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Serie: „Die alten Baumeister verstehen“

  • Porträtfoto Roswitha Kaiser

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    Architektin Roswitha Kaiser ist Fachfrau für Denkmalpflege beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe. - Foto: Brans

Früher oder später hat fast jeder Architekt im Planungs-Alltag mit ihnen zu tun: den Fachleuten von der Denkmalbehörde. Gut, wenn da auf der anderen Seite jemand sitzt, der sich in bautechnischen Fragen auskennt. So wie Roswitha Kaiser. Die Architektin arbeitet in der praktischen Denkmalpflege. - Eine Folge unserer Serie „Architekten in ungewöhnlichen Berufsfeldern".

Frau Kaiser, wie ist Ihre Faszination für die Denkmalpflege entstanden?
Das begann schon früh, während des Studiums. Genauer: im Vertiefungsstumdium kurz vor dem Diplom. Ich habe damals am Lehrstuhl von Gottfried Böhm ein Seminar besucht, in dem es darum ging, ein Aachener Dreifensterhaus als Ausgangspunkt für eine neue Entwurfsplanung zu nehmen. Das war mein erster richtiger Berührungspunkt mit dem Thema. Und das hat mich dann nicht mehr losgelassen.

Haben Sie sich dem Studium in Ihrer Arbeit als frei schaffende Architektin direkt auf die Denkmalpflege spezialisiert?
Nur ansatzweise. Mein Interesse galt dem ökologischen Bauen. So habe ich kostengünstige Häuser in Ziegelbauweise mit Holzskelettkern gebaut, bei denen Bauherren beim Ausbau mitarbeiten konnten. Mein eigenes Haus war auch eine solche Konstruktion. Ich habe es aus der Idee eines Deelentypus heraus entwickelt. Beim LWL-Amt für Denkmalpflege habe ich damals als planende Architektin die fachliche Beratung für die Restaurierung und Umnutzung eines Denkmals gesucht.

Heute arbeiten Sie quasi „auf der anderen Seite". Was genau sind da Ihre Aufgaben?
In der praktischen Denkmalpflege sind wir fachlich im denkmalrechtlichen Erlaubnisverfahren beteiligt. Wir arbeiten mit den unteren Denkmalbehörden in den Kommunen und für die Denkmaleigentümer. Zu unseren Aufgaben gehören Forschungstätigkeiten ebenso wie etwa Beratung in historischen, bautechnischen, gestalterischen und letztlich auch Nutzungs-Fragen.

Was qualifiziert Sie als Architektin für die Denkmalpflege?
Ich würde sagen das universelle Fachwissen aus Studium und Entwurfspraxis. Der berühmte Architekt Karl Friedrich Schinkel war der erste Denkmalpfleger. Überhaupt war die Denkmalpflege im 19. Jahrhundert in Preußen immer eine ureigene Aufgabe für Architekten. Bis heute ist es wohl so, dass wir als Architekten das passende Know-how mitbringen, um die Baumeister von einst nicht nur zu verstehen, sondern auch um historische Gebäude mit modernen Mitteln nutzbar zu halten.

Haben Sie nicht mit dem Konflikt zwischen Architektur und Denkmalpflege zu kämpfen? Architekten stöhnen doch oft unter den Auflagen des „Denkmalschutzes".
Das relativiert sich in der Praxis meist schnell wieder. Wir vom LWL-Amt für Denkmalpflege sind in der Sache, also fachlich, nicht weisungsgebunden. Dafür arbeiten wir mit ganzer Überzeugungskraft - und müssen natürlich entsprechend kompetent auftreten.

Was würden Sie dem Berufsnachwuchs raten, wie funktioniert die Spezialisierung auf das Fachgebiet „Denkmalpflege"?
Den einen Weg gibt es da bestimmt nicht. An zahlreichen Hochschulen wird inzwischen ein Aufbaustudium Denkmalpflege angeboten. Aber man muss ja nicht im institutionellen Bereich tätig werden. Das Thema ist auch für freischaffend tätige Kolleginnen und Kollegen lohnend.

Welchen Nutzen kann es denn bringen?
Die Denkmalpflege ist die Königsdisziplin des Bauens im Bestand. Das heißt: Wer es schafft, die Sanierung eines Denkmals durch alle Leistungsphasen der HOAI zu bringen, der kann auch kompetent mit Altbauten umgehen. Und wenn man bedenkt, dass sich über 70 Prozent aller Bauaufgaben heutzutage im Bestand abspielen, dann weiß man, welche Vorteile eine solche Spezialisierung - neben der Begeisterung für historische Substanz - noch mit sich bringt.

Info
Dr.-Ing. Roswitha Kaiser, Jahrgang 1957, studierte von 1977 bis 1982 Architektur an der RWTH Aachen und beschäftigte sich schon früh mit denkmalpflegerischenFragen. Nach ihrem Diplom begann sie zunächst bei einem Fachkollegen und später freiberuflich als Architektin zu arbeiten. Im Jahr 1988 legte sie ihre Promotion ab.Von 1992 bis 1995 arbeitete sie in den neuen Bundesländern an einem Forschungsvorhaben im Rahmen des experimentellen Städte- und Wohnungsbaus.Seit 1996 ist sie beim LWL Amt für Denkmalpflege tätig. Daneben veröffentlicht sie Artikel in Fachzeitschriften, hält Fach-Vorträge und ist in der Fortbildung tätig. Außerdem ist sie Sprecherin der Arbeitsgruppe Bautechnik der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in Deutschland.

www.aknw.de/mitglieder/profilbildung-taetigkeitsfelder/architekten_in_nrw/ungewoehnliche-berufsfelder.htm
Autor: Das Gespräch führte Melanie Brans