Berufsbildungs- und Technologiezentrum BTZ II der Handwerkskammer Wiesbaden / offener Realisierungswettbewerb 1999 / Fertigstellung 2002 / habermann.stock.decker.architekten, Lemgo - Visualisierung: habermann.stock.decker.architekten

Die beste Lösung muss wieder entscheiden

Julia Bolles-Wilson hat Anfang Juli unter der Überschrift „Der Wettbewerb als kreativer und innovativer Spielraum“ an eine Zeit erinnert, in der offene Wettbewerbe jungen Büros den Zugang zu spannenden Bauaufgaben ermöglichten. Auch unser eigener Start wäre ohne dieses Instrument kaum denkbar gewesen.

03. September 2026von Prof. André Habermann, Architekt BDA, Initiative Wettbewerb

1999 gründeten wir zu dritt ein Büro, ohne Auftrag und große Referenzen. Noch im ersten Jahr gewannen wir den offenen Realisierungswettbewerb für das Berufsbildungs- und Technologiezentrum II in Wiesbaden. 184 Teilnehmende gingen in die erste, 25 in die zweite Phase. Die Handwerkskammer hatte mit diesem Verfahren die für ihre Aufgabe überzeugendste Entwurfslösung gefunden, traute uns die Umsetzung zu und sicherte ihr „Risiko“ pragmatisch ab. Von Beginn an war vereinbart, ab Leistungsphase 6 ein weiteres Architekturbüro einzubinden. Der Bauherr bekam Sicherheit. Wir bekamen eine Chance.

Heute werden Planungsleistungen zunehmend über Umsätze, Mitarbeiterzahlen und Referenzen vergeben. Damit wird qualitätsorientierter Wettbewerb eingeschränkt. An der Hochschule Bochum erlebe ich, dass nur noch wenige Absolvierende mit der Vorstellung starten, ein eigenes Büro zu gründen. Es fehlt schlicht die Perspektive, über die Qualität der eigenen Arbeit Zugang zu anspruchsvollen Aufgaben zu erhalten. Das ist ein Warnsignal für die Erneuerungskraft unseres Berufsstandes.

Entscheidend ist jedoch etwas anderes: Wettbewerb setzt Energie frei. Im Sport ist das selbstverständlich. Auch in der Architektur schärft der direkte Vergleich den Entwurf und erhöht den Anspruch. Vor allem aber entstehen unterschiedliche Lösungen für dieselbe Aufgabe. Wettbewerbe machen sie vergleichbar und bringen Bauherrschaft, Politik, Fachwelt und Öffentlichkeit frühzeitig zusammen.

Dass dies auch wirtschaftlich relevant ist, zeigt eine aktuelle ARCH-E-Auswertung von 40 Architekturwettbewerben. Bei 26 Verfahren lag die erstplatzierte Lösung unter dem durchschnittlichen Flächenwert aller Beiträge. Im Mittel errechnet die Studie rund 3,5 Prozent niedrigere Baukosten gegenüber der Durchschnittslösung. Das entspricht rund 92 Millionen Euro. Der Kostenvorteil übersteigt die Verfahrenskosten um ein Vielfaches.

Die Initiative „100% Wettbewerb“ fordert deshalb zu Recht, den offenen Planungswettbewerb nach RPW zum Regelverfahren für öffentliche und öffentlich geförderte Bauaufgaben zu machen. Vergaben ohne Wettbewerb sollten die begründete Ausnahme sein. So erhalten Büros mit überzeugenden Ideen Zugang zu öffentlichen Bauaufgaben. Davon profitieren auch regional gewachsene Bürostrukturen, die heute zunehmend aus dem Blick geraten. 

184 Teilnehmende wie 1999 sind nicht sinnvoll. Aber wenn offene Wettbewerbe wieder selbstverständlich werden, verteilt sich das Interesse auf viele Verfahren und stärker auch auf das regionale Umfeld. So bleiben die Teilnehmerzahlen handhabbar und die Vielfalt der eingereichten Lösungen erhalten.

Dafür müssen Wettbewerbe schlanker werden. Niemand braucht in frühen Phasen überzogene Darstellungen oder eine Detailtiefe, die für die Entscheidung noch keine Rolle spielt. In Preisgerichten überzeugen zunächst die städtebauliche Idee, die räumliche Organisation und die Robustheit des Konzepts. Weniger geforderte Leistungen machen Verfahren schneller, fairer und wirtschaftlicher.

Es geht um die Qualität und Zukunft unserer gebauten Umwelt und um einen verantwortungsvollen Umgang mit öffentlichen Mitteln. Wer öffentliche Bauaufgaben vergibt, sollte nicht vermeintlich geeignete Planungsteams anhand von Referenzen auswählen, sondern die beste Lösung für die konkrete Aufgabe suchen.

Dafür gibt es ein erprobtes Verfahren: den geregelten Planungswettbewerb. 

Teilen via