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Innenarchitektin Luitgard Gasser arbeitet als Gestalttherapeutin

Mit der Innenarchitektin Luitgard Gasser, die heute als Gestalttherapeutin arbeitet, setzen wir unsere Interview-Reihe mit Kammermitgliedern fort, die unkonventionelle Wege gegangen sind und Chancen außerhalb der klassischen Tätigkeitsfelder wahrgenommen haben. Auch wenn es auf den ersten Blick oft nicht so scheint - das berufliche Selbstverständnis des Architekten bietet viele Berührungspunkte zu anderen Disziplinen. Eine Anregung insbesondere für jüngere Kollegen, die angesichts der schlechten wirtschaftlichen Lage in der Bauwirtschaft neue Perspektiven suchen. Teil eins der Serie, die auf Initiative des AKNW-Ausschusses „Angestellte und Beamte" zustandegekommen ist, erschien übrigens in der MärzAusgabe des DAB und porträtierte den Architekten Paul Donders, der seit einigen Jahren Manager trainiert.Sie haben früher als Innenarchitektin gearbeitet, heute bieten Sie therapeutische Beratungen und Supervisionen an. Inwieweit besteht da eine Verbindung?

Beides trägt im Idealfall dazu bei, die Persönlichkeit von Menschen zu entfalten und weiterzuentwickeln, und das hat mich immer fasziniert. Der Architekt hilft dem Bauherren, sich baulich auszudrücken; der Therapeut unterstützt seinen Klienten zum Beispiel bei der Wahrnehmung und Akzeptanz von Gefühlen.

Sie veranstalten auch Seminare unter dem Motto „Wohnräume - Lebensräume" oder„ FrauenZimmer".

Bei einigen meiner Seminare steht tatsächlich die Wohnsituation im Mittelpunkt: Es gibt Menschen, die haben Schwierigkeiten zu entdecken, welche Einrichtung ihnen entspricht. Frauen zum Beispiel, die nach dem Auszug der Kinder zum ersten Mal die Möglichkeit haben, ein Zimmer für sich selbst einzurichten. Ich unterstütze diesen Prozeß mit Methoden aus der Gestalttherapie.

Was ist darunter zu verstehen?

Die Gestalttherapie ist ein Zweig der humanistischen Psychologie, bei dem - kurz gesagt - das Erkennen, Wahrnehmen und Formen im Vordergrund steht. Es wird viel mit Medien wie Ton und Farbe gearbeitet. Übrigens ist auch dies eine der Ähnlichkeiten zwischen dem Bauen und einem Therapieverlauf: Beides ist ein sehr individueller, kreativer Prozess.

Dann dient, aus gestalttherapeutischer Sicht, der Bau eines Einfamilienhauses ebenso dem Ausdruck der eigenen Persönlichkeit wie das Töpfern einer Schüssel?

Im Prinzip ja, aber die Realität sieht für den Bauherren meist komplizierter aus. Schon deshalb, weil Architekten fast immer versuchen, nicht nur die Wünsche des Bauherren zu verwirklichen, sondern auch ihre eigenen. Deshalb haben sie schließlich diesen Beruf gewählt. Dieses Spannungsfeld zwischen den eigenen und den fremden Vorstellungen birgt ein großes Konfliktpotential. Es hat schon seinen Grund, dass Bauherren zuweilen klagen, sie hätten den Eindruck, der Architekt baue mehr für sich selbst als für sie als Kunden.

Haben Sie begonnen, sich mit Therapieformen auseinanderzusetzen, weil Sie diese Konflikte als Innenarchitektin selbst erlebt haben?

Ja, das war ein Teil meiner Motivation. Ein Architekt hat ja überhaupt viel mit Menschen zu tun - nicht nur mit Bauherren, sondern zum Beispiel auch mit Mitarbeitern im Büro und auf der Baustelle. Da gibt es oft Mißverständnisse und Unstimmigkeiten. Im Laufe der Jahre hatte ich immer stärker den Eindruck, dass die Ursachen dafür weniger im fachlichen, sondern vielmehr im zwischenmenschlichen Bereich liegen. Das hat mich gedanklich sehr beschäftigt und schließlich zu der Weiterbildung in Gestalttherapie geführt.

Das klingt, als hätten Sie die Menschen irgendwann mehr interessiert als die Architektur.

Jeder gute Architekt muss sich für Menschen interessieren, denn für die baut er ja. Wenn ich von diesem engen Zusammenhang nicht überzeugt wäre, hätte ich gar nicht das Engagement für eine Zusatzausbildung aufgebracht. Die habe ich berufsbegleitend am Gestaltinstitut in Frankfurt absolviert, das heißt, die Kurse liefen am Wochenende und während der Urlaubszeit. Und das über vier Jahre hinweg. Das ist schon sehr anstrengend.

Anstrengend ist es sicher auch, in zwei Berufen gleichzeitig tätig zu sein.

Deshalb habe ich 1993 aufgehört, als Innenarchitektin zu arbeiten. Irgendwann ist ein Punkt erreicht, an dem es nicht mehr möglich ist, zwei Sachen gleich intensiv zu betreiben. Dann muss man sich für eine entscheiden.

Und das war bei Ihnen ganz klar die therapeutische Arbeit?

Ja, obwohl ich nicht ausschließen möchte, daß ich in Zukunft wieder als Innenarchitektin tätig bin. Und dann vielleicht bewußt in Kombination mit meinen neu erworbenen Fähigkeiten. Ich stelle es mir durchaus reizvoll vor, den Bau und die Einrichtung von Räumen zu koppeln mit der Zusatzleistung einer therapeutischen Beratung.

Zum Schluß: Welchen Tip geben Sie jungen Leuten, die heute Architektur studieren?

Sich nicht an Trends orientieren, sondern an sich selbst - an seinen Talenten und Fähigkeiten. Das ist die Voraussetzung dafür, einen Beruf mit Spaß und Leidenschaft betreiben zu können. Und nur wenn das gegeben ist, wird man in der Lage sein, Schwierigkeiten und Krisen zu bewältigen.

Zur Person:
Luitgard Gasser, Jahrgang 1958, studierte von 1978 bis 1982 Innenarchitektur an der Fachhochschule Darmstadt. Einer ihrer Schwerpunkte war der Innenausbau. In diesem Bereich arbeitete sie anschließend in Paris für die Europa-Zentrale einer amerikanischen Firma. Nach zwei Jahren kehrte Gasser nach Deutschland zurück und übernahm zunächst Kundenbetreuung und Bauleitung für eine Ladenbaufirma in Frankfurt. Später wechselte sie zu einem freien Innenarchitekturbüro in Aachen, wo sie stellvertretende Geschäftsführerin wurde. Vor fünf Jahren schied sie aus, um sich als Gestalttherapeutin selbständig zu machen.

Autor: Christine Mattauch