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Hans Schilling (1921-2009): Architektur als Berufung

„Erinnerungen aus meinem Leben, und an einen Glücksfall" – so betitelte Hans Schilling einen seiner Beiträge für das Buch "Architektur 1945 – 2000" über die eigene Arbeit als Architekt, das er 2001 seinen Kindern und Enkeln widmete. Als einen Glücksfall für die Architekturgeschichte der jungen Bundesrepublik kann das Wirken von Hans Schilling bezeichnet werden, denn seine Bauten stehen für jene Aufbruchstimmung, die nicht „Wiederaufbau“, sondern „Neuaufbau“ zum Ziel hatte gemäß der Überzeugung, „dass alles anders werden muss, wenn es besser werden soll“. Hans Schilling ist am 19. Februar 2009 im Alter von 87 Jahren in Köln verstorben.

Immer wieder hat Hans Schilling die Entscheidung gegen Historismen und für einen Neuansatz aus dem Bestehenden heraus begründet, von den ersten Stadthäusern in der Kölner Markmanngasse 1945-47 bis zum Kirchturm von Schmallenberg im Sauerland 1997-2000. Und doch fügt sich dieses Neue wie selbstverständlich ein, verhält sich maßstäblich zur Umgebung, behauptet sich. Seine Arbeit blieb immer ganz sachlich. Paradigmatisch der Entschluss, das eigene Wohn- und Atelierhaus angelehnt an die alte Stadtmauer am Gereonswall zu errichten. Als es 1951 mit seinem von Calles angelegten Terrassengarten fertig war, lag zwischen dem Haus und dem Dom noch alles in Trümmern.

Hans Schilling war Kölner aus Überzeugung; in der Stadt geboren und gemeinsam mit der Zwillingsschwester dort aufgewachsen. In der Schule mäßig erfolgreich, begann er bereits mit 16 Jahren eine Bauzeichnerlehre bei Karl Band, denn er wollte unbedingt Architekt werden. Nach Kriegsdienst und leichten Verwundungen, die ihm wohl das Leben retteten, trat er wieder in das Büro Karl Band ein, jetzt als Büroleiter und befasst u. a. mit dem Neubau des Gürzenich in der Projektgruppe mit Rudolf Schwarz.

1955 machte sich Schilling selbstständig. Eine kurze Bürogemeinschaft mit Heinz Schwarz und Edmund Fuchs hatte ebenso wenig Bestand wie die Zusammenarbeit mit Peter Kulka ab 1980, während derer die Altaranlage Butzweiler Hof für den Papstbesuch von Johannes Paul II. entstand und das Maternushaus. Wichtiger waren die ungezählten Gespräche mit dem Freund und Kollegen Fritz Schaller und die gelegentliche Arbeit mit dem Künstler-Architekten Stefan Wewerka. Für die große städtebauliche Aufgabe der Neumarktpassage 1985-87 übernahm dann der älteste Sohn Johannes Schilling die Ausführungsplanung. Er führt inzwischen das Büro weiter, im eigenen Bürohaus auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Ein strenger Chef sei der Vater gewesen, aber er konnte wunderbar motivieren und begeistern.

Seine schönste Kirche, die, die Hans Schilling am meisten am Herzen lag, war Neu St. Alban, geweiht 1957 nicht lange nach Fertigstellung des Gürzenich mit den Ruinen von Alt St. Alban. In enger Zusammenarbeit mit dem Prälaten entwickelte er hier ein ganz auf die Liturgie abgestimmtes Raumkonzept, wie es sonst im Lande erst das Vatikanische Konzil von 1962 ermöglichte. Dem breit lagernden Gemeinderaum in den Umrissen eines Fünfecks gliedert sich der Altarraum als ausschwingende Parabel an, darin der Altar, der die Messfeier im Angesicht der Gemeinde zulässt. Seitlich ausgreifend die Taufkapelle, an der gegenüber liegenden Seite die Orgelempore. Auch die beiden Eingänge vom umgebenden Stadtgarten aus sind seitlich in Winkeln angeordnet, die Mittelachse dem Altar gegenüber beherrscht auf geschlossenem Mauerwinkel ein Kruzifix. Die Lichtführung in diesem ganz aus alten Ziegeln aufgeführten Bauwerk gemahnt an Le Corbusier und Ronchamp, innen Einschnitte ungleicher Größe mit tiefen Laibungen in unterschiedlicher Neigung, farbig verglast, die eine Atmosphäre der Geborgenheit in der Versammlung um das Allerheiligste hervorrufen, außen rahmenlose Öffnungen, die in ihrer Verteilung auf der Fläche fast eine Notenschrift in Neumen ergeben. Alle Raumteile – Glockenturm als freigestellte Spindel, Orgelempore, Sakristei – sind in der äußeren, skulpturalen Gestalt als eigene Elemente zum Ausdruck gebracht.

St. Alban wurde Matrix für viele weitere Kirchen, etwa St. Georg in Duisburg-Hamborn oder St. Marien in Essen-Karnap. St. Alban vorausgegangen war der früheste Kirchenentwurf von Hans Schilling 1952 für die Friedenskirche zu den Heiligen Engeln in Wesel, deren Parabelform sich aus dem Unterbau des Fort 1 am Fürstenberg und der dort eingerichteten Notkirche ergab.

Etwa 200 Kirchen sind es geworden und zahllose Wohn- und Geschäftshäuser wie das trapezförmige "Fleischhauer-Haus" am Ring Ecke Ehrenstraße von 1960, das mit seinem weit auskragenden Flugdach den Straßenraum akzentuiert. Dazu große Komplexe wie die Abtei Königsmünster in Meschede 1961-64 oder das Soziokulturelle Zentrum von Chorweiler mit Hallenbad. Vieles steht unter Denkmalschutz, einiges wurde wieder abgerissen und hat Neuem Platz gemacht – solange Qualität dahinter stand, in den Augen von Hans Schilling kein Problem. Um Publikationen hat sich der Architekt nie gekümmert, nur eine Ausstellung 2000 im Maternushaus legte Zeugnis ab. Zwei Tage nach der Beisetzung wurde sein Nachlass gemeinsam mit dem von Karl Band u. v. a. unter den Trümmern des Kölner Stadtarchivs begraben.

Autor: Dr. Gudrun Escher