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Peter Grund (1892 - 1966): Gerühmt - vergessen - neu entdeckt

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    Stringente Linien der Moderne: Industrie- und Handelskammer in Dortmund von 1928

  • Foto: dreistöckiger Kubus der Industrie- und Handelskammer Dortmund

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    Foto: dreistöckiger Kubus der Industrie- und Handelskammer Dortmund

In den zehn Jahren seiner Tätigkeit im Büro Pinno und Grund in Dortmund hat Peter Grund nicht nur stadtbildprägende Bauten wie 1929 die erste deutsche Stahlbetonkirche St. Nikolai entworfen, sondern auch an zahlreichen Wettbewerben bis nach Berlin erfolgreich teilgenommen und sich durch Publikationen einen Namen gemacht. Geboren in Pfungstadt bei Darmstadt hatte er die dortige Landesbaugewerkschule besucht, an der er anschließend 1919 - 22 einen Lehrauftrag erhielt. Damals bereits arbeitete er mit dem Architekten Karl Pinno zusammen, der sich als Repräsentant des Berliner Büros Kaiser & von Großhahn in Dortmund niedergelassen hatte. 1923 wechselte auch Grund nach Dortmund und blieb dort bis zu seiner Berufung an die Kunstakademie Düsseldorf 1933, wo er 1934 bis 1938 als erster Architekt auch den Posten des Direktors bekleidete. - Ein Beitrag in unserer Reihe „Retrospektive - Einflussreiche Architekten in NRW“.

Ob die Berufung von Peter Grund an die Kunstakademie mit seiner frühen Mitgliedschaft in der NSDAP in Verbindung stand, ist bislang ungewiss. Sein Nachfolger wurde Emil Fahrenkamp. Zunächst hatte Peter Grund als Referent der NSDAP für Städtebau die künstlerische Oberleitung der Düsseldorfer Ausstellung „Schaffendes Volk“ inne, einschließlich der Planung und teilweisen Ausführung der Siedlung Schlageterstadt, wo er auch für sich selbst ein Wohnhaus baute. Grund geriet dann aber ins Visier der Machthaber wegen des Bemühens, den zwangsweise aufgelösten Bund Deutscher Architekten wiederzubeleben. Man versetzte ihn in den vorzeitigen Ruhestand, gestattete ihm jedoch, weiter als freier Architekt in Düsseldorf zu arbeiten. Nachdem sein Büro Silvester 1942 ausgebombt worden war, kehrte Grund in die hessische Heimat zurück. Einfluss auf den Städtebau im Nachkriegsdeutschland gewann er dort als Oberbaudirektor von Darmstadt in den Jahren 1947 - 1959. Seinen Generalplan für den Wiederaufbau Darmstadts, der den historischen Stadtkern neu überformte, genehmigten die Behörden als ersten Bauleitplan 1949. Neben dem Engagement für die „Darmstädter Gespräche“, die 1952 mit der Ausstellung „Mensch und Raum“ begannen und für die bundesrepublikanische Neuausrichtung große Bedeutung erlangten, betrieb er als freier Architekt Neubauprojekte: So das an der amerikanischen Moderne ausgerichtete Darmstädter Stadthaus (1951 - 62), das „Kennedyhaus“ (1946 - 49) mit traditioneller Natursteinfassade in strenger Geometrie sowie Schulen, in Frankfurt am Main den „Kaufhof“ mit einer ganz in Glas aufgelösten Fassade und Verwaltungen für Degussa und Bayer AG. Auch nahm er den Kontakt nach Westfalen wieder auf, wo er 1946 zum Mitglied des Amtes für Kirchenbau und Kirchenkunst berufen wurde und zum Beispiel das evangelische Kirchenzentrum in Bottrop entwarf. In Dortmund beteiligte er sich 1950 bzw. 1952 an den prominenten Wettbewerben für die Neubauten der Westfalenhalle und den Bahnhofsvorplatz, wo er zwar erste Preise erzielte, aber nicht zum Zuge kam. Das Bahnhofsgebäude errichtete die Deutschen Bundesbahn in eigener Regie, die Westfalenhalle Walter Höltje. Peter Grund verstarb 1966 in Darmstadt. Zieht man in Betracht, dass die Dortmunder Nicolaikirche in ihrer strukturellen wie bautechnischen Ausprägung zu den richtunggebenden Bauten der Zeit zählt, ist es um so erstaunlicher, dass andere Entwürfe, wie für Verwaltung und Betriebshof der Dortmunder Straßenbahn (errichtet 1925 - 26) so unbekannt blieben, dass das allein erhaltene Verwaltungsgebäude noch vor vier Jahren sang- und klanglos abgerissen werden konnte. Es zeugte in den typischen Formen des Backsteinexpressionismus bis in Details gerundet vorspringender Ecklösungen und spitzwinkliger Arkadenbögen von der Verwandtschaft mit Edmund Körner sowie Josef Franke, dessen gleichzeitig gebautes Depot der Bogestra in Gelsenkirchen sorgsam gepflegt wird. Im Unterschied zu dieser älteren Architektengeneration wandte sich Grund bald danach den stringenten Linien der Moderne zu, wovon noch der dreigeschossige Kubus der Industrie- und Handelskammer in Dortmund von 1928 zeugt. Ein anderer Schwerpunkt seiner Arbeit waren Wohnhäuser für wohlhabende Bauherren in der sogenannten Dortmunder Gartenstadt seitab des östlichen Westfalendamms ab 1927. In diesem Zusammenhang dürfte die Vernetzung des Architekten in den Kreisen der Industrie Früchte getragen haben. Der Lehrstuhl für Baugeschichte der Fachhochschule Dortmund widmet sich insbesondere jenen Architekten, die wie Peter Grund von Dortmund aus besondere Bedeutung erlangt haben. Von zeitgenössischen Fachartikeln und einer schmalen Monografie durch Grunds Freund Paul Girkon 1952 abgesehen erwies sich die Quellenlage in diesem Fall als äußerst dürftig, denn der Nachlass in Darmstadt war zunächst nicht zugänglich. Recherchen von Dagmar Spielmann Deisenroth, die über ihre Diplomarbeit hinaus das Thema weiter verfolgte, ist es zu danken, dass inzwischen ein Teil im Stadtarchiv Darmstadt gesichert werden konnte und ein kleineres Konvolut disparater Mappen und Pläne in die FH Dortmund gelangte. Darunter befinden sich nicht nur eigenhändige Unterlagen zu Wettbewerben wie 1954 für die Erweiterung der Dortmunder Industrie- und Handelskammer und etwa 200 Planzeichnungen, sondern auch fünfzig Handzeichnungen von Plätzen in Europa, ein einzigartiger Fundus für den gelernten Bautechniker und Stadtplaner aus Leidenschaft. Eine grundlegende Ausstellung, die das Darmstädter und Dortmunder Material zusammen führen würde, könnte über das Wirken Peter Grunds hinaus Aufschlüsse liefern zu den wechselnden wirtschaftlichen wie politischen Bedingungen, unter denen Architektur entsteht. Noch fehlt jedoch die Finanzierung des Vorhabens.

Nicolaikirche in Dortmund von Karl Pinno und Peter Grund auf baukunst-nrw

Autor: Gudrun Escher