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Heinrich Schmiedeknecht (1880-1962): Architektur im Bochumer Auftrag

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    Verwaltung BP/Aral in Bochum: Das von Heinrich Schmiedeknecht 1926 entworfene Gebäude wird aktuell überarbeitet und um Neubauten ergänzt (BRT, Hamburg) - Fotos: Deutsche BP 2005

  • Foto: Das im Umbau befindliche Verwaltungsgebäude der BP/Aral aus der Vogelperspektive

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    Foto: Das im Umbau befindliche Verwaltungsgebäude der BP/Aral aus der Vogelperspektive

Städte mit einer noch jungen Geschichte, wie dies für die meisten Ruhrgebietsstädte zutrifft, erfuhren ihre bis heute wirksame Prägung meist weniger durch herausragende Einzelbauwerke als durch die kontinuierliche Arbeit von regional tätigen Architekten im Auftrag öffentlicher Einrichtungen und wichtiger Wirtschaftsunternehmen. Da sind für Bochum in erster Linie der Bergbau und das Stahlwerk des „Bochumer Verein“ zu nennen. Zu den wichtigsten Auftraggebern des Bochumer Architekten Heinrich Schmiedeknecht zählten außerdem Krankenanstalten, Kirchengemeinden, Konsumverein, Brauerei und Straßenbahn.

Nach der Schreinerlehre im Betrieb des Vaters und der Baugewerkschule in Kassel trat Schmiedeknecht als Bauleiter in das örtliche Büro von Heinrich Schwenger ein, der sich u. a. mit dem Krankenhaus „Bergmannsheil“ 1890 einen Namen gemacht hatte und als Stadtrat zur guten Gesellschaft Bochums zählte. Sein Büro übernahm Schmiedeknecht nach dessen Tod 1906 - und damit auch die bisherigen Auftraggeber; weitere wertvolle Kontakte bot die Loge.

Nach dem Bau einer Villa für Wilhelm Schlegel 1903 beschäftigten die Anlagen der gleichnamigen Brauerei von 1906 bis 1933 das Büro als Hausarchitekten mit großen und kleinen Aufgaben, angefangen vom Turm des Sudhauses bis zu Betrieben und Gaststätten in verschiedenen Städten sowie mit Projekten für Brauereien in USA. Während die Bochumer Produktions- und Verwaltungsgebäude der Brauerei als Putzbauten klar gegliedert mit sparsamer Binnenzeichnung dastehen, orientiert sich die Verwaltung des Konsumvereins Wohlfahrt von 1914/15 mit ihrem Säulenvorbau am Klassizismus Behrens‘scher Prägung, der, weiterentwickelt zum Backsteinexpressionismus mit horizontaler Schichtung und reichem Dekor, im Komplex der Straßenbahngesellschaft „BOGESTRA“ von 1925 - 28 gipfelt. Daneben entstanden zahlreiche Entwürfe für andere gewerbliche Auftraggeber, so auch den „Benzolverband“, der heute als BP/Aral firmiert. 1926 entstand das etwa 70 Meter lange Verwaltungsgebäude am Alten Friedhof Wittener Straße mit 5.600 Quadratmetern Bruttogeschossfläche, Kern des späteren größeren Komplexes. Heinrich Schmiedeknecht verlieh dem hellen Putzbau eine wirkungsvolle Struktur durch die Gruppierung in Sockelgeschosse, Kolossalordnung über zwei Hauptgeschosse sowie Mezzanin- und Dachgeschoss und durch ein dichtes Raster schmaler Lisenen als Binnenzeichnung.

Nach Kriegsbeschädigung wurde das Walmdach zum Vollgeschoss ausgebaut und vor zehn Jahren die verglaste Kantine unter einem Tonnendach als 5. OG aufgesetzt. Dabei ist der Schmiedeknecht-Bau (heute Gebäudeteil B) mit dem östlichen Erweiterungstrakt zusammengefasst, den Wilhelm Seidensticker 1949 bei angeglichenem Geschossraster anfügte. Im Gegensatz zu großen Teilen der Schlegelbrauerei, die unter Denkmalschutz gestellt wurden, gilt diese Maßgabe für die Aral-Verwaltung nicht. Dennoch hat der Ursprungsbau bis in die jüngste Erweiterung nach Entwurf von Bothe Richter Teherani Bestand. Der neue westlich anschließende Querriegel und drei Einzelblöcke sind Anfang 2006 bezugsfertig.

Zum wiederholten Male bewährte sich die solide und anpassungsfähige Stahlbetonskelettbauweise von 1926, die jetzt den teilweisen Rückbau von Zellenbüros zu offenen Etagen für Gruppenarbeit erlaubte. Sogar der zur Bauzeit neuartige, helle Zementputz blieb bei der Instandsetzung erhalten und ist lediglich frisch gestrichen.Mit der in ihrer Stilhaltung an verschiedene Bauaufgaben angepassten Planung knüpfte Schmiedeknecht ein Band erkennbar regional geprägter Bauwerke im Kontext der allgemeinen Architekturentwicklung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Architekten wie er waren keine Protagonisten, griffen jedoch bautechnische und gestalterische Anregungen auf, um sie in nachhaltig nutzbare Stadtarchitektur umzusetzen. Ihre Arbeit ist eine bis heute belastbare Basis für das Weiterbauen im Bestand.

Dr. Gudrun Escher arbeitet als freie Journalistin in Mülheim a.d.R.

Autor: Gudrun Escher