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Emil Fahrenkamp (1885-1966):Stilpluralität und Kontinuität

  • Foto: Kaufhaus Horten

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    Foto: Kaufhaus Horten

Mit dem Architekten Emil Fahrenkamp wird in erster Linie und in der Regel ausschließlich das Shell-Haus in Berlin in Verbindung gebracht. Eine Tatsache, die bezeichnend ist für die Stilrezeption im 20. Jahrhundert, weniger für den Architekten selbst. Dieses dynamisch gestaffelte, aus dem Berliner Stadtbild nicht wegzudenkende Bürohaus von 1929 war weder Fahrenkamps wichtigste Bauaufgabe noch repräsentiert es seine Stilhaltung am prägnantesten.

Die Architek­turgeschichts­schreibung seit Siegfried Giedion konzentrierte sich weitgehend auf das sogenannte „Neue Bauen“, blendete Nebenwege aus oder tat sie als Eklektizismen ab. Folgt man jedoch Christoph Heuter auf dem Weg durch das umfangreiche und vielschichtige Werk des Emil Fahrenkamp, so öffnet sich ein ganzes Spektrum neuer Bezüge mit überraschender Aktualität. 

Aus Aachen gebürtig und dort auch ausgebildet, erfuhr Emil Fahrenkamp wesentliche Förderung durch Wilhelm Kreis in Düsseldorf, wo er sich einen ausgedehnten Wirkungskreis aufbaute. 1937 wurde er zunächst kommissarisch, ab 1938 bestätigt Direktor der Kunstakademie. In dieser Funktion (bis 1945) knüpfte Fahrenkamp enge Bande zwischen künstlerischen Kreisen und der Rheinisch-Westfälischen Industrie. Die vielfältigen persönlichen Beziehungen wusste er für seine eigene Arbeit zu nutzen. Wohl auf Vermittlung seines Freundes aus der Aachener Zeit und nachmaligen Stadtbaurates in Mülheim an der Ruhr, Arthur Brocke, wurde Fahrenkamp 1925 für die Aufsehen erregende innere Ausgestaltung des Neubaus der Mülheimer Stadthalle herangezogen (Architekten Pfeifer & Großmann, Inneres nach Kriegszerstörung verändert).

1928 folgten ein äußerlich fast unverändert erhaltenes Kaufhaus (heute Woolworth) am Beginn der neu angelegten Schlossstraße, eine Wohnsiedlung im Stadtteil Speldorf in flach gedeckter, dreige­schos­siger Zeilenbauweise und die katholische Kirche Mariae Geburt auf dem Kirchenhügel. 2004 wird hier das 75jährige Kirchweihfest gefeiert. Dass Fahrenkamp evangelisch war, führte zu Irritationen, aber sein Entwurf überzeugte. Seine Stilhaltung entwickelt sich damals vom Expressionismus zur Neuen Sachlichkeit mit einer Tendenz zum souveränen Spiel mit Details. Einzig dem Kirchenbau verlieh er eine ganz auf die kubische Form reduzierte kühle Gestalt, akzentuiert allein durch den in drei monumentalen, steilen Rundbögen sich öffnenden Portikus.  

Sicheres Gespür für Raumwirkungen 
Fahrenkamp erwies sich als ausgesprochen flexibel. Den roten Faden in seinem Werk bildet weniger ein durchgängig wiedererkennbarer Stil als ein sicheres Gespür für Raumwirkungen. Prägnantes Beispiel ist neben dem Shell-Haus Berlin das äußerlich restaurierte Kaufhaus Michel (heute Sinn-Leffers) von 1929 in Wuppertal. Seit den zwanziger Jahren und auch während der Kriegsjahre, als enger Kontakt mit Albert Speer bestand, bewegte sich Fahrenkamps Bauen auf der Höhe der Zeit, mit historischen Anleihen, aber ohne platte Historismen und ohne ideologische Leitfunktion. Seinen Stil der Nachkriegszeit repräsentiert u.a. das Kaufhaus Horten (heute Karstadt) in Duisburg, für das er 1950 die Fassade entwarf: Eine lange kaum noch vorstellbare, neuerdings wieder salonfähige Trennung von Baukörper und Dekorum.  

Verzicht auf stilistischen Rigorismus 
Die über den Schaufenstersockel erhobene, viergeschossige, stark profilierte Rasterfassade mit durchlichtetem Staffelgeschoss antwortet, über den Platz hinweg, dem klassizistischen Stadttheater (an dessen Wiederherstellung Fahrenkamp eben­falls beteiligt war) und bildet eine prägende Dominante im Stadtraum. Um so unverständlicher ist es, wenn in jüngsten, allerdings noch vagen Plänen zur Über­bauung des ganzen Quartiers dahinter mit einem „City Forum“ erwogen wird, diesen bis 1957 um acht Achsen erweiterten und als denkmalwert eingestuften Komplex abzureißen, statt ihn in Neuplanungen einzubeziehen. Auch für den früher als fünftbestes Hotel der Welt gerühmten Breidenbacher Hof in Düsseldorf scheint der Abriss unabwendbar. Emil Fahrenkamp entwarf das Hotel 1926 und erneuerte es 1946-48. Seit 1999 geschlossen, soll der Bau jetzt durch ein neues Ritz Carlton ersetzt werden. Seine Auftraggeber schätzten Fahrenkamp, denn er lieferte ihnen mehr als die Erfüllung ihrer Wünsche. Sein Verzicht auf stilistischen Rigorismus bei dennoch hohem Qualitätsanspruch macht ihn zu einem Verfechter einer Baukultur, die bis heute Bestand hat. 

St. Mariä Geburt in Mülheim von E. Fahrenkamp auf baukunst-nrw

Literaturhinweis:
Heuter, Christoph: Emil Fahrenkamp 1885 - 1966. Architekt im rheinisch-westfälischen Industriegebiet = Ar­beits­hefte der Rheinischen Denkmalpflege 59. Peters­berg 2002.

Dr. Gudrun Escher arbeitet als freie Fachjournalistin in Mülheim/Ruhr. 

Autor: Gudrun Escher