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„Gebäude, Technik und Nutzerverhalten im Blick“

Mit seinem Interessenschwerpunkt des ökologischen Bauens war Heinz Discher in den achtziger Jahren eher ein Außenseiter, mit wenig Chancen, sein Wissen in der alltäglichen Arbeit umzusetzen. Heute, als Energieberater der Verbraucher-Zentrale NRW, ist der Architekt bei Bauherren und Kollegen ein gefragter Fachmann. Eine weitere Folge der Interview-Reihe mit Architekten, die ihr Know-How auch außerhalb der traditionellen Berufsfelder einbringen.

AK NW: Die Einrichtung der Energieberatung Anfang der neunziger Jahre war ein Pilotprojekt. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich zu bewerben?Discher: Meine Frau hat mich zur Bewerbung ermuntert. Sie wusste, dass ich beruflich nicht recht glücklich war, weil ich zu der Zeit als Angestellter im Architekturbüro wenig Möglichkeiten hatte, mein Wissen über ökologisches Bauen und Modernisieren umzusetzen. 

AK NW: Hat man Sie bei der Verbraucherberatung mit offenen Armen empfangen?
Discher: Anfänglich eher mit etwas Misstrauen, denn Architekten galten damals noch bei vielen Leuten mehr als Umweltzerstörer denn als Umweltschützer. Doch ich hatte mich jahrelang konsequent auf dem Gebiet weitergebildet, auch schon Kurse gegeben, zum Beispiel an der Volkshochschule. Eine gute Jobvorbereitung war auch eine dreimonatige Reise mit dem „Energieschiff“ von Greenpeace. 

AK NW: Ihre 14 Kollegen in der Energieberatung sind meist Ingenieure und Physiker. Was machen Sie anders?
Discher: Wir lernen voneinander. Energieberatung stellte früher in erster Linie auf den Einsatz stromsparender Hausgeräte ab, dann dominierte die Heizungstechnik. Als Architekt verfolge ich dagegen einen integrativen Ansatz: Ich habe das Gebäude, die Technik und das Verhalten der Nutzer im Blick. Erstmals gab es komplette Gebäudeanalysen unter Berücksichtigung von Wäre- und Schallschutz sowie Bauschäden. Bei Neubauwilligen sind Seminare „Kostengünstig bauen - energiesparend wohnen“ sehr beliebt. 

AK NW: Wie finden die Bauherren denn überhaupt zu Ihnen? Durch Mundpropaganda?
Discher: Mundpropaganda ist ganz wichtig, aber sie allein reicht nicht. Wir müssen schon Präsenz in der Öffentlichkeit zeigen und damit Nachfragen auslösen. Die meisten Neukunden, das zeigt die Erfahrung, erfahren über Zeitungslektüre von unserer Existenz – sei es durch einen Bericht über unsere Arbeit, sei es durch eine Veranstaltungsankündigung. Wir kommen also nicht umhin, gezielt Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben. – Da geht es uns wie vielen Architekturbüros.  

AK NW: Wie groß ist die Nachfrage heute?
Discher: Im Kreis Aachen führe ich im Jahr etwa 500 Einzelberatungen durch. Zu den Vorträgen – etwa 30 pro Jahr – kommen ebenfalls etwa 500 Teilnehmer. Außerdem nehme ich rund 60 Vor-Ort-Termine wahr und erstelle 40 Gebäudediagnosen.  

AK NW: Machen Sie da nicht Ihren freiberuflichen Kollegen Konkurrenz?
Discher: Überhaupt nicht. Meine Tätigkeit liegt sozusagen in der Leistungsphase Null, da also, wo der freiberufliche Kollege den Bauherren oft ohne Honorar berät. Jeder der zu uns kommt und bauen oder modernisieren will, muß wie jeder andere Bauherr anschließend Planungsleistungen einkaufen. Nur hat er Präzisere Vorstellungen, was er will. 

AK NW: Was Ihren Kollegen nicht unbedingt die Arbeit erleichtert.
Discher: In der Tat kann ein von uns Beratener Bauherr ein unbequemer Bauherr sein. Er stellt Ansprüche und hat Erwartungen, die mancher Architekt nur erfüllen kann, wenn er sich eigens kundig macht oder einen Spezialisten heranzieht. Beides liegt aber im Interesse der Sache. 

AK NW: Hat sich Akzeptanz des ökologischen und energiesparenden Bauens insgesamt erhöht?
Discher: Ja. Das zeigt sich auch daran, dass ich jetzt eine Festanstellung habe und mich nicht mehr von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangeln muß. Auch in den Architekturbüros sind die Kollegen aufgeschlossener als noch vor zehn Jahren, allein schon, weil sich die gesetzlichen Rahmenbedingungen verändert haben. Freilich, es gibt immer noch viele Defizite. Aber wer hat schon die Zeit, sich auf allen Gebieten intensiv fortzubilden, die es verdient hätten? 

AK NW: Was raten Sie Kollegen, die sich in puncto Ökologie/Energieeinsparung fortbilden wollen?
Discher: Sich eingehend über das umfangreiche Angebot informieren, zum Beispiel beim Wuppertal-Institut, der Energieagentur NRW, der Akademie der AK NW und der Verbraucher-Zentrale. Und Vorsicht walten lassen gegenüber ökologisch klingenden Pauschalaussagen, die im Widerspruch zur Bauphysik stehen. Für die Ausbildung wünsche ich mir, das die Studenten lernen, Bauaufgaben ganzheitlich anzugehen und interdisziplinär zu arbeiten – Stichwort Bauteam. Es bringt wenig, einen Entwurf fertigzustellen und erst dann zu überlegen, wie Energie gespart werden kann. 

AK NW: Wo liegen Ihre beruflichen Perspektiven?
Discher: Ich bin Überzeugungstäter und will meine Tätigkeit gar nicht aufgeben. Sie ist auch von den Rahmenbedingungen her attraktiv: Ich besitze die Freiheit eines selbständigen Architekten, mit dem zusätzlichen Vorteil mir nicht jeden Monat Sorgen über den Auftragsbestand machen zu müssen. Als Zukunftsprojekt würde es mich reizen, eine Passivhaus-Siedlung zu bauen. Ob das aber klappt, ist nicht zuletzt eine Zeitfrage.   

Zur Person
Heinz Discher, 42 Jahre, studierte von 1977 bis 1983 Architektur in Braunschweig und Aachen. In seiner Diplom-Arbeit beschäftigte er sich mit dem Ökologischen Bauen in der Stadt. Anschließend arbeitete Discher in Architekturbüros in Neuss, Düsseldorf und Aachen. Er übernahm Planung und Bauleitung verschiedenster Projekte, vom kosten- und flächensparenden Wohnungsbau über Altbaumodernisierung bis hin zum neubau von Bürogebäuden. Seit 1991 ist Discher als Energieberater bei der Verbraucherberatung Aachen tätig.

Autor: cm