Neubau Gymnasium Langenhagen, gernot schulz : architektur GmbH. Wettbewerb 1. Preis Sommer 2018, Fertigstellung Frühjahr 2022, Einzelgewerk- und Einzel-Fachplanungsvergabe, Zulassung im Einzelfall für Holzbau in F90. Ausgezeichnet mit dem Landes-Architekturpreis Niedersachsen 2023 - Foto: HG Esch

Her mit der Evaluierung von Vergabeverfahren!

Als Hochschullehrer ist es für mich eine Selbstverständlichkeit von meinen Studierenden aber auch von der Hochschulleitung regelmäßig evaluiert zu werden. Dies hat für mich selbst zur Folge, dass mein Tun an seiner Wirkung gemessen wird und ich meine Lehre immer wieder anpasse und neu ausrichte.

05. August 2026von Prof. Gernot Schulz, Architekt BDA

In den vielen Jahren meiner inzwischen 33-jährigen Selbständigkeit sind etliche neue Vergabewerkzeuge erfunden worden, alle, das sei mal unterstellt, mit gut gemeinten Zielen der Verbesserung bei den Kriterien Qualität, Kosten- und Termintreue. 

Da wäre es doch mal interessant zu wissen, ob diese Ziele überhaupt eingetreten sind:

  • Hat das Öffnen des Marktes (zu Beginn meiner Selbständigkeit gab es noch regional z.B. auf NRW beschränkte Wettbewerbe) wirklich zu einer größeren Gleichberechtigung beim Marktzutritt ALLER geführt? 
  • Haben VgV-Vergaben, mal erdacht, um das Bauen in „professionelle und erfahrene“ Hände zu geben, dazu geführt, dass Projekte der öffentlichen Hand mehrheitlich termin- und kostentreuer wurden 
  • Und wer beleuchtet mal die Kostenentwicklung öffentlicher Bauten in Zeiten von Totalunternehmer- und -übernehmer-Konstrukten. Veröffentlichte Zahlen zeigen auf, dass solche Projekte bis zu doppelt so teuer sind, als das klassische Bauen nach Wettbewerb und Einzelvergaben. 

Wir sind inzwischen in einem sich selbst erhaltenden System angekommen. Prozesse werden nicht mehr in Frage gestellt, weil sich Alle so gut in Ihnen eingerichtet haben. Es wimmelt nur so von Projektcontrollern und Projektsteuerern (manchmal hat ein Projekt der öffentlichen Hand 3-5 Projektsteuerer auf Seiten des öffentlichen Auftraggebers zusätzlich zum Projektsteuerer aus der Wirtschaft), jedoch ohne, dass echte Verantwortung für zügige Abwicklung, Entscheidungsforcierung oder Risikomanagement von diesen Personen oder Institutionen übernommen wird.

Das führt zu so irrwitzigen Szenarien, dass Bieter bei TÜ-Verfahren (bei denen ein Bieter also ein Projekt 20 oder 30 Jahre an eine Kommune vermietet) sogar etwaige Mehrwertsteuererhöhungen in der Projektzeit mit einpreisen müssen, nur um jedwedes Risiko einer unbestimmten Kostenentwicklung aus der Haushaltsplanung zu nehmen. Aus solchen Risikoverschiebungen erklären sich die hohen Projektkosten von Bauten, die aus solchen Verfahren erstellt werden. Das führt wiederum dazu, dass die Kommunen das sowieso schon knappe Geld auf (zu) wenige Bauvorhaben verteilen müssen.

Der Markt entwickelt sich hin zu großen Monopolisten (Beispiel Fa. Goldbeck, allein in Köln gingen die letzten drei Groß-Schulprojekte alle an Bieter, bei denen Fa. Goldbeck entweder selbst AN oder Subunternehmer des Bieters ist) und Großbüros mit eigenen Fachingenieur-Abteilungen und mehreren hundert Mitarbeitern. Diese Auftragnehmer sind für die Kommunen „übermächtige“ Partner und diktieren die Prozesse – mit der Folge vieler Kündigungen und unendlicher Rechtsstreitigkeiten. Anders als die mittelständischen klassischen Architekturbüros sind die besagten Großunternehmen mit eigenen Rechtsabteilungen auf jede rechtliche Auseinandersetzung vorbereitet und willig, dies auch durchzusetzen.

Das gerne angeführte Argument, dass sei alles der Personalnot in den Ämtern geschuldet, lasse ich nicht gelten. In den 1990er-Jahren wurde in den neuen Bundesländern schnell und kostensicher gebaut, ohne dass überhaupt Ämterstrukturen vorhanden waren. Meistens gab es einen Amtsleiter/-leiterin, der von Projektsteuerern (diese nannten sich „Bauherren auf Zeit“) unterschriftsreife Dokumente vorgelegt bekam. Die Zuständigkeiten waren klar verteilt, es wurden Expertisen anerkannt und einander vertraut. So waren Terminschienen von 3-4 Jahren incl. Wettbewerb und Budgetunterschreitungen keine Seltenheit. Die aus diesen Prozessen entstandenen Projekte füllten ganze Ausstellungen u. a. im DAM Frankfurt. Dass ich selbst in dieser Zeit zwischen meinem 27. und 35. Lebensjahr als junger Selbständiger vier große öffentliche Aufträge nach gewonnen Wettbewerben realisieren konnte – alle ausgezeichnet mit überregionalen Architekturpreisen – ist da fast schon eine Randnotiz.

Daher mein dringender Appell: Alle Vergabepraktiken gehören auf den Prüfstand, ob das Ziel, dass bei Einführung damit verbunden war, überhaupt erreicht wurde. Wenn nicht – weg damit und her mit der Einsicht, dass das Bauen etwas Prozesshaftes und Partnerschaftliches ist und immer mehr Regelungen nicht dazu führen eine Null-Fehler-Kultur zu etablieren. Das Risiko einer Null-Qualität-Baukultur ist jedoch gegeben, wenn nicht schon da. 
 

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