Zu Besuch bei der kreisl KISTE in Münster, einem studentischen Projekt der MSA Münster aus zirkulären Materialien: kreisl-Projektleiterin Laura Krieger (r.) und Prof. Anja Rosen (l.) waren vor Ort. – Foto: Christof Rose / Architektenkammer NRW

Tag der Architektur: Interessierte trotzten der Hitze

Neue Architektur hautnah erleben, Inspiration finden und Ideen für eigene Bauprojekte entwickeln – diese Gelegenheit nutzten am vergangenen Wochenende in Nordrhein-Westfalen viele Besucherinnen und Besucher beim „Tag der Architektur“ – trotz der extremen Wetterlage. Am Samstag und Sonntag öffneten 141 Wohnhäuser, Quartiere, Gärten und Grünanlagen in 76 nordrhein-westfälischen Städten und Gemeinden ihre Türen. Von Wohnungen in einer umgebauten Scheune über neue Wohnkomplexe auf ehemaligen Brachflächen bis hin zu universitären Forschungszentren, einem Campus für Digitalisierung, Kirchenumnutzungen und Experimentalbauten reichte die Vielfalt der Besichtigungsobjekte.

03. Juli 2026

„Trotz der großen Hitze haben sich viele Interessierte auf den Weg gemacht, um neue Architekturen zu erleben, um Ideen für eigene Projekte zu finden und mit den Planerinnen und Planern ins Gespräch zu kommen“, erklärt Katja Domschky, Präsidentin der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen. Architektur, Innenarchitektur, Landschaftsarchitektur und Stadtplanung vermittele sich am besten vor Ort und im Gespräch. „Das hat das größte deutsche Architekturfestival wieder einmal bewiesen.“

In Nordrhein-Westfalen jährte sich der Tag der Architektur zum 31. Mal. Seit 1996 zieht das Event alljährlich viele Tausend architekturbegeisterte und bauinteressierte Menschen an, die aktuelle gestalterische Entwicklungen, innovative Planungsansätze und technische Lösungen rund um das Bauen und Wohnen kennenlernen und sich mit den Planenden austauschen wollen. Auch in diesem Jahr bestätigte die lebhafte Resonanz den Stellenwert des Formats: Die große Zahl an Besucherinnen und Besuchern – trotz der hohen sommerlichen Temperaturen – machte deutlich, dass der Tag der Architektur weiterhin ein Publikumsmagnet ist. 

Auffallend war in diesem Jahr, dass mehr als die Hälfte der Bauwerke Bestandsentwicklungen waren. „Die Planenden haben Bestehendes weitergedacht – klug, nachhaltig, mit Respekt vor dem, was schon da war. Das ist kein Kompromiss, das ist Haltung“, so Kammerpräsidentin Katja Domschky. So werde graue Energie, die in bestehenden Gebäuden gespeichert ist, sinnvoll weitergenutzt. „Qualitäten erhalten statt abreißen: Das sind die Antworten unseres Berufsstands auf die Herausforderungen unserer Zeit“, unterstrich die Präsidentin der größten deutschen Architektenkammer.

Genau das wurde an den vielen Objekten deutlich, die für Besucher*innen offenstanden. Ob Sanierung einer Klinkerscheune zu Wohnnutzung in Leopoldshöhe (busch + bruck architekten), die Sanierung eines Wohn- und Geschäftshauses in der Kölner Südstadt (Schorn Consult) oder der Klimagarten in Schwerte (Förder Landschaftsarchitekten): Die Frage, wie Architektur zukunftsfähig weiterentwickelt und wie dabei eine Klimafolgenanpassung vollzogen werden kann, stand im Mittelpunkt vieler Gespräche.

Für die Architektenkammer NRW ist der Tag der Architektur deutlich mehr als die Gelegenheit für Mitglieder, ihre Arbeit öffentlichkeitswirksam zu präsentieren. Es geht auch darum, Zukunftsthemen mit Architekturfans und bauinteressierten Bürgerinnen und Bürgern zu diskutieren. 

Kreisl KISTE: form follows availability

Zu den ungewöhnlichsten Projekten, die am TdA2026 in NRW zu sehen waren, gehörte die „Kreisl KISTE“ der Münster School of Architecture (MSA). Prof. Anja Rosen und Initiatorin Laura Krieger stellten das kreislaufwirtschaftlich geplante, temporäre Bauwerk auf dem Domplatz in Münster vor. Bis September ist das Design Build Project dort als Ausstellungspavillon, vor allem aber als Forschungsprojekt zu erleben. „Wir haben den Planungsprozess komplett auf den Kopf gestellt“, erläuterte Prof. Anja Rosen. Erst sei das Material in bundesweiten Börsen gesucht worden, dann die Planung erfolgt: „Form follows availability!“ 

Den Anstoß zu dem ungewöhnlichen Bauwerk hatte Laura Krieger gegeben, die als Ökotrophologin in ihrem Masterstudium über nachhaltige Landwirtschaft und kreislaufwirtschaftliche Konzepte in der Lebensmittelindustrie gearbeitet hatte. „Ich habe dann die Architekturfakultät in Münster gefragt, ob dazu nicht ein passendes Bauwerk geplant werden könnte“, erzählte Laura Krieger den Besucher*innen am Tag der Architektur.  Prof. Anja Rosen formulierte das Konzept als Aufgabe für ihre Studierenden an der Münster School of Architecture. Aus gebrauchten Stahlträgern, Wellblechen, ausgebauten Türen und Fenstern sowie experimentellen Materialien für die Fassade entstand ein Ort, an dem Bürger*innen, Unternehmen und Organisationen gemeinsam mit Studierenden ausprobieren können, was es bedeutet, zirkulär zu handeln. „Wir haben dabei erlebt, wie schwierig es immer noch ist, an geeignetes Material zu kommen“, berichtete Anja Rosen. Das Bauwerk sei zugleich Forschungs- und Kunstprojekt, das viele Menschen zum Dialog animiere. „Wenn wir als Change Agents agieren wollen, müssen wir ins Handeln kommen“, unterstrich auch Laura Krieger. Ein großer Gewinn des Projektes Kreisl KISTE aus ihrer Sicht: die interdisziplinäre Zusammenarbeit. 

Wiedergeburt nach Leerstand

Stellvertretend für einen ganzen Typus des modernen Kirchenbaus kann die ehemalige Kreuzkirche in Marl-Sinsen stehen. Das denkmalgeschützte Bauwerk von 1969 (Architekten Martin und Eckhard Saager) war nach längerem Leerstand an die Arbeiterwohlfahrt Westliches-Westfalen verkauft worden. Nach sechsjähriger Planungs- und Bauphase, in der zahlreiche Herausforderungen des Denkmalschutzes und der Finanzierung zu klären waren, konnte das markante Bauwerk im September 2025 wiedereröffnet werden – nun als Kita, Begegnungs- und Stadtteilzentrum sowie ambulante Mutter-Kind-Einrichtung. „Damit bleibt der Kirchbau ein Orientierungspunkt im Quartier, der Menschen zusammenführt und weiterhin Identität stiftet“, sagte Architekt Gregor Treder. Historischer Bestand und neue Eingriffe sind klar ablesbar, die markante Fensterfassade wurde aufwändig restauriert. Das Projekt ist vollständig barrierefrei; Kostenpunkt insgesamt: 1,8 Mio. Euro. „Viele ältere Bewohner aus der Nachbarschaft sind begeistert, dass ‚ihre Kirche‘ wieder nutzbar ist“, berichtet auch Stefan Schmitz, der die Begegnungsstätte als Sozialarbeiter betreut. 

Gärten statt Gummi

Viele Jahre war das fast sieben Hektar große Gelände des ehemaligen Unternehmens Sack & Kieselbach Maschinenfabrik sowie C.F. Gomma im nördlichen Düsseldorfer Stadtteil Rath mehr oder weniger eine kontaminierte Brachfläche. Nach einem Wettbewerb im Jahr 2011 wurde dieser Standort saniert, als Wohnquartier vollständig neu strukturiert und bis 2024 zu einem attraktiven Quartier entwickelt, das heute rund 500 Wohnungen, drei Gewerbeeinheiten, eine fünfgruppige Kita sowie einen zentralen Quartiersplatz bietet. „Früher waren hier Gummi und Asbest. Heute freuen sich die Menschen über attraktiven Wohnraum, der zur Hälfte öffentlich gefördert wurde“, resümierte Architekt Thomas Pink anlässlich einer Führung am Tag der Architektur. Dass das ambitionierte Projekt realisiert werden konnte, lag für ihn am großen Engagement von Planungsteam, Verwaltung und Investor. Zu den Besonderheiten des Projekts habe gezählt, dass der Planungsbeginn parallel zur Erstellung des B-Plans erfolgen konnte. „Ohne Mut und gegenseitiges Vertrauen hätte das nicht funktioniert“, kommentierte Thomas Pink.  „Die Wohnungen waren sofort vermietet“, ergänzte Stefan Herbes vom Eigentümer GWH, mit rund 50.000 Wohnungen einer der großen Vermieter in Deutschland. „Es lohnt sich, in Qualität zu investieren.“ 

Hintergrund: „Tag der Architektur“

Der Tag der Architektur ist bundesweit als Architekturevent vor den Sommerferien fest etabliert. Archi­tektinnen und Architekten, Innenarchitekt*innen, Landschaftsarchitekt*innen sowie Stadtplaner*innen sind vor Ort und stellen gemeinsam mit ihren Auftraggebenden neue oder erneuerte Bauten vor, erläutern architektonische Besonderheiten und beantworten Fragen der Besucher*innen. In Nordrhein-Westfalen werden Projekte präsentiert, die in den vergangenen fünf Jahren im Bundesland realisiert wurden; für Objekte der Landschaftsarchitektur und Stadtplanung gilt eine Frist von acht Jahren.

Alle Bauten und Objekte, die in diesem Jahr am Tag der Architektur zu sehen waren, können weiterhin über eine Internet-Datenbank unter www.aknw.de/tda mit Fotos und vielen Detailangaben abgerufen werden. 

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  • Quartier Nördliche Westfalenstraße / Gather Höfe: Hier wurde nach Entwürfen von zweipink - Pink Architekten auf den ehemaligen Betriebsflächen der Unternehmen Sack & Kieselbach Maschinenfabrik und C.F. Gomma ein Wohnquartier mit ca. 490 Wohnungen, 3 Gewerbeeinheiten, einer 5-gruppigen Kita und dem zentralen Quartiersplatz errichtet. – Foto: Christof Rose / Architektenkammer NRW
  • Beispiel für Rückgewinnung von Qualität im Bestand in Essen-Rüttenscheid: Hier wurde ein altes Ladenlokal vom Architekturbüro Silberkuhl in zentraler Lage wieder zum Leben zu erweckt. Die Architektinnen Claire Silberkuhl (l.) und Susanne Dötsch (m.) stellten ihr Projekt zusammen mit dem Architekten Matthias Silberkuhl vor. – Foto: Christof Rose / Architektenkammer NRW
  • Eine von vielen umgenutzten Kirchen: Kreuzkirche in Marl-Sinsen (AWO Immobilien GmbH) - Foto: Christof Rose / Architektenkammer NRW
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