahren verfolgt hat, erkennt dabei eine Weiterentwicklung von der reinen technischen Verfremdung realer Fotomotive hin zu neuen Techniken der Collage. Die Fotografin abstrahiert und dringt damit gleichsam unter die Haut der Stadt. „Bei meinen Besuchen großer Städte entstehen die Bilder vielfach bereits in meinem Kopf“, beschrieb Sabine Wild ihr Vorgehen bei der Motivsuche. Ob das aufgenommene Motiv dann später tatsächlich durch die computergestützte Verfremdung die gewünschte Wirkung entfaltet, bleibe aber ungewiss und zeige sich erst in der Postproduktion am Rechner - und hänge von der Imagination des Betrachters ab.
Das konnte auch Michael Arns bestätigen. Der Vizepräsident der Architektenkammer NRW wies in seiner Begrüßung zur Vernissage darauf hin, dass die Künstlerin das Bildmotiv vielfach durch Abstraktion und Unschärfen auflöse und dadurch eine Bildwirkung erziele, die der Malerei sehr nahe komme. „Bei näherer Betrachtung ist es bisweilen so, als würde man in zu hellem Licht die Augen zusammenkneifen: Was dann noch die Netzhaut erreicht, ergibt oftmals ein klareres Bild als die Fülle an Informationen, die ins weit geöffnete Auge dringen.“ 

Megacities“ ist bis zum 15. Mai 2014 im Haus der Architekten zu sehen.

Autor: Christof Rose