Was verdienst du? Und was der Kollege? Diese Fragen sind ein in Deutschland ein riesiges Tabu. Die Bundesarchitektenkammer fragte 2024 dennoch nach und erhielt unter dem Schutz der Anonymität ebenso ärgerliche wie erwartbare Antworten: Auch in der Architektur gibt es einen Gender-Pay-Gap. Selbst wenn man alle Faktoren, die eine unterschiedliche Bezahlung rechtfertigen könnten, berücksichtigt, liegt er bei 6,8 Prozent.* Das wirksamste Gegenmittel ist Transparenz. Wir müssen also reden.
Gesagt, getan. Wir haben mit Gesine Appel, Partnerin bei baut architektur, Claudia Berger-Koch, Senior-Partnerin bei HPP Architekten und Eva Wöstemeyer, Recruiting-Expertin bei der DIS AG gesprochen. Anlass für die Einladung war ein Erlebnis von Gesine Appel: Zum wiederholten Mal hatte in einem Bewerbungsgespräch eine junge Bewerberin eine sehr niedrige Gehaltsvorstellung geäußert.
Der Titel der Veranstaltung lautete „Das passende Gehalt fordern“. Also: Wie geht das? Hier kommen die wichtigsten Erkenntnisse:
Wisse, was du willst.
Gerade wächst die Sorge wieder, ob der Übergang vom Studium ins Berufsleben möglichst reibungslos gelingt. Trotzdem ist es laut der Expertinnen wichtig, einen groben Karriereplan zu haben. Wo siehst du dich in fünf bis zehn Jahren? In der Bauleitung, im Bauen im Bestand? Im Wohnungsbau oder lieber bei Großprojekten? Kommt ein anderer Arbeitsort als das klassische Architekturbüro in Frage? Alle diese Fragen haben Auswirkungen auf das Einstiegs- und das langfristige Gehalt.
Auch für erfahrene Planerinnen ist es wichtig, die berufliche Position und Zielrichtung immer mal wieder zu hinterfragen und ggf. eine neue Position zu suchen. Das muss nicht immer gleich ein Jobwechsel sein. Eine Weiterentwicklung im bestehenden Arbeitsverhältnis ist auch möglich. Geht damit auch mehr Verantwortung einher, ist das definitiv ein Grund für eine Gehaltserhöhung
Informiere dich, was du verlangen kannst
Nachdem die meisten im Studium jahrelang mit wenig Geld auskommen müssen, erscheint evtl. auch schon ein geringes Gehalt verlockend. Doch davon solltest du dich nicht blenden lassen. Ein angemessenes Einstiegsgehalt (brutto) für eine Berufsanfängerin in einem Architekturbüro liegt bei 3.200 bis 3.500 Euro. Da waren sich die drei Expertinnen einig. (Ausnahme: Das Gehalt als Architekt*in im Praktikum in Baden-Württemberg. Das liegt bei ca. 3.000 Euro (brutto).) Ein angemessenes Einstiegsgehalt ist auch langfristig wichtig, denn es ist die Basis für die zukünftige Gehaltsentwicklung.
Dein Gehalt entspricht deinem wirtschaftlichen Hebel
Dieser Satz von Claudia Berger-Koch ist einer der wichtigsten Tipps, sowohl für Berufseinsteigerinnen als auch für erfahrene Planerinnen. Überlege dir also vor der Verhandlung, welche wirtschaftlichen Mehrwerte, du dem Büro bringst. Auch als Absolventin bringst du „geldwerte“ Vorteile mit, z.B. zeitliche Flexibilität, Hochschulwissen auf neuestem Stand und digitale Skills.
Die wichtigste Verhandlungsmasse ist der wirtschaftliche Erfolg des Projekts, an dem du mitgewirkt hast (oder mitwirken wirst). Das kann ein direkter finanzieller Gewinn sein aber auch ein Folgeauftrag oder neue Bauherr*innen. Ist das Projekt profitabel – und liegt das (mit) an deiner Arbeit – ist das eine hervorragende Verhandlungsposition. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass die Wirtschaftlichkeit des Projekts auch gemessen wird. Von Büros, die den finanziellen Erfolg ihrer Projekte nicht kennen, solltest du laut der Expertinnen die Finger lassen.
Eine weitere Voraussetzung ist, dass du deinen Anteil am wirtschaftlichen Erfolg des Projekts benennen kannst. Die Identifizierung der eigenen Leistung ist bei einer Teamarbeit nicht immer ganz einfach und widerspricht gefühlt dem Teamgedanken. Doch dem ist nicht so, denn in einem Team trägt jede*r zum Erfolg bei. Scheu dich also nicht, dein Zutun am wirtschaftlichen (!) Gelingen des Projekts zu dokumentieren und bei einer Gehaltsverhandlung in die Waagschale zu werfen. Auch hier gilt: denke wirtschaftlich. Eine harmonische Zusammenarbeit und effiziente Prozesse tragen beispielsweise ebenso zum wirtschaftlichen Erfolg bei, wie konkrete Einsparungen.
Du startest in einen neuen Job und kennst deinen wirtschaftlichen Hebel noch nicht? Dann verhandle, dass nach Ende des Projekts nachverhandelt oder das Gehalt entsprechend angehoben wird.
All dies wird im Studium kaum bis gar nicht thematisiert. Zudem verhindert das Arbeitsethos in der Architektur eine wirtschaftliche Perspektive auf die eigene Arbeit. Sie ist aber wichtig, denn ein gutes Gehalt bedeutet, dass man das Leben nach den eigenen Vorstellungen gestalten kann. Es schafft Unabhängigkeit und damit Sicherheit. Wir sollten öfter mal darüber sprechen. In der Architektinnen Initiative NW machen wir das!
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