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Fritz Schupp (1896 - 1974): Über die Einheit von Konstruktion und Gestalt

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Beim Blick auf die Liste der von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannten Bauten und Monumente fällt Erstaunliches auf: Unter den aktuell 27 deutschen „Kulturgütern von außergewöhnlichem universellen Wert“, unter denen sich vier in Nordrhein-Westfalen befinden (die Dome zu Köln und Aachen, die Brühler Schlösser und neuerdings auch die Zeche Zollverein in Essen), findet man den Namen einer Architekten-Gemeinschaft gleich zweimal: den der Sozietät Fritz Schupp und Martin Kremmer. Neben der Zeche Zollverein ist auch ihr Bergwerk Rammelsberg in Goslar Träger der begehrten Plakette. Diese in Deutschland einmalige Tatsache und der Erfolg der Schupp-Ausstellung „Symmetrie und Symbol“ sind uns Anlass, im Rahmen unserer Serie „Retrospektive – Architekten in NRW“ einen genaueren Blick auf den 1896 in Uerdingen geborenen und bis zu seinem Tode 1974 in Essen lebenden bedeutenden Vertreter der deutschen Industriearchitektur zu werfen.

Seinen früheren Kommilitonen und späteren Mitstreiter Martin Kremmer lernte Fritz Schupp bereits während der ersten Semester an der Universität in Karlsruhe kennen. Nach Abschluss seines Architekturstudiums (Station in München, Abschluss in Stuttgart) arbeitete er zunächst freiberuflich in Essen, wo er auch erste Kontakte zum Direktor der Gelsenkirchener Bergwerks AG knüpfte. Schon bald holte er seinen Studienfreund Kremmer zu sich ins Ruhrgebiet. Nach der Eröffnung eines zusätzlichen Büros in Berlin, der Heimat Kremmers, waren die folgenden Jahre geprägt von einer engen Zusammenarbeit der beiden und einem steten Pendeln zwischen beiden Standorten. In den 30er Jahren trennten sich ihre Wege zumindest räumlich, Kremmer arbeitete weiter in Berlin, während Schupp endgültig nach Essen zog, um dort die wachsende Anzahl von Aufträgen abzuwickeln, die u. a. der Zusammenschluss der Vereinigten Stahlwerke AG mit sich brachte.

Hielt sich das Büro Schupp/Kremmer anfangs noch mit einer Reihe unterschiedlicher Bauvorhaben wie z.B. Villen- und Kirchenbauten über Wasser, fand mit wachsendem Erfolg eine zunehmende Spezialisierung auf Industriearchitektur mit seinen komplexen Zechenanlagen inkl. angegliederter Siedlungen, Verwaltungsgebäuden und Infrastrukturen statt. Für Schupp bedeutete diese besondere Art von Bauaufgabe eine Herausforderung in zweierlei Hinsicht:

Symmetrie als dominierendes Prinzip
Nachdem im 19. Jahrhundert sich das Erscheinungsbild von Produktionsstätten lediglich aus den betrieblichen Erfordernissen ergab und die Anlagen einfach immer weiter erweitert und abgeändert wurden, bot sich Schupp nun mit wachsendem Renommee beim Bau der Zentralkokerei Alma erstmals die Möglichkeit zur Konzeption für die Gesamtanlage einer Zeche. Dies war eine bis dahin nicht gekannte städtebauliche Aufgabe, an die Schupp mit eigenen architektonischen, je nach Bauaufgabe unterschiedlich abgewandelten Grundprinzipien heranging. Immer wieder zu erkennen ist eine starke symmetrische Ordnung, wie er sie bereits zuvor bei seinen Siedlungsentwürfen vorsah, bei der die Gebäude sich nach hinten und zur Mittelachse hin erhöhen.  

Funktionalismus und Expression
Bewusst versuchte Schupp, nicht mehr eine Unterscheidung in technische und repräsentative Gebäude innerhalb einer Anlage vorzunehmen, sondern eine gemeinsame Ordnung von Technik und Baukörper zu finden. Wichtig war ihm daher die abstrahierte Wirkung der Bauvolumina. Seine Zechenplanungen gelten noch heute als Musterbeispiel kubischen Funktionalismus'. Folglich war eine äußerste Sorgfalt im Detail und in der Fassadengestaltung die zweite große, von ihm selbst gestellte Forderung, auf die er mit dem für die Region typischen rheinischen Backstein und der konsequent angewandten Konstruktion des Stahlfachwerks reagierte, welche durch ihn zum landschaftsbildenden Charakteristikum der Industriearchitektur avancierte.

Sein richtungsweisendes Gestaltungsprinzip einer streng funktionalen Ästhetik entwickelte Schupp auch nach dem frühen Tod Kremmers 1945 konsequent weiter. Eine späte Würdigung seines Denkens erhält er schließlich durch die Begründung der Unesco, die ihm eine vom Bauhausstil beeinflusste Architektur bescheinigt, „die über Jahrzehnte für den modernen Industriebau beispielgebend war“.

Objekte von Fritz Schupp auf baukunst-nrw:
Malakowtürme Zeche Holland in Gelsenkirchen
Zeche Nordstern in Gelsenkirchen
Industrie- und Kulturstandort Zeche Zollverein in Essen
Deutsches Bergbaumuseum in Bochum

Autor: Britta Neumayr