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Dialog auf Augenhöhe

  • Foto: Portraitfoto von Jürgen Welsch

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    Arbeitet in Deutschland und den USA: Der Rheinbacher Architekt Jürgen Welsch - Foto: privat

In ihrer Serie „NRW-Architekten im Ausland“ stellt die AKNW in loser Folge Architektinnen und Architekten vor, die in anderen Ländern arbeiten, andere Erfahrungen machen und vielleicht anders an ihren Beruf herangehen. Der Rheinbacher Architekt Jürgen Welsch arbeitet sowohl in den USA als auch in Deutschland und versucht dabei, das Beste aus beiden Welten zu verknüpfen.

Alles fing mit einem Brief an. Jürgen Welsch sah als 15jähriger Junge eine Fernsehsendung über Architektur in Amerika: Die organisch-schrägen Häuser des Architekten Bart Prince wurden vorgestellt. Welsch war Feuer und Flamme. Er schrieb (es waren die 80er Jahre) einen Brief an den renommierten US-Architekten. Der reagierte prompt, schickte dem jungen Deutschen einen dicken Bildband und eine Einladung zu einem Praktikum. Welsch erschien... erst kurz, später dann für länger.

„Natürlich habe ich hier erst noch meinen Schulabschluss gemacht, direkt danach war ich wieder da“, erzählt er. Von Prince wurde er weitervermittelt an den Architekten und Designer Johnson, der als Professor an einer Privat-Universität dozierte. Von 1987 - 93 lernte Welsch dort seinen Beruf und arbeitete im Büro des Mentors mit an dessen Projekten. Heute sind Johnson und Welsch Partner in einer Planungsgemeinschaft und entwickeln gemeinsam hochwertige Wohnimmobilien, hauptsächlich in Kalifornien, und bauten auch Villen für bekannte Größen aus Film und Fernsehen. Doch als Johnson – mittlerweile 76jährig – dem Deutschen die Übernahme seines Büros anbot, lehnte der ab. „Ich wollte das in den USA Gelernte zurück in meine Heimat bringen“, so Welsch, der sich dann 1993 in Rheinbach selbstständig machte, aber seitdem jedes Jahr jeweils ein paar Wochen in seinem kalifornischen Büro verbringt. Um zu arbeiten, und den Horizont zu erweitern.  

Austausch von Ideen

Denn einige amerikanische Ideen würden dem deutschen Markt gut tun, glaubt er. „Freiheit und Kreativität, vor allem was Grundrisse angeht“, hätten die Amerikaner den Deutschen voraus, gepaart mit einem gesunden Pragmatismus. „Die große Garage mit direktem Zugang zum Haus ist eine gute Sache, oder die Idee einer Master Suite, also eines Elternschlafzimmers als separater Bereich des Hauses, mit eigenem Bad und Ankleidebereich“, erklärt Jürgen Welsch. Solche Annehmlichkeiten machen ein Haus erst wirklich komfortabel. Was Welsch auch in Amerika gelernt hat, ist vielleicht noch wichtiger: Der Dialog auf Augenhöhe. Die amerikanische Offenheit ermöglicht Kommunikation ohne oder nur mit geringen Hierarchien. Professor und Praktikant, Bauherr und Bauarbeiter können sich viel besser austauschen und voneinander lernen. „Eine solche Kultur versuche ich, auf Deutschland zu übertragen, das bewirkt oftmals, dass potenzielle Konflikte gar nicht erst entstehen.“ Ein Beispiel: Deutsche Behörden. Bei einem Bauvorhaben geht Welsch so früh wie möglich zu den zuständigen Bauämtern, auch wenn er noch gar keine Entwürfe angefertigt hat.

 Flache Hierarchien

„Einfach um guten Tag zu sagen, zu fragen, ob den Ämtern bestimmte Punkte am Herzen liegen.“ So schaffe man eine positive Atmosphäre, die Beamten fühlten sich ernst genommen und eventuelle spätere Auseinandersetzungen – etwa was Bauvorschriften angeht – würden viel unwahrscheinlicher. Ein amerikanisches Vorgehen für ein deutsches Problem. „In den USA gibt es so ein Korsett aus örtlichen Bauvorschriften viel weniger“, sagt Welsch. Wobei er den deutschen Paragraphendschungel nicht als unüberwindbares Hindernis sieht, sondern als Herausforderung. „Auch hierzulande lässt sich eine kreative Architektur umsetzen, man muss eben mit den Bedingungen arbeiten.“ 

International aufgestellt

Was sich von amerikanischen Architekten noch lernen lässt? „Zum Beispiel, keine Angst vor Entfernungen zu haben“, sagt er. Damit sind nicht nur persönliche Abstände in der Kommunikation gemeint, sondern auch geographische. So ist Welsch zum Beispiel auch auf den Balearen oder in Südafrika tätig. Auch räumlich entfernte Projekte sind realisierbar, wenn man die tägliche Bauleitung auf andere überträgt. Jürgen Welschs Formel für eine erfolgreiche Abwicklung: „Ein hochwertiger individueller Architektenentwurf in Verbindung mit einer schlüsselfertigen Festpreisgarantie durch einen Generalunternehmer“. Eine Philosophie, die aber nicht nur in der neuen, sondern auch in der alten Welt funktioniert. 

Autor: Jens Frantzen