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Als Architekt in England

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    Als junges Team erfolgreich in London: Franziska Wagner und Swen Geiss - Foto: 51,5 architekten

Die anhaltend schlechte Auftragslage in der deutschen Baubranche lässt den Export von Architektenleistungen in den Blick rücken. Jetzt den Sprung ins Ausland wagen? Doch wie kann man dort an Aufträge kommen, wer hilft bei rechtlichen Problemen, wie ist der Markt organisiert? In einer weiteren Folge unserer Serie „NRW-Architekten im Ausland“ berichtet das junge Büro „team 51.5° architekten“ aus Wuppertal über seine Erfahrungen mit dem Planen und Bauen in London.

Seit 2003 existiert das „team 51.5° architekten “ an zwei Standorten: London und Wuppertal. Beide Städte verbindet ihre geografische Lage (51,5° nördlicher Breite). Architektin Franziska Wagner arbeitete bereits während ihres Studiums in England und gründete 2001 ein Büro in London. Um den ersten größeren Auftrag zu bewältigen, kam 2003 Swen Geiss als Partner dazu. „Es hat lange Zeit gedauert, sich auf die anderen Verhältnisse in England einzustellen“, resümiert die Architek­tin. Grundlegende Unterschiede bestehen beispielsweise beim Baurecht. Es existieren keine Bebauungspläne in der in Deutschland bekannten Form, Bauanträge darf jedermann einreichen. Auch das Wettbewerbswesen ist anders organisiert – Realisierungswettbewerbe mit einer (wenn auch geringen) Chance auf Beauftragung sind rar. „In London brachte uns nur die maßgeschneiderte Bewerbung bei einem der 32 ‚borrows’ (Stadtbezirke) die erste Beauftragung“, erinnert sich Wagner. 

Baurecht - Rolle des Architekten 

Im Gesamtkontext aller am Bau Beteiligten hat der Architekt in Großbritannien einen anderen Stellenwert als in Deutschland. Bereits in seiner Ausbildung liegt der Fokus auf Entwurf und Design; die Vermittlung technischer Disziplinen spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Dieses Feld überlässt man den dafür ausgebildeten Fachplanern. Im späteren Berufsleben arbeitet der Planer mit einem Team von Spezialisten - allen voran mit Kostenplanern - zusammen, die ihn bei Detailfragen beraten. Aufgabe des Architekten im Bauablauf ist es, eine genehmigungsfähige Planung sowie Ausführungsdetails bereitzustellen (LP 1 - 5 gemäß HOAI). Danach werden Projekte meist an einen Generalunternehmer übergeben, der die komplette Bauabwicklung übernimmt. Jetzt wendet sich das Blatt, denn nun stellt der GU seinerseits den Architekten als Unternehmer an, um durch ihn die behördlichen Auflagen, vor allem Abnahmen, zu erlangen. Aufgrund der geringeren bau- und planungsrechtlichen Regulierung ist eine Baugenehmigung daher wesentlich vom Verhandlungsgeschick des einreichenden Architekten abhängig. Um Entwürfe mit Erfolg in die Realität umzusetzen, benötigt er daher sowohl genaue Kenntnis der lokalen Situation als auch der Interna der zuständigen Behörde. 

Akquisition und Kommunikation 

Die Möglichkeiten, an Aufträge zu kommen, sind für ausländische Büros eher begrenzt. Ohne ein Netz von Kontakten vor Ort ist es schwierig – so die Einschätzung von Franziska Wagner und Sven Geiss. Eine Art der Akquisition stellt die „expression of interest“ dar. Hierbei bewirbt sich ein Team aus Fachplanern mit einem umfassenden Gesamtkonzept direkt beim Auslober - auch dabei sind verlässliche Kontakte natürlich von Vorteil.

Die Honorierung der Architektenleistungen ist in England generell niedriger als in Deutschland. Da es keine verbindliche Honorarordnung gibt, gehört das Architektenhonorar zur Verhandlungsmasse.

Auch die Kommunikation läuft anders als in Deutschland, „da darf man sich durch gute Englischkenntnisse nicht täuschen lassen“, warnt Franziska Wagner. Es komme darauf an, die subtilen Zwischentöne zu treffen, um sein Ziel mit viel Fingerspitzengefühl und diplomatischem Geschick zu erreichen. „Probleme werden oftmals nicht direkt angesprochen und gelöst“, berichtet die Architektin. Damit alle Beteiligten ihr Gesicht wahren können, wird in Verhandlungen immer ein Kompromiss gesucht, mit dem alle leben können. Darunter leidet allerdings zuweilen die Qualität des Endprodukts.

Als Tipp für Einsteiger empfiehlt Swen Geiss, sich an einer Hochschule zu bewerben. Er ist selbst in der Lehre tätig und weiß, dass es in diesem Bereich zurzeit einen Mangel gibt. Zudem seien deutsche Architekten in England sehr beliebt. 

Adressen: 

Royal Institute of British Architects
66 Portland Place, W1N 4AD  London
E-Mail: admin@inst.riba.org
URL: www.riba.org 

Architects Registration Board8, Weymouth Street , W1N 6EE  London
E-Mail: info@arb.org.uk
URL: www.arb.org.uk 

Netzwerk Architekturexport der Bundesarchitektenkammer (NAX): www.bak.deWeitere Infos:

Die Bundesagentur für Außenwirtschaft (bfai) hat in Kooperation mit dem Netzwerk Architekturexport (NAX) der Bundesarchitektenkammer die Broschüre "Der Markt für Architektur- und Ingenieurdienstleistungen in Großbritannien" herausgebracht.

Die Publikation gibt Informationen zu den Chancen für deutsche Architekten in Großbritannien und beinhaltet Hinweise zum Marktvolumen, zu rechtlichen Zugangsvoraussetzungen, zur Ausschreibungspraxis, zum Baurecht, zu Normen und Standards bis hin zu einer Aufstellung wichtiger Fachzeitschriften, Messen und Ausstellungen sowie Kontaktanschriften.

Die Broschüre kann über die D.A.V.I.D. Deutsche Architekten Verlags- und Informationsdienste GmbH zu einem Sonderpreis von 19,50 € inkl. Mwst. und Versand erworben werden. 

D.A.V.I.D.
Askanischer Platz 4
10963 Berlin

Fax: 030 - 26 39 25 89

Autor: Sibylle Eck