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Architekt in Brasilien – Traum oder Träumerei?

Mit seinen rund 177 Mio. Einwohnern ist Brasilien das fünftgrößte Land der Welt und mit Abstand der größte Markt des ganzen südamerikanischen Kontinents. Die Wirtschaft des Landes hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht, seit Einführung des Mercosur steht die Volkswirtschaft vor weiteren großen Herausforderungen. Eine für Architektinnen und Architekten höchst interessante Region.

Wirtschaftlich kann man Brasilien grob in zwei Regionen aufteilen: Zum einen der entwickelte Süden und Südosten, mit den Bundesländern Minas Gerais, Espirito Santo, Rio de Janeiro, São Paulo, Paraná, Santa Catarina und Rio Grande do Sul. Zum anderen, und größtenteils weniger entwickelt, der Nordosten, der Norden, und der westliche Teil Zentral-Brasiliens, mit den regional bedeutenden Wirtschaftszentren Belém (Pará), Brasília (Regierungsdistrikt), Campo Grande (Mato Grosso do Sul), Cuiabá (Mato Grosso), Fortaleza (Ceará), Manaus (Amazonas), Recife (Pernambuco) und Salvador (Bahia).

Der wirtschaftlich bedeutendste Staat ist zweifelsohne São Paulo mit seinen geschätzten 17 bis 22 Mio. Einwohnern und einem Anteil am Bruttoinlandsprodukt Brasiliens von mehr als 20 %. Die südlichen Bundesländer Paraná, Santa Catarina und Rio Grande do Sul werden durch die Nähe zum gemeinsamen Markt Mercosur zukünftig ebenfalls an wirtschaftlicher Bedeutung gewinnen. 

Soziale Herausforderungen 

Metropolen wie São Paulo und Rio de Janeiro gelten gemeinhin als Symbol für den südamerikanischen Traum, für Lebensart und Exotik. Wenn man deren Baukultur jedoch auch als Spiegel der Gesellschaft versteht, kann man in ihr neben allem schwärmerischen Bilderreichtum auch die extremen Kontraste und Miseren des ganzen Landes ablesen. Aufgrund eines in Europa nur schwerlich vorstellbaren Städtewachstums haben sich die Metropolen Brasiliens zu städtebaulichen Brennpunkten entwickelt, die heute eine ständig wachsende soziale Herausforderung für Architekten und Planer gleichermaßen darstellen.

„Stetige Zuwanderung, das damit verbundene Wachstum der Favelas, Obdachlosigkeit und soziale Ungerechtigkeit stellen gravierende gesellschaftliche Probleme dar, bei deren Lösung Architekten eine maßgebliche Rolle spielen können“, erläutert Jörg Spangenberg. An dieser Stelle ist Idealismus gefragt, und daher haben sich in zunehmendem Masse NGOs (Non-Governmental-Organizations), Präfekturen und Universitäten dieses Themas angenommen. „In Rio de Janeiro beispielsweise hat sich die Bauhaus-Universität Dessau mit dem Projekt ‚Celula Urbana’ in der Favela Jacarezinho betätigt: Ein außergewöhnliches Beispiel dafür, wie die Synergie internationaler Zusammenarbeit im sozialen Bereich zu ungewöhnlichen und interessanten Resultaten führen kann“, meint Spangenberg. 

Ausländische Einflüsse 

Die architektonische Landschaft brasilianischer Metropolen ist geprägt von städtebaulich oft willkürlich angeordneten Funktionsbauten mit geringem architektonischen Anspruch. Highlights, wie man sie aus europäischen Metropolen kennt, sind dünn gesät oder stammen zumeist aus der Zeit der klassischen Moderne, repräsentiert durch die Arbeit von Oscar Niemeyer, Eduardo Affonso Reidy und Lucio Costa. Seit den 70er Jahren wird aber auch viel Architektur nach Brasilien „importiert“ bzw. vorbehaltlos adaptiert. Insbesondere in São Paulo stammen viele der heutigen Projekte vorwiegend aus der Feder nordamerikanischer Architekten.

„Die Ausführungsplanung wird ausschließlich von inländischen Büros erarbeitet, da die brasilianischen Behörden keine ausländischen Architekten als Projektautoren akzeptieren“, erklärt Thorsten Nolte. Diese ausländischen Büros fanden bisher keine namentliche Erwähnung. Neuerdings aber zeichnet sich eine offenere Haltung ab: So liest man heutzutage in Brasilien im Zusammenhang mit Prestige-Projekten jüngeren Datums auch schon ein Mal Namen wie z. B. Jean Nouvel beim Guggenheim Museum Rio de Janeiro oder Christian de Portzamparc bei der neuen Philharmonie. 

Chancen für Ausländer 

Nicht anders als in Deutschland produzieren auch brasilianische Hochschulen inzwischen ein Übermaß an Architektur-Absolventen, von denen nur bei weitem nicht alle am Markt benötigt werden. Während allein im letzten Jahr die brasilianische Baubranche Einbußen von 6 % hinnehmen musste, hat die Zahl der an Universitäten angebotenen Architektur-Studiengänge seit Ende der 90er Jahre um ca. 50 % zugenommen. Die Konsequenz hoher Zahlen von Studienabgängern kennt man auch aus Deutschland: Architekten, die in andere Branchen oder Randbereiche ausweichen müssen – oder mitunter langjährig arbeitslos bleiben. Entsprechend schwierig sind die Bedingungen für Ausländer, auf dem Brasilianischen Markt Fuß zu fassen. Weitere Barrieren sind das unvermeidliche Erlernen der Landessprache (Brasilianisches Portugiesisch) und das notwendige Erlangen eines Arbeitsvisums.

Zugleich aber bringt ein deutscher Architekt das Potenzial einer meist hochwertigen und in Brasilien auch hoch bewerteten Ausbildung mit, häufig inklusive einer Spezialisierung –etwa in den Bereichen Nachhaltiges Bauen, neuartige Konstruktionen oder Baustoff-Technologien. „Stipendien für Arbeitsaufenthalte zu erhalten oder von einer deutschen Firma nach Brasilien gesandt zu werden, sind weitere Möglichkeiten, Erfahrungen als Architekt in Brasilien sammeln zu können“, weiß Jörg Spangenberg aus eigener Erfahrung zu berichten, „wenngleich damit meist nur ein zeitlich begrenzter Aufenthalt möglich ist.“ 

Selbstständig Arbeiten 

Das selbstständige Arbeiten in Brasilien ist einfacher als in Deutschland, da es bürokratische und finanzielle Hürden, zum Beispiel in Form eines festgelegten Mindest-Startkapitals, nicht gibt. Es ist jedoch weitaus schwieriger, als Ausländer Bauanträge einzureichen. Aus diesem Grund arbeiten die meisten Ausländer – wie auch Thorsten Nolte, Mitbegründer des Büros „Lompreta & Nolte Arquitetos“ in Rio de Janeiro – mit brasilianischen Partnern zusammen: „Der dabei entstehende Nebeneffekt eines kulturellen Austauschs ist zudem ein bereichernder Aspekt, der vor allem neue Denkansätze mit sich bringt – für beide Seiten.“

„Für die vielfältigen Schwierigkeiten, denen man sich als ausländischer Architekt in Brasilien dennoch gegenüber sieht, entschädigen die atemberaubenden Naturschönheiten und die lebensfrohe Mentalität der Brasilianer jedoch täglich von Neuem“, versichern Thorsten Nolte und Jörg Spangenberg. Beide haben ihre Entscheidung bis heute nicht bereut.Co-Autoren: 

Thorsten Nolte Dipl.-Ing.
Selbstständiger Architekt in Rio de Janeiro:
"Lompreta & Nolte Arquitetos"
Wettbewerbsgewinn “Museum für Telekommunikation – Rio de Janeiro” (z. Zt. im Bau befindlich) 

Jörg Spangenberg Dipl.-Ing
.z. Zt. Master-Arbeit in Rio und São Paulo: "Nachhaltiger Städtebau in den Tropen"
arbeitet teilweise mit Thorsten Nolte zusammenabsolvierte Praktika u. a. bei Oscar Niemeyer  Fläche: 8,5 Mio. km²,
Bevölkerung: ca. 177 Mio. (Schätzung 2003)
Bruttoinlandsprodukt: 498 Mrd. US$ im Jahr 2003 

Kontaktadressen: 


Deutsche Botschaft in Brasilien
SES - Av. das Nações, Qd. 807, Lt. 25
CEP 70415-900 Brasilia-DF
www.embaixada-alemanha.org.br 

Außenhandelskammer, Büro São Paulo
Deutsch-Brasilianische Industrie- und Handelskammer
Rua Verbo Divino 1488
CEP 04719-904 Sao Paulo
www.ahkbrasil.com 

Autor: Till Wöhler