In Bocholt befinden sich fußläufig zueinander vier historische Wohnsiedlungen, die sich an einem Tagesausflug bereisen lassen und sich hervorragend als Anschauungsbeispiele für verschiedene Leitgedanken für den Siedlungsbau im 20. Jahrhundert eignen. Ein Beitrag von Dr. Moritz Wild, Wissenschaftlicher Referent beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL).
Die unten abgebildete Karte illustriert die Lage der vier Siedlungen östlich der Bocholter Stadtmitte und schlägt einen chronologisch aufgebauten Rundweg zu ihrer Besichtigung vor.
Um den Beckmannplatz und die einmündenden Straßen bildet die ab 1925 errichtete Yorck-Siedlung für Arbeiter eine städtebauliche Anlage mit klar definierten Raumkanten. Ihre dort als geschlossene Bebauung aufgereihten Häuser mit Backsteinfassaden im Erd- und Putzfassaden im Obergeschoss trennen den öffentlichen Grün- und Straßenraum des Beckmannplatzes von den langen schmalen Gartenparzellen, die üblicherweise zur Selbstversorgung der Arbeiterfamilien durch etwas Gartenbau und Kleintierhaltung beitrugen. Akzente setzen die höher aufragenden Eckgebäude an der Yorckstraße und der Giebel des Vereinshauses als Dominante an der Nordseite des symmetrischen Platzraumes.
Ein kleines Stück östlich des Beckmannplatzes erstreckt sich die Parksiedlung Heuting Esch als typische Zeilenbausiedlung der frühen Nachkriegszeit an der Lübecker Straße zwischen Am Friedhof, der Kölner Straße und der Borkener Straße. Mit der Parksiedlung schuf die schwer kriegsbeschädigte Stadt Bocholt in den Jahren 1949 bis 1951 dringend benötigte Wohnungen in einer der ersten großflächigen Stadterweiterungen. Geschosswohnungsbauten von zwei bis drei Etagen mit Walm- und Satteldächern, Backsteinfassaden und betonten Haustürgewänden, entweder giebel- oder traufständig zu den Straßen ausgerichtet, stets mit weitläufigen grünen Zwischenräumen repräsentieren den typischen Massenwohnungsbau dieser Jahre. Der Nahversorgung im Quartier dient ein Ladenlokal hinter Backsteinarkaden an einem kleinen Quartiersplatz an der Kreuzung Dortmund / Breslauer Straße.
Weiter östlich spiegelt die Siedlung Am Erzengel aus den 1960er Jahren an der Weimarer Straße und Leipziger Straße sowohl idealtypisch das Leitbild der autogerechten Stadt und der Stadtlandschaft als auch die Priorisierung von Eigenheimen wider. Das in sich geschlossene Quartier wird von einer Straßenschleife erschlossen, über welche die Anwohner zu den Garagengruppen im Innern der Straßenschleife gelangen können. Von dort führen Wohnwege zu den Reihenhäusern und Laubenganghäusern. An der Außenseite der Straßenschleife stehen zahlreiche Bungalows mit Satteldächern. Durch die Zonierung der einer aufeinander abgestimmten Backsteinarchitektur angehörenden Haustypen wird eine Höhenstaffelung erreicht, die nach innen zu den Laubenganghäusern ansteigt. Die Vor- und Rücksprünge der Häusergruppen bewirken fließende Straßenräume. Nach außen abgerundet wird die Siedlung durch einen umlaufenden Rundweg entlang des Sandbachs und den Rückseiten der Bungalows.
Dem Weg nach Süden führt Am Osteresch an einer mäandernden Geschosswohnungsanlage vorbei, wie sie am Ender der 1960er und in den 1970er Jahren zahlreich in deutschen Städten im verdichteten Massenwohnungsbau errichtet wurde. Bei einem möglichen Abstecher an der Hochfeldstraße findet sich eine Reihe Zeilenbauten aus den 1960er Jahren. Verglichen mit der Parksiedlung entspricht ihre Architektur sozusagen der nächsten Generation von Geschosswohnungsbauten, die auf Rundstützen aufgeständert auch noch PKW Stellplätze anbieten.
In der sogenannten Grachtensiedlung an der Heine- und Herderstraße neben dem Bocholter Aasee reihen sich gruppierte Einfamilienhäuser um ein künstlich angelegtes Gewässer. Die eineinhalb und zweieinhalbgeschossigen Backsteinhäuser des Wohngebiets wurden in den 1980er und frühen 1990er Jahren in mehreren Bauabschnitten von dem Bocholter Architekten Bernhard Eimers entworfen. Das erklärt zum einen die Ähnlichkeit, teilweise auch Gleichartigkeit der in der jeweiligen Gruppe stehenden Häuser, zum anderen die verwandte Architektur aller Häuser, die den Gebietscharakter der Siedlung prägen. Dabei dient die Gracht als gliederndes Element zwischen dem U-formigen Außenring der Heinestraße und der inneren Halbinsel der Herderstraße. Einen Quartiersmittelpunkt bildet der Wendehammer der Herderstraße, in den Brücken über die Gracht aus der Heinestraße münden.
Auf dem etwaigen Rückweg zum Ausgangspunkt am Beckmannplatz bieten sich (dienstags bis sonntags) ein Spaziergang entlang des Aasees und ein Besuch im LWL-Museum Textilwerk an der Uhlandstraße 50 an.
Teilen via