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Die Architektin Sabine Winkel entwirft Messestände

Das Beispiel der Architektin Sabine Winkel zeigt: Manchmal kann die berufliche Karriere durch eine Zusatzqualifikation, ein besonderes Talent oder sogar durch einen kuriosen Zufall eine neue und zuweilen überraschende Wendung nehmen. Mit dem Interview setzen wir unsere Serie über Architekten fort, die sich für eine Laufbahn außerhalb der konventionellen Tätigkeitsfelder entschieden haben.

Messestände zu entwerfen ist nicht gerade eine Perspektive, die für angehende Architekten während ihres Studiums nahe liegt. Was hat Sie auf dieses Terrain geführt?

Da hatte der Zufall seine Hand im Spiel. Es klingt vielleicht ein wenig seltsam, aber ich habe eine ungewöhnliche Vorliebe: Ich habe einfach Spaß daran, Entwürfe von Hand zu kolorieren. Als Studentin hatte ich das Glück, einen Job in einem Stadtplanungsbüro zu bekommen, wo das sehr gefragt war. Später, als ich mein Studium beendet hatte und in den Hochbau ging, spielten Kolorationen kaum noch eine Rolle. Ich war mit Umplanungen und Neubauten beschäftigt, aber so richtig zufrieden war ich nicht. Und dann sah ich plötzlich diese Annonce: Eine Firma, die sich auf Standbau spezialisiert hatte, suchte ausdrücklich eine Architektin „für kreative Entwürfe und  Kolorationen". Da habe ich mich sofort beworben und kriegte den Job. 

Wie kamen Sie zurecht, wenn die Materie ganz neu für Sie war?

Das war schon hart. Eine Woche wurde ich eingearbeitet, dann musste ich allein zurecht kommen. Aber gleich mein erster Entwurf für einen Stand auf der Photokina wurde verkauft. Das motiviert natürlich. 

Wenn das nicht der Normalfall ist: Bedeutet das, dass Ihre Planung häufig umsonst ist, sprich gar nicht umgesetzt wird?

Aber ja! Anders als im Hochbau werden wir nicht erst im Auftrag tätig; für uns gilt ja nicht die HOAI. Meist läuft es so, dass wir Mailings verschicken. Wenn die Unternehmen interessiert sind, senden sie einen Planungsbogen mit detaillierten Angaben zurück. Wir stimmen die Wünsche dann noch einmal telefonisch ab, ich erkundige mich über die bautechnischen Richtlinien der speziellen Messe und mache den Entwurf. Das ist alles Vorleistung! Erst wenn sich der Kunde für unseren Entwurf entscheidet, fließt Geld. 

Ein harter Wettbewerb, wie er möglicherweise eines Tages auch im klassischen  Architekturbereich stattfinden wird...

...ja, das wird so kommen, falls eines Tages die HOAI entfällt. Wir arbeiten übrigens mit einem strikt vorgegebenem Budget. Wer die Kostengrenzen nicht einhält, hat keine Chance. Das ist schade, denn es schränkt den Gestaltungsspielraum manchmal stark ein. Die Devise lautet also: Mit einfachen Mitteln große Effekte erzielen. 

Ist der Systembau preislich überhaupt zu schlagen?

Preislich ist das tatsächlich schwierig, aber es geht ja auch um Qualität. Ich versuche trotz der Budget-Restriktionen viel in konventioneller Bauweise zu machen, und die Kunden schätzen das, gerade wenn sie vorher Systemstände hatten. Manche sind ganz überrascht zu sehen, wie individuell ich ihren Stand gestalte. Da nutzen mir als Architekten auch meine Materialkenntnisse und das Gefühl für Proportionen. 

Wie hoch ist Ihre persönliche Erfolgsquote?

Wenn von zehn Entwürfen im Monat sechs angenommen werden, ist das eine sehr gute Relation. Es gibt darüber hinaus auch Stammkunden, die sind natürlich sehr wertvoll. Der Vorteil ist auch, dass Teile der Konstruktion wiederverwendet werden können. Denn das Design bleibt in der Regel gleich, wenn man von den Variationen durch Messethema und Standfläche absieht. 

Das alles klingt so, als ob Sie ganz schön unter Druck stehen.

Der Druck entsteht hauptsächlich dadurch, dass alles immer furchtbar schnell gehen muss. Ein bis zwei Tage, mehr Zeit darf ein Standentwurf nicht in Anspruch nehmen. Dazu gehören Grundriss, Ansichten, Perspektiven, Deckenpläne, die ich mit CAD direkt am Computer entwerfe. Und alles koloriere ich von Hand, weil das einfach lebendiger aussieht. Da hat man keine Zeit, lange über einer Idee zu brüten, sondern muss sich über die Grundkonstruktion sehr schnell sicher sein – auch was Farben und Kontraste angeht. Das ist nicht jedermanns Sache. 

Sie nehmen den Stress schon seit drei Jahren in Kauf. Warum?

Ich mag die Mischung zwischen Design und Architektur, und ich arbeite eben gern mit Farben. Außerdem ist die Tätigkeit sehr abwechslungsreich - es ist ja ein riesiger Unterschied, ob ich für eine Computerfirma einen Stand auf der Cebit plane oder für einen Karamelbonbon-Hersteller die Präsenz auf der Süßwarenmesse. Nicht zuletzt ist die Branche vergleichsweise krisensicher. 

Haben Sie also Ihren Job fürs Leben gefunden?

Ach, das würde ich so nicht sagen. Manchmal habe ich schon Lust, wieder Wohnhäuser zu entwerfen. Allerdings würde ich nicht mehr in die reine  Ausführungsplanung gehen. Was ich auch tue - für mich wird die Kreativität immer ganz oben stehen.


Zur Person 
Sabine Winkel, Jahrgang 1964, absolvierte nach der Schule zunächst eine Bauzeichnerlehre im väterlichen Architekturbüro und besuchte dann eine Fachoberschule für Gestaltung. Von 1985 bis 1993 studierte sie Architektur an der Fachhochschule Köln und arbeitete nach dem Diplom in zwei Kölner Architekturbüros in der Entwurfs- und Ausführungsplanung. Im Jahr 1998 wechselte sie in eine Kerpener Firma, die sich auf Messestandbau spezialisiert hat. Winkel ist Projektleiterin eines Fünf-Mann-Teams.


Ein weiteres Interview zum Thema "Messebau" finden Sie unter:  
www.aknw.de/aktuell/index.htm

Autor: Christine Mattauch