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Bethanien-Kinderdorf wird 50: Ein dörflicher Prototyp für Kinder

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    Bethanien: Geschlossener Charakter bei Kleinteiligkeit der Anlage. Foto: Frank Maier-Solgk

Das Kinderdorf Bethanien in Bergisch Gladbach, das Gottfried Böhm teils in charakteristischer Betonherrlichkeit, teils in Backsteinbauweise entwarf, ist die moderne Adaption einer dörflichen Keimzelle. Heute bietet das Dorf insgesamt 117 Kindern und Jugendlichen aus zerrütteten Elternhäusern eine Heimat.

Ein richtiges Dorf ist es, räumlich betrachtet sogar fast ein dörflicher Prototyp. Den Nucleus bildet ein ovaler Platz mit Kirche in der Mitte, welcher von teils ringförmig, teils locker gruppierten Häusern (für die zentralen Funktionen) eingefasst wird. Außen schließen Wiesenflächen (der Dorfanger) an, und jenseits davon verläuft parallel zu einem schlaufenförmig verlaufenden Fußweg ein zweiter Gebäudering aus zweigeschossigen Wohnhäusern,die durch eine Backsteinmauer miteinander verbunden sind. Das Kinderdorf Bethanien in Bergisch Gladbach, das Gottfried Böhm teils in charakteristischer Betonherrlichkeit, teils in Backsteinbauweise entwarf, ist die moderne Adaption einer dörflichen Keimzelle.

1963 hatten die Dominikanerinnen des Bethanien-Ordens hier auf einer Bergwerks-Brache im Königswalder Forst den Wettbewerb für ihr drittes deutsches Kinderdorf ausgeschrieben, einer Idee folgend, die ursprünglich für Kriegswaisen gedacht war. Fünf Jahre später wurde das Dorf bezogen, das seitdem baulich mehr oder weniger unverändert und seit 2011 denkmalgeschützt, inzwischen mit erweitertem Wohn und Therapieangeboten (z. B. heilpädagogische Tagesgruppen) seine Zwecke offenbar bestens erfüllt: Heute bietet das Dorf insgesamt 117 Kindern und Jugendlichen aus zerrütteten Elternhäusern eine Heimat.

Gottfried Böhm wäre nicht der berühmte Architekt, der in seiner Laufbahn mehr als 60 Kirchenbauten entworfen oder erneuert hat,wenn er nicht auch in diesem Wohnkomplex einem Sakralbau eine einprägsame, skulptural wirkende Form verliehen hätte. Vergleichbar der zeitgleich errichteten berühmten Wallfahrtskirche Maria von Neviges(wenn auch wesentlich kleiner), erhebt sich auch hier ein gefalteter Zentralbau aus Sichtbeton zu einem (später mit Blei gedeckten) steilen Giebel abschluss. Ein Kirchturm ist seitlich integriert, während ein Gang die erhöht gelegene Verbindung zu den benachbarten Gebäuden herstellt.

Der nahezu symmetrische Kirchenraum spielt vor allem die Ästhetik des Betons aus, wirkt gleichwohl nicht unterkühlt, sondern wird durch einzelne stark farbige, nach Entwürfen von Böhm gestaltete Fenster in fast mystisch wirkendes Licht gehüllt. Über die skulpturale Kraft dieses Kirchenbaus und die intendierte spirituelle Wirkung, die auch Ausdruck des Zeitgeistes ist, besteht kein Zweifel. Dennoch zeichnet sich das Kinderdorf vielleicht noch stärker durch sein Raumgefüge aus, das an den sozialen Bedürfnissen seiner kleinen und größeren Bewohner ausgerichtet ist, differenzierte Freiräume schafft und auch den heute oft beklagten Übergang zwischen öffentlichem und privatem Bereich mit Sensibilität inszeniert.

Vom geschwungenen Weg am Rande der Wiesen führen kleine Stege über einen eigens angelegten Wasserlauf zu den Wohnhäusern,deren Eingangstore durch Sichtbetonelemente wie Wasserspeier, in denen zur Beleuchtung der Eingangssituationen Leuchtröhren angebracht sind, betont werden. Hinter der Mauer liegen Höfe als geschützte und private Spielräume für die Kinder. Ganz im Gegensatz zu den rationalistischen Mustern der Zeit findet sich kein vereinheitlichendes Raster, nirgendwo die lange Gerade, stattdessen geschwungene Formen und eine räumliche Ordnung, die Individualität und Gemeinschaft verbindet.

Die Wohnhäuser selbst sind, bei gleichem Grundriss, individuell ausgestattet und bieten Platz für etwa acht Personen. Den Kern bilden sechs sogenannte Kinderfamilien, die von einer Heimmutter oder einem Ehepaar betreut werden. Zu Kindergarten und Schule werden die Kinder mit dem Auto gebracht und abgeholt.

Dass die Nachfrage, wie der Leiter des Dorfes Martin Kammer betont, unverändert hoch ist und die Anzahl der Plätze übersteigt, verwundert nicht. Kürzlich hat man mithilfe staatlicher Zuschüsse damit begonnen, mit neuen Fenstern den Energieverbrauch zu senken. Und von noch etwas weiß der Hausherr zu berichten:Von der persönlichen Affinität Gottfried Böhms zum Ort, der bei manchen privaten Anlässen zum Feiern in Bethanien gewesen sei.

Autor: Dr. Frank Maier-Solgk