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Josef Lehmbrock (1918-1999): Bauen für Kirche und Gesellschaft

  • Foto: Lehmbrock-Kirche in Düsseldorf-Unterbach

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    Foto: Lehmbrock-Kirche in Düsseldorf-Unterbach

"Der Architekt bestimmt nicht die Form, er ist lediglich der Geburtshelfer für das Entstehen derjenigen Form, die sich aus den Bedingungen der jeweiligen Zeit ergibt. (...) Der Traum von der 'großen Form' muss deshalb scheitern, weil die Macht, die solche Realisationen ermöglicht, nicht mehr legitim ist." Diese Zeilen schrieb Josef Lehmbrock im Einleitungstext der Ausstellung "Von Profitopolis zur Stadt der Menschen", konzipiert zusammen mit Wend Fischer 1971 für die Weltausstellung in Montreal mit anschließender Tournee durch Deutschland und noch einmal gezeigt in München 1979. Damals zählte Lehmbrock zu jener kleinen Zahl streitbarer Befürworter eines menschenwürdigen Städtebaus und einer Architektur, die sich als "Ganzheit des Bauens" definierte. - Ein weiterer Beitrag in unserer Serie "Retrospektive", mit der wir an einflussreiche nordrhein-westfälische Architektinnen und Architekten erinnern.

Geboren 1918 in Düsseldorf, hatte Josef Lehmbrock vor dem Krieg eine Schreinerlehre absolviert. 1942 beim Heimaturlaub ermunterte ihn Emil Fahrenkamp zu einem Architekturstudium an der Kunstakademie. Nach dem Krieg engagierte sich Lehmbrock in der rheinischen katholischen Landeskirche. Willi Weyres unterstützte damals als Diözesanbaumeister die freischaffenden Architekten und ermöglichte so eine einzigartige Epoche des modernen Kirchenbaus. Josef Lehmbrock wurde einer seiner prägnanten, aber heute fast vergessenen Vertreter.

Für gut ein Dutzend Wiederaufbauten, Um- und Neubauten war er  von 1948 bis 1968 zwischen Düsseldorf, Essen und Köln verantwortlich. Dazu kamen wenige Stadthäuser und zunehmend der Siedlungsbau, um den er sich während der letzten Arbeitsjahre publizistisch weiter bemühte, aber ohne große Hoffnungen: "Jede Gesellschaft bekommt die Architektur, die sie verdient". Mit der "Flammenkirche" Heilig Kreuz in Düsseldorf-Rath, errichtet 1956-58, ist Lehmbrock bekannt geworden. Sie realisiert den damals häufigen Typus des kleinen Einraums für die Gemeinschaft der Gläubigen vor dem Altar.

Mehr noch als in Rath folgt die 1963-64 in Düsseldorf-Unterbach gebaute Kirche St. Mariae Himmelfahrt dem Archetypus von Zelt und Schutzhütte. Hier bildet der Grundriss ein nach Osten verkürztes Achteck, und die Bankreihen führen, geringfügig abfallend, von drei Seiten auf den über Stufen erhöhten Altarraum zu, nach Osten umfangen von einer konvex geschwungenen, vorhangartigen Betonwand. Die Faltdecke in Ortbeton mit einer Haube als Hy-Pa-Schale konzipierte Stefan Polonyi. Der Vorhang hinter dem Altar und die Zeltkuppel darüber zitieren in moderner Umsetzung den frühchristlichen Sakramentsraum.

Während die Lehmbrock-Kirche in Rath fast unverändert blieb, erhielt Unterbach bei einer Dachsanierung einen dicken Aufbau mit Kupferabdeckung - sehr zum Leidwesen des Architekten, der bis zu seinem Tod 1999 direkt an der Kirche in einer Siedlung wohnte, gemäß seiner Idee der "Kleinen Stadt". Dieses erstmals 1957 für die Interbau Berlin formulierte Konzept sollte eine sich selbsttragende Einheit vielfältiger Wohnformen ermöglichen mit Nahversorgung, Ausbildungs-, Arbeits- und Kulturstätten. In Unterbach finden in geschickt gegeneinander versetzten Einheiten die Großfamilie wie der Kleinhaushalt angemessenen Raum, ohne dies nach außen zu spiegeln. 1975 kam noch ein Terrassenhaus an der natürlich abfallenden Westseite des Areals hinzu, ebenfalls ein von Lehmbrock propagiertes Modell zur Versöhnung von Individualität und Bebauungsdichte. Heute, eine Generation später, ist es an der Zeit, sich diese Planungen und ihre Voraussetzungen neu zu vergegenwärtigen.

Das von Lehmbrock vehement eingeforderte Instrument der Bürgerbeteiligung ist inzwischen in die Baugesetzgebung eingeflossen, ohne aber den Konflikt zwischen Anspruch und Wirklichkeit von Stadtentwicklung zu lösen. Gerade wieder besteht im Vorfeld der Gesetzesnovellierung Diskussionsbedarf über "Deregulierung und Regulierung", wird erneut ein "Anwaltsplaner" an der Seite von Bürgerinitiativen vorgeschlagen. Und mit den Ideen der Sechziger drohen auch die Bauten zu verschwinden, Anlass genug für das Nationalkomitee Denkmalschutz, eine Publikation über Planen und Bauen 1960-1975 erarbeiten zu lassen. "Profitopolis" ist dort im Literaturverzeichnis genannt, aber ohne Autor.  

Dr. Gudrun Escher ist freie Journalistin in Mülheim/Ruhr.  

Literaturtipps:
Josef Lehmbruck und Wend Fischer: "Profitopolis oder: Der Mensch braucht eine andere Stadt". Begleitbuch zur Ausstellung. Neue Sammlung. München 1978.
Rolf Lange: "Architektur und Städtebau der sechziger Jahre". Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz 65, Bonn 2003.

Autor: Gudrun Escher