Der 11. UrbanSlam fand in der digital Church in Aachen statt. Foto: Heike Lachmann

Junge Ideen für Wohnkonzepte der Zukunft

Wie können junge Planende unsere Städte und Gemeinden so weiterentwickeln, dass sie erschwinglichen Wohnraum für alle Bevölkerungsgruppen anbieten können? Diese Leitfrage stand im Mittelpunkt des 11. UrbanSlams der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen, der am 16. Juni in der digital Church in Aachen stattfand. Rund 120 junge Leute und Freunde der Baukultur hatten sich in der umgestalteten Kirche unweit der Aachener Innenstadt eingefunden, um vier Architekturslams und - als Gast - Poetryslammerin Marlena Schönfeld zu erleben.

19. Juni 2026von Maria Jourlova-Nordmeyer / Christof Rose

„Wir brauchen in der Architektur keine Märchen, sondern Geschichten. Keine großen Lehmvillen in der freien Landschaft, sondern nachhaltiges Bauen in der Stadt“, führte Prof. Florian Fischer-Almannai mit einem Impulsvortrag in den Abend ein. Der Leiter des Lehrstuhls für Wohnbau und Grundlagen des Entwerfens an der RWTH Aachen und Co-Gründer der Münchner Wohnungsbaugenossenschaft „Kooperative Grossstadt“ hat errechnet, dass wir theoretisch keinen Wohnungsneubau brauchen, wenn die durchschnittliche Wohnfläche pro Kopf von heute 48 auf 35 Quadratmeter gesenkt würde. Nach einer EU-Studie hätten wir EU-weit Potenzial für 100 Millionen Wohnungen - im Bestand. „Wir müssen ran an den bestehenden Wohnraum und mehr Experimente wagen“, postulierte Fischer-Almannai. InLeipzig-Grünau wird durch sein Team der Technischen Hochschule Aachen ein leerstehender WBS 70-Plattenbau zum Wohnlabor. Rund 20 Menschen sind dort in den letzten Wochen für mehrere Wochen zum Probewohnen eingezogen. Sie testen unter Realbedingungen ein innovatives, flexibles Wohnkonzept, das in der Forschung als „Nukleuswohnen“ bezeichnet wird: Zweizimmerwohnungen mit zuschaltbaren Ergänzungsräumen. Das Team rund um Prof. Fischer-Almannai begleitet das Projekt wissenschaftlich, um die Frage beantworten zu können: Sieht so die Zukunft des Wohnens aus?

Über ihren Entwurf, ein leerstehendes Bürogebäude in zentraler Lage in Düsseldorf zu einem Mixed-Use-Haus mit Wohnraum für Geflüchtete umzubauen, sprach die erste Slammerin, Marie Becker. „Wohnen ist ein Menschenrecht. Aber was ist mit einem Bett in einem Zimmer voller Fremder? Trocken, warm und was zu essen ist noch kein Wohnen, denn Ankommen braucht Anschluss. Dafür müssen wir grundsätzlich anerkennen, dass Geflüchtete ein Recht auf Wohnen haben und auch sehr wohl in unser Stadtbild gehören. Architektur kann Heimat nicht ersetzen. Sie kann aber helfen, anzukommen und sich wohlzufühlen,“ führte Becker leidenschaftlich aus.

Während in den oberen Geschossen kleine Wohnungen mit flexibler Möblierung vorgesehen sind, soll das Erdgeschoss als offener Ort der Begegnung mit Atelierräumen und Restaurants gestaltet werden. Sollte der Bedarf nach dem Wohnraum für Geflüchtete sinken, könnten die Wohnungen zukünftig auch als Studentenunterkünfte genutzt werden. 

In einem mit viel Witz vorgetragenen Slam untersuchte Junior-Architekt Jan-Lukas Müller die Umnutzung eines ehemaligen Kaufhauses in der Aachener Innenstadt. Im Zuge seiner Masterarbeit hat Müller am Wettbewerb „Handel im Wandel“ der Stadt Aachen teilgenommen und fand die Aufgabenstellung nicht nur spannend, sondern auch aktueller denn je. Denn sie verknüpft städtebauliche, gestalterische, architektonische und nutzungsspezifische Fragen im lokalen Kontext. 

„Die Zukunft des Wohnens entscheidet sich nicht in den Wohnungen, sondern in den Räumen dazwischen“, so Müller. Sein Vorschlag lautete, junge und Alte zusammen wohnen zu lassen. „Leute, die kein Geld und keine Zeit haben. Oder die wissen, dass beides irgendwann egal ist“. Bei den ehemaligen Kaufhäusern seien Identität und Ausdruck nach außen wichtig. Statt einer Putzfassade könnte der klassische, für alle erkennbare Fassadenstein neu genutzt werden. „Gute Städte funktionieren, wenn für alle Menschen ein breiter Zugang zu gesellschaftlichem Leben und Gemeinschaftsräumen besteht. Umgenutzte ehemalige Kaufhäuser in Premiumlagen könnten dazu beitragen“.

8 Sektgläser, 12 Servietten, 4 Klappstühle und das Wohnen auf kleinem Raum –– über den Versuch, es allen recht zu machen, bis man sich selbst vergisst ging es im Slam-Beitrag von der Profi-Slammerin, Marlena Schönfeld. Sie spießte unter dem Titel „People Pleaser“ den verbreiteten Drang auf, nach außen immer perfekt erscheinen zu wollen.   

Um ein ernsteres Thema, das jedoch alle betrifft, ging es im Beitrag mit dem Titel „Wo wir alt werden?“ von der Junior-Architektin Charlotte Dahmen. Auslöser für diese Fragestellung war der typische Verlauf in der Familie der Slammerin: Die Oma wollte nicht umziehen, es folgte ein Sturz, dann Krankenhaus, Heim und der übliche Kreislauf. Es stellte sich die Frage: Ist das wirklich alles? Durch den demografischen Wandel werde das Thema immer präsenter, Pflegeplätze zugleich knapper. Da im Prozess des Alterns der Bezug zur eigenen Wohnung und zum gewohnten Quartier an Bedeutung gewinne, wollte Charlotte Dahmen untersuchen, was man als Architekt*in zur Lösung der Problematik beitragen kann. „Die zentrale Frage ist: In welchen Räumen wollen wir alt werden. Und wie können wir dafür den Bestand nutzen?“

Dafür wurden mit 65- bis 85-jährigen im Düsseldorfer Stadtteil Flingern Interviews geführt. Den meisten war es wichtig, das eigene Quartier nicht verlassen zu müssen. Zentrale Versorgungsangebote sollten in einem Radius von 500 Metern erreichbar sein. Charlotte Dahmen: „Bei einem Rundgang durch den Stadtteil stellte ich fest, dass alles da war, was für barrierefreies Wohnen angepasst werden könnte: Zeile, Geschossbau, Hochhaus. Wir wollen verändern, dass in der Regel die Frage nach DIN und Kennzahlen im Mittelpunkt des Interesses steht. Lasst uns Räume bauen, die Spaß machen, egal in welchem Alter!“

Eine autobiografische Antwort auf die Frage, wie wir wohnen wollen, präsentierte der Architekt und Bürogründer Mladen Milinovic. „Ich war über meine fünf Jahre Berufspraxis oft enttäuscht. Und musste feststellen: Junge Wohnkonzepte fehlen nicht etwa, weil es uns an Ideen mangelt. Sondern weil wir diese nicht umsetzen.“

Die Wohnungsfrage sei grundsätzlich nicht neu, sondern eine jahrhundertealte gesellschaftliche Herausforderung. Milinovic stellte diverse Lösungsversuche aus der Vergangenheit vor, um zu den aktuellen Ansätzen vorzudringen. Eine aktuelle Studie aus Dänemark, die das Potential von den bestehenden Einfamilienhäusern untersucht, zeigt, dass nur 10 bis 15% der Umverteilung im existierenden Bestand ausreichen würden, um die Wohnungskrise dort aufzufangen. „Der günstigste Quadratmeter ist der, den wir gar nicht bauen müssen. Jeder eingesparte Quadratmeter spart Geld, CO₂ und senkt langfristig die Miete.“ Die Wohnungsfrage sei nie allein eine Frage des Wohnraumes. „Wir müssen uns auch selbst ändern, um die Welt um uns herum verändern zu können“, so Mladen Milinovic.

Die Schlussabstimmung des Publikums brachte ein klares Ergebnis: Zur Gewinnerin des 11. UrbanSlams der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen wurde Marie Becker mit ihrem emotionalen Beitrag „Heimat um/bauen“ gekürt.

Die große Resonanz auf den 11. UrbanSlam der AKNW zeige, wie intensiv das Thema Wohnen uns alle tagtäglich betrifft und wie groß das Interesse der jungen Planer*innengeneration an dem Thema sei, resümierte Moderatorin Patrycja Muc im Gespräch mit AKNW-Präsidentin Katja Domschky und Kooperationspartnerin Ilka Dietrich-Kintzel, kaufmännischen Geschäftsführung der Landesinitiative Baukultur Nordrhein-Westfalen.

 

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  • Vier gewinnt: Die Slammer des 11. UrbanSlam der Architektenkammer NRW waren (v. l.) Siegerin Marie Becker mit Jan-Lukas Müller, Charlotte Dahmen und Mladen Milinovic. – Foto: Christof Rose/Architektenkammer NRW
  • Kammerpräsidentin Katja Domschky im Gespräch mit den Slammer*innen des 11. UrbanSlams. Foto: Heike Lachmann
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