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Von der Projektidee zur Vermarktung

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    Architektin als Projektentwicklerin: Antje Wimmer - Foto: WFM.BAU.PROJEKT. GmbH, Duisburg

Das Berufsbild der Architektinnen und Architekten befindet sich in einem strukturellen Wandel. Neben den klassischen Aufgaben im Leistungsspektrum der HOAI gewinnen neue Tätigkeitsfelder an Bedeutung, die von der Architektenschaft aktiv erschlossen werden müssen. In unserer Reihe „Neue Berufsfelder“ stellen wir die Architektin Antje Wimmer vor, die sich auf Projektentwicklung spezialisiert hat.

Frau Wimmer, Sie haben Architektur studiert und arbeiten heute auch als Projektentwicklerin. Fehlten oder fehlen Ihrer Meinung nach in der klassischen Architektenausbildung entscheidende inhaltliche Schwerpunkte wie z. B. Akquisition, Controlling oder Marketing oder wie sind Sie zu dieser Tätigkeit gekommen?

Meine Entwicklung ist ziemlich klassisch: Getragen von hohen idealistischen Zielen mit großem ästhetischem Anspruch habe ich mich leidenschaftlich und voller Naivität durchs Studium geträumt und bin während der „Vor-Wende“-Rezession 1987 ins Berufsleben gestolpert, um die Welt zu verbessern. Aus privaten Gründen regional gebunden, haben mich die scheinbaren Realitätszwänge eines durchschnittlich qualitätvollen, mittelständischen und regional tätigen Architekturbüros mit Arbeitsschwerpunkt im gewerblichen Bauen mit Kosten-/Nutzenanalysen, Flächen- und Bauzeitoptimierung dann kalt erwischt. Erst nach dem Studium habe ich erkannt, welche Bedeutung die als „Nebenfächer“ gelehrten Bereiche Baurecht und Baubetriebslehre in der Arbeitswelt haben: Also habe ich die Ärmel hochgeschlagen und mich erneut ans Lernen gemacht, da ich erkennen musste, dass man seinen Anspruch an Architektur nur erfüllen kann, wenn es gelingt, die am Prozess beteiligten Entscheidungsträger von der Gesamtleistung zu überzeugen. Dazu benötigt man neben einem überzeugenden Auftreten strategisches Denken, die Fähigkeit Fakten zusammen zu tragen und zu analysieren.

Als gute Strategie hat sich erwiesen, in die Position des Auftraggebers und Investors zu schlüpfen und dessen Ziele und Interessen zu verstehen und zu formulieren. Dies war dann der erste Schritt in Richtung Projektentwicklung.Architektur besteht aus komplexen Zusammenhängen auf vielschichtigen Ebenen; es reicht eben nicht, einen guten Entwurf zu machen und sich in Gestaltphilosophie zu ergehen. Qualität entsteht in der Umsetzung unter Einbindung aller technischen, baurechtlichen, terminlichen und Kostenvorgaben.Es ist eine große Herausforderung – besonders unter dem uns alle belastenden, ständigen Termindruck – alle Anforderungen an die gestellte Aufgabe optimal zu erfüllen und als Moderator das gesamte Team zu einem produktiven Ergebnis zu führen.Diesen Anspruch kann das Architekturstudium sicherlich nur begrenzt erfüllen, denn zu der eigentlichen Aufgabe, der Umwelt eine gestalterische Qualität zu geben, sind auch noch betriebswirtschaftliche, juristische, psychologische und Managementqualitäten gefordert.

An dieser Stelle muss die Frage nach den Inhalten und Zielsetzung des Studiums gestellt werden. Ich bin der Auffassung, dass die beschriebenen Qualitätsansprüche nicht in einem Studiengang abgedeckt werden können und neige daher zu Überzeugung, dass Zusatzstudiengänge nach dem klassischen Architekturstudium und einer Berufszeit von mindestens 2 Jahren notwendig sind, die eine Spezialisierung z. B. nach englischem Vorbild ermöglichen. Dort kann sich der Architekt auf seine Kernaufgaben Entwurfs- u. Detailplanung konzentrieren; die organisatorische Abwicklung einer Baumaßnahme übernehmen eigens dafür ausgebildete Spezialisten. Diese neuen Arbeitsfelder wie Projektentwicklung u. -steuerung (Quantity Surveying), eröffnen Chancen, die zu einer Qualitätsverbesserung insgesamt führen und das Image der Branche in der Öffentlichkeit positiv beeinflussen werden.

Hilft Ihre Arbeit nur, Projekte für Investoren attraktiver zu machen oder gibt es noch weitere Vorteile? Bauen Sie quasi einen wirtschaftlichen Gesamtrahmen? Können Sie Ihre Tätigkeit kurz umreißen?

Ich verstehe Projektentwicklung als Arbeitsaquisition, also Schaffung von Eigenkonjunktur; Produkte am Markt bereits entwickelt anzubieten, deren Bedarf oder Möglichkeiten bisher niemand erkannt hatte über beispielsweise die Zusammenführung von Mietinteressenten, Grundstückseigentümern und Investoren. Hierzu sind eine genaue Kenntnis des Marktes und ein weit verzweigtes Kontaktnetz erforderlich. Bedarfs- u. Gesamtkostenanalysen mit ersten Renditeberechnungen runden das Leistungsbild ab.

Welche Bedeutung hat Ihre Arbeit als Projektentwicklerin für die der Architekten in den klassischen HOAI-Leistungsphasen?

Ähnlich wie bei freien Wettbewerben erfolgt die Honorierung der Projektentwicklung üblicherweise erst im Erfolgsfall, d. h. bei Realisierung des Projekts über den sich daraus ableitenden Architektenvertrag gemäß HOAI bzw. darüber hinaus wie bei einem Projektsteuerungsvertrag in freier Vereinbarung.

Besteht nicht die Gefahr, dass eine Beurteilung der Architektur als Renditeobjekt zu Lasten städtebaulicher und architektonischer Gestaltqualitäten geht? Viele große Planungsbüros machen ausschließlich gesichtslose nutzflächen- und renditeoptimierte Projekte. Wie schätzen Sie diese Problematik ein und was sind mögliche Lösungsansätze?

Projektentwicklung zu betreiben bedeutet Investoren verstehen lernen und nicht mehr wie die Maus den Bussard als natürlichen Feind des Architekten mit dem alleinigen Ziel der Renditeoptimierung zu sehen. Nur wer die Zwänge und Abhängigkeiten eines Bauherrn oder Investors kennt und versteht, kann auch darauf einwirken, der allgemein grassierenden „Geiz-ist-Geil-Mentalität“ entgegen zu steuern und Vertrauen zu schaffen für eine qualitätvolle Architektur. (Vgl. Editiorial DAB-NRW 07/04)Gerade hier liegt der Ansatz in der Projektentwicklung, denn in der eigenen Projektentwicklung befinden sich die Chancen für kreative Lösungsansätze, da das Vorgabenkorsett noch nicht geschnürt wurde.

Was sind ihre Wünsche in Bezug auf die Zukunft des Arbeitsfeldes Projektentwicklung?

Ich möchte Projektentwicklung verbinden mit dem Anspruch an die Qualität unserer Produkte, einer hohen und teamfähigen Professionalität in der Bearbeitung und einer Verbesserung in der Kommunikation zum Auftraggeber.   

Zur Person:

Antje Wimmer, Dipl. Ing. Architektin, geb. 1960Studium Architektur FH Düsseldorf und Canterbury College of Art 1979-1987Tätigkeit im Architekturbüro Düster und von Büttner in Duisburg u. Leipzig 1986- 1997Bürogründung Architekturbüro WIMMER and friends, Duisburg 1998Bürogründung WFM.BAU.PROJEKT. GmbH, Duisburg 1998            

Autor: Till Wöhler