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Stephanie Ernst baut Filmkulissen

Drehorte finden und koordinieren, die Grundrisse von Kulissen festlegen, Film-Wohnungen möblieren - das sind die Spezialgebiete von Stephanie Ernst, die als Film-Architektin arbeitet. Ein weiterer Beitrag unserer Interview-Reihe mit Architekten, die abseits der herkömmlichen Tätigkeitsfelder tätig sind.Was hat Sie gereizt, in die Filmwelt zu wechseln - der Glamour?

Ich lerne zwar viele Prominente kennen, aber meine Arbeit spielt sich eher im Hintergrund ab. Nein, der Grund war, dass ich Abwechslung liebe und mir nie vorstellen konnte, tagaus, tagein im gleichen Büro zu arbeiten. Außerdem war ich immer ein großer Fan der Architektur in James-Bond-Filmen. Also habe ich mich umgehört, welche Möglichkeiten es gibt, Filmarchitektin zu werden, und das Glück gehabt, ein Volontariat für Szenenbild beim WDR zu ergattern. 

Verraten Sie uns ein paar Produktionen, an denen Sie mitgewirkt haben.

Die “Zugvögel” und die “Wache” zum Beispiel, damals noch als Assistentin. Mein erster richtiger Film war die “Reise des Herzens”, ein Zweiteiler für die ARD. Auch für den WDR habe ich gearbeitet, die Dekoration der “Aktuellen Stunde” beispielsweise stammt von mir. Derzeit drehe ich in Venedig zwei neue Folgen der Krimi-Serie mit Commis­sario Brunetti. Die ständigen Ortswechsel sind schon anstrengend, ein Privatleben findet kaum statt. Zumal ein 14-Stunden-Arbeitstag völlig normal ist. Ich bin morgens die erste am Set und abends die letzte, denn ich muss ständig prüfen, ob die Kulissen stimmen. 

Was gehört noch zu Ihren Aufgaben?

Als erstes lese ich das Drehbuch. Oft wähle ich dann selbst die Locations aus, schlage Außendrehmotive vor und suche mit einem Immobilienfachmann Wohnungen für die Innenaufnahmen. Dann zeichne ich die Grundrisse, entwerfe die Einrichtung, stelle ein Farb­konzept auf, mache eine Motivliste. Mit der gehe ich in die Fundi, das sind riesige Hallen mit Möbeln und Requisiten aller Art. 

Was passiert, wenn Sie nicht fündig werden?

Dann wird die Deko nach meinem Entwurf neu gebaut. Manchmal brauche ich sogar einen Statiker, etwa bei der SAT1-Produktion “Die Frau auf dem Baum”. Da haben wir per Kran eine 23 Meter hohe Eiche an den Drehort transportiert und daneben ein großes Baumhaus gebaut, für die Innenaufnahmen. 

Bei den meisten Filmen ist der Zeitplan sehr straff.

Diese Koordinationsarbeit, die ich zusammen mit dem Aufnahmeleiter mache, ist wirklich furchtbar. Es müssen so viele Personen unter einen Hut gebracht werden, und irgendetwas geht immer schief. Am schlimmsten ist es, wenn der Motivgeber, zum Beispiel ein Wohnungseigentümer, zwei Tage vor dem Dreh absagt. Dann stehe ich bei wildfremden Leuten vor der Tür und frage, ob sie mal eben übermorgen ihre Wohnung einem Filmteam zur Verfügung stellen können. 

Viele Parallelen zur klassischen Architektentätigkeit - was ist der Hauptunterschied?

Der Blickwinkel. Man muss gucken wie die Kamera. Grundrisse und Inneneinrichtungen müssen ganz anders geplant werden als im wirklichen Leben. Beispiel: Wenn laut Drehbuch der Vater ins Zimmer kommt und seinen kranken Sohn begrüßt, dann muss das Bett so stehen, dass die Kamera zugleich die Tür erfasst, damit der Dialog überhaupt stattfinden kann. 

Und im Unterschied zu einem Gebäude wird die Filmkulisse nach Abschluss der Dreharbeiten gleich wieder abgebaut.

Das stimmt, als Szenenbildnerin schafft man keine bleibenden Werte. Deshalb versuche ich in den Pausen zwischen zwei Filmen noch als Architektin zu arbeiten, beteilige ich mich schon mal an Wettbewerben, und kürzlich habe ich in Köln ein Drei-Familien-Haus umgebaut. 

Wie bekommen Sie als Film-Architektin Ihre Aufträge?

Ich musste mich noch nie bewerben, bin immer weiterempfohlen worden. Das liegt wohl auch daran, dass ich gut kalkulieren kann und stets das Budget einhalte. Ich bin jetzt schon bis Ende 2003 komplett ausgebucht. 

Ist es ein erhebendes Gefühl, wenn Sie der Film fertig ist und Sie ihn im Fernsehen oder im Kino sehen?

Ich freue mich zwar, aber in erster Linie fällt mir auf, wie viel Arbeit verge­bens war. Man weiß ja vorher nie genau, wie die Kamera-Einstellungen sind, und stellt dann regelmäßig fest, dass ein Drittel der mühsam aufgebauten Kulisse gar nicht ins Bild kommt!  

Zur Person:
Stephanie Ernst, Jahrgang 1960, studierte Architektur an der Fachhochschule Köln. Bevor sie sich von 1993 bis 1995 beim WDR als Szenenbildnerin ausbilden ließ, arbeitete sie in international bekannten Architekturbüros im Ausland, unter anderem bei Peter Eisenman in New York

Autor: Christine Mattauch