Gruppenbild aller Referent:innen auf der Bühne
Referierten und diskutierten kontrovers auf dem Symposium der AKNW in der Festhalle des Solar Decathlon Europe 2021/22 (v. l.): Prof. Christian Schlüter, Dr. Katharina Simon, Prof. Dr. Markus Gabriel, Peter Köddermann, Ernst Uhing, Lillith Kreiss, Petra Voßebürger (Moderation), Prof. Annette Hillebrandt und Prof. Dr. Achim Kampker - Fotos: Mathias Kehren / Architektenkammer NRW

RTHNK BKLTR - Baukultur neu denken!

Planvoll und schnell müsse nun gehandelt werden, appellierte der Präsident der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen, Ernst Uhing, zum Auftakt des Symposiums „Rethink Baukultur“ an den Berufsstand, die Klimaschutzfrage zu einem zentralen Element, ja zur Grundlage des Planens und Bauens zu machen. „Die politischen Vorgaben auf europäischer Ebene und in Deutschland ziehen an, und das zurecht!“ Auf dem Symposium, das die Architektenkammer NRW im Rahmen des „Solar Decathlon Europe 2021/22“ auf dem SDE-Festivalgelände in Wuppertal mit 150 Interessierten durchführte, wurde interdisziplinär über Baukultur im Kontext von Ressourcenschonung, Klimaresilienz und Technisierung nachgedacht.

22. Juni 2022Autor*in: Christof Rose

Es gehe um die Zukunft, führte Dr. Katharina Simon, Director of Architecture and Urban Innovation Solar Decathlon Europe 21, in das Konzept des Solar Decathon ein. „Wir müssen deshalb die jungen Leute davon überzeugen, klimagerecht zu planen und zu bauen.“ Diesem Ziel habe sich der Solar Decathlon bei seiner Gründung vor 20 Jahren verschrieben. „Gestartet wurde 2002 in Washington vor dem Weißen Haus“, berichtete Dr. Simon. Seit 2010 läuft das Konzept in Europa als „SDE Europe“. Die Besonderheit der „Edition Wuppertal“ des SDE, deren Präsentationsphase vom 10. bis 26. Juni 2022 in Wuppertal lief, sei der Ansatz, auf die Stadt zu fokussieren und real existierende Bauaufgaben aus dem benachbarten Mirker Quartier vorzugeben. Konkret ging es um drei Lückenschließungen bzw. Ergänzungsbauten auf mindergenutzten Grundstücken.

Eine nachhaltige Perspektive des gesamten SDE-Projektes ergebe sich auch dadurch, dass acht Demonstratoren für weitere drei Jahre als „Living Lab“, als Forschungseinheiten auf dem Gelände stehen bleiben können und sich – gefördert vom NRW-Wirtschaftsministerium – sich unter der Federführung der Gesamtuniversität Wuppertal weiter der Erforschung des nachhaltigen Planens und Bauens widmen können. „Wir schreiben gemeinsam Stadtgeschichte, Baugeschichte, Zukunftsgeschichte!“

Umwelt- statt Kosteneffizienz

Von Kosteneffizienz zu Umwelteffizienz – unter diesem Motto sprach Lillith Kreiss von den „architects for future“ über einen grundlegend neuen Baukulturansatz. Der „Erdeüberlastungstag“ sei bereits am 4. Mai gewesen – „das ist deutlich zu früh, da sind wir uns hoffentlich alle einig“, so die junge Architektin an das Publikum von 150 Kammermitgliedern und Interessierten. Bis 2030 werde aktuell ein Wachstum von 85 Prozent der Bauwirtschaft erwartet; damit werde der Handlungsdruck für die Branche immer dringlicher.

Zentrale Forderungen der „architects for future“ lauteten: Hinterfragt Abriss kritisch! Wählt gesunde und klimapositive Materialien! Entwerft für eine offene Gesellschaft! Konstruiert kreislaufgerecht! Nutzt urbane Minen und vermeidet Downcycling! Schützt die Biodiversität!

Für Lillith Kreiss setzt die Baukultur heute weiterhin zu stark auf Kosteneffizienz und Gewinn. Stattdessen müssten Ökologie und das Soziale zur Grundlage gemacht werden, um damit dann auch ökonomisch zu sein. Ressourceneffizienz, Kreislauforientierung, Langlebigkeit, Ästhetik und Gemeinschaftsausrichtung – das solle die Wertepyramide sein, auf der die Baukultur aufsatteln müsse. Ressourcengünstiges Planen beginne in der Leistungsphase 0 und müsse in den Entwurfsphasen gestaltet werden.

„Architects for future“ setze auf Öffentlichkeitsarbeit, Netzwerk und Wissenstransfer. „Die neue Baukultur wird gebraucht - ansonsten werden wir in 100 Jahren keine Baukultur mehr haben.“

Vision: „Humanotop“

Die „ewige Leier der Ausreden“ zu durchbrechen, die da laute: „Was kann ich schon tun, wenn in Brasilien die Regenwälder abgeholzt werden?“ - das ist das Ziel von Prof. Dr. Achim Kampker vom Lehrstuhl „Production Engineering of E-Mobilitity“. Der Mitgründer des Vereins „Ingenieure retten die Erde e.V.“ regte an, dass jeder in seiner Profession und in seinem Leben darüber nachdenken solle, was er oder sie konkret tun können, „um die Welt besser zu machen“. Aus dieser Haltung heraus gründete Achim Kampker im Jahr 2010 in Aachen einen E-Scooter-Verleih zur Überwindung der „letzten Meile“; heute habe das Unternehmen 15 000 Fahrzeuge auf der Straße. „Es mangelt uns nicht an Ideen; es geht immer darum, auch zu einer konkreten Umsetzung zu kommen.“

Prof. Kampker stellte dem Auditorium in Wuppertal eine Modellstadt der Zukunft vor, in der alle benötigten Ressourcen auf dem gleichen geographischen Gebiet produziert werden sollen - das Humanotop. Zentrale Aufgabenfelder seien Lebensraum, Mobilität, Ökologie, Energie und Produktion. Bereits heute müsse deshalb darüber nachgedacht werden, wie Lebensmittelproduktion (Fischzucht, Larvenzucht, Gemüseanbau) in urbane Strukturen und Bauwerke eingebracht werden kann. „Das kann ganz praktisch funktionieren, wir testen solche Verfahren bereits auf unserem Gelände avantis in Aachen“, berichtete Prof. Kampker.

Alles müsse verbunden werden und in den Städten geleistet werden. „Was wir vor uns haben, ist ein Marathon, kein kurzer Sprint“, betonte Achim Kampker. „Jeder muss aus seinem Silo herauskommen, und wir können uns gegenseitig wunderbar ergänzen.“

Verantwortungs-Baukultur

„In den Büros, in denen ich gearbeitet habe, haben wir uns stets um schöne Gebäude gekümmert, nach Vitruv: Haltbarkeit, Nützlichkeit, Schönheit. Das greift aus heutiger Sicht zu kurz!“ Prof. Annette Hillebrandt vom Lehrstuhl für Baukonstruktion, Entwurf und Materialkunde an der Uni Wuppertal rief zunächst zur Ehrlichkeit auf. „Es wird von einer Recycling- bzw. Verwertungsquote von 90 Prozent gesprochen – das ist überwiegend aber kein Recyclingmaterial, sondern Müll!“ Das Dreisäulenmodell von Soziales, Wirtschaft und Ökologie muss zu einem Vorrang-Modell werden, in dem Ökologie die Basis ist. „Heute ist es doch so: Mit jedem ganz normalen Haus werden Lebensgrundlagen zerstört. Das ist nach Landesbauordnung (§3) gar nicht zulässig!“

„Baukultur muss Verantwortung sein statt Wegducken“, forderte Prof. Hillebrand: Bestandserhalt vor dem Neubau, und ein Flächenmoratorium zum Erhalt unserer Böden. „Wir können heute auch schon mit recycelten Materialien bauen, die eine Patina haben, die eine Geschichte erzählen können.“

Neubaugenehmigungen dürfe es nur noch ohne Flächenversiegelung geben, mit hellen Hüllflächen und Außenanlagen, mit einer positiven Energiebilanz im Lebenszyklus, mit Ressourcenpass, Ökobilanz und einem vorzulegenden Rückbaukonzept. „Wir müssen komplett anders denken – sonst vernichten wir uns selbst!“

„Gebäude können nur noch als Baukunst betrachtet werden, wenn sie umweltverträglich und nachhaltig sind. Wenn sie die Grenzen unseres Planeten respektieren!“ Vor 15 Jahren habe sie noch „schöne Häuser in Beton“ gebaut. „Heute bin ich schlauer!“

Theorie zur Praxis

„Ich kann ihnen auch nicht sagen, wie wir das in Praxis alles erreichen können.“ Prof. Christian Schlüter vo ACMS Architekten aus Wuppertal betonte, dass sich sein Büro bei allen Gebäuden darum bemühe, „möglichst viel richtig zu machen“ und DGNB-Zertifizierungen zu erreichen. Es müsse darum gehen, bei jedem Bauprojekt dazuzulernen.

Wie geht CO2-Neutralität? Dazu habe er ein Forschungsprojekt durchgeführt mit dem Ziel, ein Energieplushaus zu errichten. Zwar habe der CO2-Fußabdruck deutlich reduziert werden können; es bleibe aber immer ein Aufwand für die Erstellung eines Gebäudes.

„Wir bauen seit 25 Jahren mit Holz, ich mache das gerne – aber man muss trotzdem genau hinblicken.“ Letztlich müsse ein Architekt auch ökonomische Fragen berücksichtigen, und Holz sei gegenwärtig sehr teuer. Zudem dürfe der Holzeinschlag nicht zu hoch werden, weil damit die CO2-Bilanz kippen werde. Prof. Schlüter sprach sich für hybride Bauweisen aus, die aber im Neubaubereich so geplant werden müssten, dass spätere Umnutzungen möglich sind; etwa mit Stahlbetonkernen, die mit Holzdecken und –wänden ausgebaut werden könnten. „Wir beschäftigen uns mit Holz, mit Öko-Beton, Lehm und mit leimfreien Bauen“, nannte Christian Schlüter konkrete Ansätze. „Alte Verbindungstechniken im Holzbau können heute –durch präzise Fräsen – eine Renaissance erleben.“

Als Beispiele stellte Prof. Christian Schlüter das neue „Vario-Studentenwohnen“ in Bochum sowie den projektierten „Campus Rosenheim“ vor.
Klimafragen und Stapelkrise

Prof. Dr. Markus Gabriel vom Lehrstuhl für Erkenntnistheorie, Philosophie der Neuzeit und Gegenwart an der Uni Bonn sprach über die aktuelle „Stapelkrise“, in der wir uns nach seinem Verständnis befinden. Alle Krisen seien miteinander vernetzt und verzahnt. Die Pandemie etwa sei in Deutschland nicht ethisch richtig behandelt worden, weil Grenzschließungen und weitere Maßnahmen zu einem neuen Nationalismus in Europa geführt hätten.

Wichtig sei, das tägliche Handeln ethisch zu reflektieren. Wenn heute also über einen Wiederaufbau der Ukraine nachgedacht werde, müsse das Ziel vor dem Hintergrund der heutigen Fachtagung sein, alle Ziele der Klimaneutralität im Planen und Bauen dort umzusetzen.

Gabriel sprach über die ethischen Grundfragen, die auch das klimagerechte Verhalten umfassten angesichts der Gefahr der Selbstausrottung der Menschheit. „Die Ethik als interdisziplinäre Wissenschaft, die fragt, was wir als Menschen uns und anderen Spezies schulden, muss in allen Handlungsfeldern eingebunden werden.“ Diese „neue Aufklärung“ müsse in alle Lebensfelder und technologische Planungsprozesse eingebunden werden. Es sei für die Demokratie gefährdend, wenn unsere ethischen Diskussionen in den Sozialen Medien und in politischen Talkshows verhandelt werden.

Die Klimaethikdiskussion werde gegenwärtig an der New York University geführt mit der Fragestellung, was passiert wenn die Temperatur um drei oder vier Grad steigt. „Die Frage dahinter heißt: Welche Verantwortung haben wir gegenüber den Generationen, die heute noch gar nicht geboren sind“, unterstrich Prof. Gabriel.

Baukultur neu denken?!

„Baukultur beginnt mit der Wertschätzung des bereits Gebauten“, unterstrich Peter Köddermann, Programmgeschäftsführer der Landesinitiative Baukultur NRW. „Wir sind flächendeckend aber leider noch lange nicht da, wo wir hinwollen, nämlich wirklich nachhaltig zu Bauen.“ Das könnten weder die Architekten noch die Ingenieure alleine schaffen, sondern müsse als gesamtgesellschaftliches Ziel verstanden werden. Nach Eindruck von Peter Köddermann verändert sich das Bauen gegenwärtig immerhin in diese Richtung; das bestätige sich zumindest in aktuellen Auszeichnungsverfahren wie etwa dem Mies van der Rohe-Award, dem Preis für zukunftsfähige Architektur in Europa.

Wie können wir vor diesem Hintergrund denn 400 000 neue Wohnungen bauen, fragte Moderatorin Petra Voßebürger. Prof. Hillebrandt warb dafür, dies im Bestand bzw. auf erschlossenen Brachen zu vollziehen. Sie warb noch einmal dafür, das Denken grundlegend zu verändern und beispielsweise „die Hälfte der DIN-Normen abzuschaffen, weil sie klimaschädlich sind“. Der Gesetzgeber sei gefordert, weil die Bürgerinnen und Bürger individuell überfordert seien mit den ständigen Entscheidungen in diesen Fragestellungen.

Für Prof. Schlüter gibt es nicht die eine technische Lösung. Es gelte, die vielfältigen Ansätze in die Alltagspraxis zu übersetzen. Peter Köddermann warb dafür, dass Recycling- und Umweltvorgaben in öffentliche Vergabeverfahren aufgenommen werden müssten. „Es geht nicht um das nächste Modellprojekt, sondern darum, in großer Breite das Bewusstsein auch privater Bauherren zu verändern. Da müssen wir alle für werben“, warb der Geschäftsführer der Landesinitiative Baukultur Nordrhein-Westfalen.

„Wir brauchen Vielfalt, Geschwindigkeit und anspruchsvolle Lösungen – alles zusammen“, meinte Prof. Achim Kampker. Man dürfe nicht mit Angst argumentieren, sondern müsse Hoffnung vermitteln. Kampker hielt Anreizsysteme für sinnvoll, um Menschen auf den Weg des nachhaltigen Lebens zu führen.

Prof. Markus Gabriel warb für praktische Aufklärung. Bauherren müssten ein „Ethikblatt“ als verpflichtende Lektüre an die Hand bekommen, um überhaupt zu erfahren, welche Auswirkungen ihr Bauvorhaben hat. Das nachhaltige Denken müsse auch n der Wirtschaft verankert werden - etwa, indem ökologische Folgekosten in die Berechnung des Bruttosozialproduktes einbezogen werden.

Die Präsentation zum Symposium von Dr. Katharina Simon (Director of Architecture and Urban Innovation Solar Decathlon Europe 21) können Sie hier einsehen: Beitrag Dr. Katharina Simon (PDF)
Einen Imagefilm zum SDE 21/22 finden Sie hier.

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