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Bauen mit Stahl fasziniert Architekten

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    (v. l.): Kerstin Hermes (Mod.), Borja Ferrater, Hans Jürgen Kerkhoff (Präsident Wirtschaftsvereinigung Stahl), Prof. Mike Schlaich, Michael Arns, Ina Scharrenbach (NRW-Heimat- und Bauministerin), Gerhard Wittfeld, Caroline Nagel und Joris Pauwels – Fotos: Thilo Saltmann

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    Mit 800 Teilnehmern war der große Saal der Messe Essen erneut vollständig gefüllt.

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    Freie Formen auf die Spitze getrieben: Zu den spektakulärsten Bauwerken, die auf dem Kongress gezeigt wurden, gehörte das „Port House“ in Antwerpen von Zaha Hadid Architects.

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    Architektur für zeitgemäße Mobilität - Infrastrukturprojekte mit Stahl waren das Thema von Joost Vos (Benthem Crouwel Architects, Amsterdam)

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    Borja Ferrater (Carlos Ferrater Partnership OAB, Barcelona) führte aus wie in der Verbindung von konstruktiver Logik und harmonischer Gestaltung ein urbaner Stahlbau mit mediterranem Flair entstehen kann.

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    "Bauen mit Stahl ermöglicht freie Formen und ausdrucksstarke, skulptural anmutende Bauten", zeigte Anna Zora mit Projekten von FUKSAS aus Rom.

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    Brücken als Königsdisziplin des Ingenieurbaus und als Highlight auch für Architekten thematisierte Bartlomiej Halaczek.

Es war der Auftakt zu den neuen „Baufachtagen West“, und es war ein fulminanter: Der internationale Architekturkongress „Neues Bauen mit Stahl“, den die Architektenkammer Nordrhein-Westfalen, die Wirtschaftsvereinigung Stahl und der Industrieverband Feuerverzinken erneut gemeinsam ausrichteten, lockte mehr als 800 Architekten, Ingenieure, Projektentwickler und Stadtplaner nach Essen. Präsentiert wurden aktuelle Architekturprojekte mit energieeffizienten und wirtschaftlichen Trag- und Fassadenstrukturen aus Stahl im urbanen Kontext. Die international erfolgreichen Büros berichteten von neuen Gewerbe- und Wohnimmobilien, über beeindruckende öffentliche Gebäude sowie kreative Geschossbauten für unterschiedliche Nutzungen. Die Referenten faszinierten das Publikum außerdem mit architektonisch anspruchsvollen Bauwerken der Verkehrsinfrastruktur als unabdingbare Voraussetzung für prosperierendes Leben und Arbeiten im städtischen Umfeld.

Dass Stahl als nachhaltiger, wiederverwertbarer Baustoff aus der modernen Architektur kaum wegzudenken ist, zog sich wie ein roter Faden durch die Vorträge und Gespräche des Kongresses. Michael Arns, Vizepräsident der Architektenkammer NRW, sah vor allem die Herausforderung, unsere Städte im Wohnungsbau nachzuverdichten. Hier könne Stahl einen wesentlichen Beitrag leisten. Auch NRW-Bauministerin Ina Scharrenbach, die mit ihrer Rede die „Baufachtage West“ im Rahmen des Kongresses eröffnete, bekräftigte die große Bedeutung des Stahls für die Identität des Landes Nordrhein-Westfalen. Scharrenbach versprach, das Planen und Bauen mit der neuen nordrhein-westfälischen Landesbauordnung zu vereinfachen. „Für die Baukultur müssen Sie aber sorgen“, ermutigte Scharrenbach die anwesenden Architekten und Planer, „die kann ich nicht verordnen“.

Die Referenten des Kongresses wiesen aber in ihren theoretischen Ansätzen und vorgestellten Beispielen eindrucksvoll nach, dass Architektinnen und Architekten immer wieder mit innovativen Planungskonzepten, dem kreativen Einsatz von Material und unter Teambildung mit ihren Partnern am Bau heute Gebäude realisieren können, die ebenso nachhaltig wie bisweilen spektakulär sind.

Architektur-Kommunikation

Den Auftakt machte Gerhard Wittfeld (kadawittfeldarchitekten, Aachen/Berlin). Er zeigte drei Bauwerke, die Architektur als Medium der Kommunikation begreifen: das Kraftwerk Lausward in Düsseldorf, das als Landmarke ein weithin sichtbares Zeichen setzt; der Hauptbahnhof in Salzburg, der Stadtteile verbindet und den Menschen Begegnung ermöglicht; und den Neubau der RAG auf Zollverein, der Ende 2017 fertiggestellt wurde und der Deutschlands „erstes echtes cradle-to-cradle-Bauwerk ist“, so Gerhard Wittfeld.

„Uns ist wichtig, dass unsere Bauten Kommunikation ermöglichen und anregen“, betonte der Aachener Architekt. „Und wir glauben, dass wir Architekten auch selber unsere Planungsansätze kontinuierlich der Öffentlichkeit vermitteln müssen.“

Auf den menschlichen Austausch hob auch Caroline Nagel von COBE aus Kopenhagen ab. Die am Niederrhein geborene Architektin stellte neue Bauten vor, die unter dem Einsatz von Stahl entstanden sind und die Menschen zusammenführen sollen - etwa das Danish Rock Museum in Roskilde, die neue Adidas-Zentrale in Herzogenaurach, die sich noch im Bau befindet, oder den Kindergarten Fredriksvej in Kopenhagen, der wie ein kleines Dorf strukturiert wurde. Fasziniert zeigten sich die Zuhörer auch von dem Projekt The Silo am Kopenhagener Kornhafen. Hier nutzten die Architekten einen Getreidespeicher um in ein modernes Wohnhaus - in dem heute die teuersten Apartments von ganz Dänemark zu finden sind. Markant ist hier vor allem die Fassade aus feuerverzinktem Stahl.

Dächer und Brücken aus Stahl

Auf die konstruktiven Stärken des Stahls im Bereich der Dachgestaltung ging Prof. Mike Schlaich ein. Er stellte „aufgelöste Stahltragwerke“ vor, die „leichter und effizienter Baukultur schaffen“, so Schlaich. Seine Projektbeispiele (etwa das neue Suzhou Center in China oder die Schierker Feuerstein Arena im Harz) belegten, warum das Büro schlaich bergermann partner (Stuttgart/Berlin) für seine Leichttragwerke als Membran-, Seilnetz- und Gitternetzkonstruktionen in Stahl für Dächer und Fassaden weltweit einen exzellenten Ruf genießt.

„Brücken sind die Königsdisziplin des Ingenieurbaus - und auch für uns Architekten ein Highlight.“ Diese Aussage von Bartlomiej Halaczek konnten die Zuhörer in Essen schnell nachvollziehen, als der Architekt aus dem britischen Büro Knight Architects einige aktuelle Projekte vorstellte. „Wir bemühen uns um eine hohe Qualität des Alltäglichen, um das beautiful ordinary“, betonte Halaczek. Architektur habe ganz allgemein eine dienende Funktion - dies werde bei Brückenbauwerken besonders deutlich.

Projekte wie die Kienlesbergbrücke in Ulm, eine Klappbrücke in Neuseeland und die neue „Merchant Square Footbridge“ in London lieferten eindrucksvolle Belege. In Nordrhein-Westfalen wurden Knight Architects durch den Neubau der Campusbrücke in der Neuen Bahnstadt Leverkusen bekannt, die als Ergebnis eines Wettbewerbs entstand.

Spektakuläre Großskulpturen

„Dynamische Stadtarchitektur - Spektakuläre Großbauten mit Stahl“ präsentierte Joris Pauwels von Zaha Hadid Architects (London). Das Werk der 2016 verstorbenen britisch-iranischen Architektin Zaha Hadid ist durch großzügige architektonische Gesten und freie Formen gekennzeichnet. Unter den jüngeren Bauten des Büros sind unter anderem das Schwimmstadion für die Olympischen Spiele 2012 in London, das Opernhaus in Guangshou und das Nationalmuseum für moderne Kunst Maxxi in Rom.

Auch in Deutschland errichtete Hadid markante Bauten wie das Zentralgebäude der BMW-Werke in Leipzig. Joris Pauwels konzentrierte sich vor allem auf das bisher letzte Bauwerk des Büros, das spektakuläre Hafenhaus (Port House) in Antwerpen. Hier scheint ein in Stahlkonstruktion ausgeführter Neubau über einem historischen Hafengebäude zu schweben.

„Architecture for modern mobility” zeigte Joost Vos von Benthem Crouwel Architects (Amsterdam). Das 1978 in Amsterdam gegründete Büro bearbeitet neben Kultur-, Bildungs- und Einzelhandelsobjekten sowie Projekten des Wohnungsbaus auch zahlreiche infrastrukturelle Großprojekte wie die Neubauten der Hauptbahnhöfe Amsterdam, Den Haag, Utrecht und Rotterdam sowie Stationen der neuen Amsterdamer U-Bahn.

„Wir arbeiten immer innerhalb des vorgegebenen Budgets“, unterstrich Joost Vos. Das Arbeiten mit Stahlkonstruktionen habe sich bei den Bahnhofsprojekten dabei bewährt, da es auch Improvisationen ermögliche. Der Bahnhof Rotterdam Centraal, heute ein ikonografisches Bauwerk für die Stadt, weise etwa in der Dachkonstruktion ein Stahlskelett auf, das um eine „einfache Glasgewächshaus-Konstruktion“ ergänzt wurde.

Die freie Form als Konzept

Das Bauen mit Stahl ermöglicht freie Formen und ausdrucksstarke, skulptural anmutende Bauten. Davon zeigte sich Anna Zora vom Büro FUKSAS aus Rom überzeugt. Massimiliano und Doriana Fuksas haben in den vergangenen 40 Jahren ein vielseitiges Werk geschaffen, dessen Aufgabenspektrum von städtebaulichen Projekten über Flughäfen, Museen und andere Kulturbauten bis hin zu Kongresszentren, Bürogebäuden und Designkollektionen reicht. Insgesamt kann das Studio FUKSAS auf 600 Projekte und auf zahlreiche internationale Auszeichnungen verweisen.

„Jedes unserer Gebäude entsteht aus einem eigenen Entwurfsgedanken, so dass unsere Bauten keine markante Handschrift aufweisen“, erläuterte Anna Zora. Ob das Kongresszentrum EUR in Rom, das neue französische Nationalarchiv in Paris und das Musiktheater mit Ausstellungshalle in Tiflis: „Jedes Projekt sucht einen Ausgleich zwischen strukturellen Notwendigkeiten und architektonischem Ausdruck.“ Die Architektin stellte auch die Planungen für den Shenzen Airport vor, dessen Entwurfsmotiv eines Vogels zu großen, stützenfreien Flügelbauten geführt habe.

An Architect‘s love story

„Urbaner Stahlbau mit mediterranem Flair“ lautete der Titel des Vortrags von Borja Ferrater (Carlos Ferrater Partnership OAB, Barcelona). Das umfangreiche Werk und die jahrzehntelange Erfahrung von Carlos Ferrater und die Motivation eines jungen, hochqualifizierten Büroteams ermöglichten OAB während des letzten Jahrzehnts die Akquisition einer großen Zahl von Projekten in Spanien, Nordafrika, Frankreich und anderen Ländern.

Wie Borja Ferrater, der Sohn des Bürogründers, erläuterte, beruht der Erfolg der Arbeit von Ferrater-Architekten auf der Kooperation mit Kollegen und verwandten Disziplinen. Die Zusammenarbeit von Architekten und Tragwerksplanern etwa müsse in jedem Projekt eine „love story“ sein.

Mit dieser Grundhaltung arbeitet das nur 25 Personen zählende Büro in Barcelona an Projekten wie der „Intermodal Station Zaragoza“, einem kombinierten Bus- und Fernbahnhof mit 120 000 m2 Fläche, oder aktuell an einem Museumsbau für die kasachische Metropole Almaty. Aber auch die Neugestaltung der Promenade Benidorm und die Roca Barcelona Gallery ernteten viel Lob von Kritikern und Publikum. In vielen Projekten von Ferrater-Architekten würden die Vorzüge des Materials Stahl (wie gute Vorfertigungsmöglichkeit und schnelle Montage) konsequent genutzt und auch in der baulichen Gestaltung zum Ausdruck gebracht, so Borja Ferrater.

Die Vorträge des Internationalen Architektenkongresses waren nicht nur interessante Werkberichte, sondern zeigen auch detailreich die Planungsansätze und Philosophien der international erfolgreichen Büros. Mit besonderem Applaus bedachten die 800 Kongressteilnehmer einschließlich aller Referentinnen und Referenten die Schlussworte von Dr. Reinhard Winkelgrund (Wirtschaftsvereinigung Stahl). Nicht allein, weil es ihm gelang, die vielfältigen Impulse und Erkenntnisse des Tages in pointierten Worten zusammenzufassen, sondern auch, weil sich Dr. Winkelgrund verabschiedete: Nach neun erfolgreichen Kongressen geht der geistige Vater des Internationalen Architekturkongresses „Bauen mit Stahl“ demnächst - wie Moderatorin Kerstin Hermes (rbb-Rundfunkmoderatorin) verriet - „in den wohlverdienten Ruhestand“.

Weitere Informationen

Bauwerke mit Stahl, die begeistern (Stahl-Online vom 17.01.2018)
Internationaler Architekturkongress (Video)

Autor: Christof Rose