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Werner Ruhnau (1922-2015): Wirken für die Gemeinschaft zum 90. Geburtstag

  • Jürgen Höfer, Jasmina Moll und Werner Ruhnau (r.) mit dem Modell der Werkbund-siedlung in Oberhausen

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    Jürgen Höfer, Jasmina Moll und Werner Ruhnau (r.) mit dem Modell der Werkbund-siedlung in Oberhausen

Der Architekt Werner Ruhnau wird mit dem Musiktheater in Gelsenkirchen, mit der Spielstraße der Olympiade in München oder dem Großraumbüro für Herta in Herten in Verbindung gebracht. Sein 90. Geburtstag am 11. April ist Anlass genug, den Menschen hinter seinem Werk näher kennen zu lernen. - Ein Interview.

Dem Sohn eines Brennstoffhändlers in Königsberg war die Architektur nicht in die Wiege gelegt. Was hat den jungen Werner Ruhnau interessiert?
Werner Ruhnau: Meine Mutter war Malerin, oft habe ich ihr im Atelier geholfen, auch selbst gezeichnet und modelliert – und Schiffe gebaut. Ich wuchs auf in einem weltoffenen, liberalen Elternhaus. Das hat mich auf die vielfältigen Impulse der Studienzeit vorbereitet, zunächst die traditionell handwerkliche vor dem Krieg in Danzig und später die Begegnung mit der klassischen Moderne in Braunschweig und vor allem Karlsruhe.

Bei vielen Ihrer Projekte nimmt das Zusammenspiel von Architektur und Kunst einen zentralen Stellenwert ein. Ist Kunst religio mit anderen Mitteln?
Das bei jedem Bau wirksam werdende Zusammenspiel zwischen Architekten und  technischen Sonderfachleuten habe ich mit den „Sonderfachleuten für Ästhetik“ ergänzt. Das war in jeder mittelalterlichen Bauhütte so. Übersetzt in die Moderne ist mir das beim Musiktheater in Gelsenkirchen am besten geglückt und bei der „Olympischen Spielstraße“ in München. Jedes Kunstwerk ist das Ergebnis von schöpferischer Tätigkeit, so kommt das Unerklärbare, das Heilige ins Spiel. Aber Kunst ist an keine Glaubensrichtung gebunden.

Gemeinschaft scheint mir ein Schlüsselbegriff in Ihrer Arbeit zu sein: als Gemeinschaft am Werk und das Wirken für eine Gemeinschaft.
Auch für jeden Solisten gibt es das Miteinander mit seiner Leinwand, den Farben, dem Stein oder dem Musikinstrument. Bei Architekten kommen Bauplatz, Bauaufgabe usw. hinzu. Für alle Mitspieler in der Theaterbauhütte in Gelsenkirchen galt die Losung: „Urheberansprüche sind an der Garderobe abzugeben, und alles wird so gedacht, dass es mit den Leuten an der Baustelle und den vorhandenen Baumaterialien ins Werk gesetzt werden kann.“ Den kreativen Prozess auf der Theaterbaustelle wollten wir in die Stadt weiter tragen: Die Stadt war das Kunstwerk, und alle Bürger waren die Mitgestalter, Mitspieler.

Gehört der Deutsche Werkbund für Sie zu diesem Gemeinschaftsbegriff?
Ja unbedingt! Werkbund bedeutet sich zu verbünden für zeitgenössische Werktreue wie es zuletzt Otto Schulte tat, der auf mich zukam mit der Idee zur Realisierung einer Werkbundsiedlung in Oberhausen mit Baugruppen; Selbsthilfe hier verstanden als Mit- und Zusammenspiel aller Beteiligten. Auch Hans Schwippert war Werkbundmann und prämierte als Juror meine Idee, das Münstersche Zuschauerhaus für Gelsenkirchen in einen riesigen Glaskubus zu setzen, um damit die Freiräume zwischen Georgskirche, Altstadtkirche und Hans-Sachs-Haus zu beleben: Theater quasi als „ästhetischen Kirche“.

Wie verhält sich Gemeinschaft zum authentischen Werk, für das Sie gerade im Zusammenhang mit Gelsenkirchen eintreten?
Der städtebauliche Entwurf kam von mir; das Werk wurde gesteuert von den Mitgliedern der Bauhütte, die direkt neben der Baustelle lag. Der § 8 des Urheberrechtsgesetzes lautet: „Haben Mehrere ein Werk gemeinsam geschaffen, ohne dass sich ihre Anteile gesondert verwerten lassen, so sind sie Miturheber des Werkes.“ In diesem Sinne wurde Miturheberschaft z. B. aus der Zusammenarbeit zwischen Paul Dierkes, Yves Klein und mir. Paul Dierkes empfahl für die Wandreliefs das modellier-freundlichere Ziegeldrahtgewebe und Rotbandputz für dessen Überzug. Schließlich ersetzten Ernst Oberhoff und ich Yves Kleins unbrauchbares IKB durch das berühmt gewordene „Gelsenkirchener Blau“, mit dem dann alle Wand- und Schwammreliefs vom Malermeister Graafmann beschichtet wurden. Also bin ich Miturheber der Schwamm- und Wandreliefs.

Was soll Architektur? das fragte der BDA vor kurzem bei einer Tagung in Berlin. Welche Antwort würde Werner Ruhnau geben?
Bauen heißt für mich „als Sterbliche wohnen“. Architektur soll den schöpferischen Akt des Bauens bewusst halten.

Objekte von Werner Ruhnau auf baukunst-nrw:
Ehemalige Landwirtschaftskammer in Münster
Stadttheater in Münster
Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen
Verwaltungsgebäude in Herten

Autor: Dr. Gudrun Escher