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Halden 2020

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    Die Halde Haniel in Bottrop ist mit 159 m Höhe eine der höchsten Halden des Ruhrgebiets. - Foto: Thomas Robbin

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    Schuttpyramide auf der Halde Rungenberg in Gelsenkirchen mit Lichtinstallation - Foto: Thomas Robbin

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    Luftaufnahme der Halde Mottbruch in Gladbeck/Scholven - Foto: Thomas Robbin

Strukturwandel bedeutet – besonders im Ruhrgebiet – das Bohren ziemlich dicker Bretter. Was Karl Ganser in den 1980er Jahren zwischen Duisburg und Dortmund mit der IBA Emscher Park einleitete, ist ein bis heute anhaltender Prozess mit großen Schleifen. Hunderte Einzelmaßnahmen zur Gestaltung und Erneuerung des Reviers erfolgten zu IBA-Zeiten, ein neuer regionaler Planungsansatz kam zum Tragen und der damaligen inhaltlichen Ausrichtung kann man aus heutiger Sicht wohl nachhaltigen Erfolg bescheinigen: Die Stichworte lauten „Industriekultur“ und „Industrienatur“ - damals neue Facetten eines postindustriellen Landschaftsbegriffs, der dem Revier eine neue Identität gab, besser gesagt, zu entwickeln aufgegeben hat. Aktuell, nach der endgültigen Einstellung der Steinkohleförderung zum Jahreswechsel 2018/19, geht es in eine neue Runde des Wandels. Und wieder stehen, wie vor 30 Jahren, an der Spitze der Erneuerung (im wörtlichen Sinn) die Halden, jene Aufschüttungen aus dem Bergematerial, die der Metropole Ruhr ein landschaftliches Profil verliehen haben und schon allein deshalb wichtig sind, weil sie als topografische Merkmale dem Auge Halt bieten in einer dispers besiedelten Stadt-Landschaft, deren Unübersichtlichkeit schon oft beschrieben wurde.

Der klassische Typus sind die wie Tafelberge oben abgeflachte Halden; aber es gibt auch steile Varianten, bewaldete Halden, Geröllhalden, doppelköpfige Halden und solche mit vulkanischem Anstrich. Der Variationen sind mindestens so viele wie in einem deutschen Mittelgebirge. (Die Spitze nimmt mit 201 Metern über dem Meeresspiegel und 137 Meter Höhe über der Umgebung übrigens die Halde Scholven zwischen Gladbeck und Gelsenkirchen ein.)

Im Juni nun hat der Regionalverband Ruhr (RVR), dem bislang schon 37 Halden gehörten, die Übernahme von nicht weniger als 23 weiteren Halden aus dem Besitz der RAG beschlossen.
Der eingeleitete Besitzwechsel ist ein gutes Signal für den anstehenden Aufbruch, und zum passenden Zeitpunkt kommt er ohnehin. Denn im Mai 2020 hätte, wäre nicht Corona gewesen, eigentlich gefeiert werden können. Da wurde der RVR, der älteste Siedlungsverband Deutschlands, 100 Jahre alt. Getreu seinem 100-jährigen Auftrag, sich um den Erhalt von unverzichtbaren Grün- und Freiflächen zu kümmern, sind in den letzten Jahren Vorbereitungen getroffen worden, die zu einer besseren Erschließung und Erneuerung der Halden führen sollen. Insgesamt geht es um eine Fläche von 1.149 Hektar. In einem ersten Schritt kommen neun Halden in die Verantwortung des RVR. Jedenfalls ist mit den knapp 60 Halden, die der RVR nun insgesamt besitzt, eine kritische Masse erreicht, die es erlaubt, damit gesamtheitlich umzugehen.

Die Aufgaben sind durchaus anspruchsvoll. Der Zustand der Halden ist kaum irgendwo perfekt; viele Wege müssten verbessert werden; auch die landschaftsarchitektonische Gestaltung vor allem am Fuß der Halden und ihre Einbettung in die Umgebung erscheinen ausbaufähig. Die herbe Schönheit der Haldenlandschaft könnte an vielen Stellen besser in Szene gesetzt - und damit auch mehr Menschen nahe gebracht werden.

Rahmen-Nutzungskonzept
Als Basis für die Weitentwicklung hat der RVR von den Landschaftsarchitekten der LAND GmbH in Düsseldorf (in Kooperation mit GseProjekte, Büro für Regionalentwicklung) ein Rahmen-Nutzungskonzept erarbeiten lassen, das eine Bestandsanalyse der neuen Haldenareale liefert und die Potenziale im Einzelnen aufzeigt. Maßgeblich war jeweils die Erschließung der Halden, der Charakter des unmittelbaren Umfelds, Verkehrsanbindungen, Parkplatzsituationen; es entstand ein Katalog, der eine Kategorisierung erlaubte. Unterschieden wurde zwischen Halden, die eher als naturnahe Erholungslandschaften geeignet sind, und solchen, die für einen intensiveren Ausbau der touristischen Angebote in Frage kommen, wofür dann höhere Investitionen angesetzt werden. Zu letzteren gehören die Halden Kohlenhuck in Moers, Haniel (Bottrop) und Lohberg Nord (Dinslaken), Mottbruch in Gladbeck/Scholven und Rungenberg in Gelsenkirchen, Haus Aden 2 in Bergkamen, Brinkfortsheide in Marl und Humbert in Hamm. Drei der Halden - Lohberg Nord, Scholven und Rungenberg - sollen als neue Landmarken des Reviers in ihrer Fernwirkung ausgebaut werden.

Halden-Hütten
Genau 50,4 Mio. Euro Investitionssumme haben die RVR-Experten für alle wünschenswerten Maßnahmen einschließlich Pflege rund um die Haldenerneuerung angesetzt. Woher die im Einzelnen kommen, ist allerdings die Preisfrage. Nina Frense, für den Bereich Umwelt und Grüne Infrastruktur beim RVR verantwortlich, setzt in dieser Hinsicht auf touristische Förderprogramme des Landes und europäische Mittel zur Weiterentwicklung grüner Infrastrukturen. „Im Gegensatz zu früheren Haldenübernahmen konnten wir in den dreijährigen Verhandlungen erreichen, dass sich die RAG an den Pflegefolgekosten mit rund elf Millionen Euro beteiligt.“ Das Nutzungskonzept sei erst einmal eine wichtige Grundlage, die man mit den Kommunen weiter entwickeln könne, „denn es gab und gibt viele Nutzungsanfragen von den verschiedensten gesellschaftlichen Gruppen, die wir nun beantworten können,“ sagt Stadtplanerin und Projektleiterin Regina Mann.

Daneben spielen Aspekte wie die Sichtbarkeit der Landmarken nach wie vor eine Rolle - was zum Beispiel bedeuten kann, dass man Anlagen der erneuerbaren Energien wie Windkraft und Photovoltaik durch Pflanzungen oder Beleuchtung inszeniert. Frense sieht neben dem naturnahen Ausbau, wozu in Zeiten des Klimawandels auch teilweise Aufforstungen gehören können, vor allem beim touristischen Ausbau Perspektiven: „Warum sollte man nicht einmal darüber nachdenken, auf den Halden Formen einer mobilen Gastronomie auszuprobieren?“ Die Tradition der Landmarkenidee, wie sie in den 1980er und 1990er Jahren umgesetzt wurde, wird jedenfalls wohl nicht in der gleichen Weise fortgesetzt werden. Die Zeiten, als man mit Richard Serras Bramme auf der Schurenbachhalde einen tatsächlich überzeugenden künstlerischen Beitrag für die Identität des Reviers gewinnen konnte, sind vielleicht ohnehin vorbei. Gefragt sind heute nicht mehr die großen Gesten, sondern - auch darüber könne man nachdenken - landschaftsnahe Interventionen im Stile der frühen Land Art.  

Landschaftsarchitekt Andreas Kipar (Düsseldorf/Mailand), an dem Rahmen-Nutzungsplan maßgeblich mitbeteiligt, betont, dass die grüne Weiterentwicklung des Reviers heute stärker noch als früher von den Bedürfnissen der Menschen ausgehen muss: „Die grüne Infrastruktur, die resiliente Großstruktur des Reviers, die muss man zu den Menschen bringen, und das heißt auf die Halden bezogen, dass Erholung und Freizeit hier im Mittelpunkt stehen müssen.“ So wird es beispielsweise in einem Baukastensystem bei jeder Halde eine Art „Grundausstattung“ (Kipar) geben, zu der dann beispielsweise auch E-Bike-Ladestationen gehören werden. Ohne den Ausbau der sportlichen Nutzungsmöglichkeiten geht es heute nicht.

IGA-Perspektive
Viele Hoffnungen richten sich schon heute auf die IGA 2027, die die Entwicklung im nördlichen Ruhrgebiet für diese Dekade entscheidend beeinflussen kann. Bei der Integration der Halden in das dreistufige Konzept der IGA werden, so Horst Fischer, der beim RVR für Freiraumentwicklung und Landschaftsbau verantwortlich ist, aller Voraussicht nach die vier Halden Lohberg Nord, Haus Aden 2, Brinkfortsheide und das Haldencluster Mottbruch mit mehreren einzelnen Halden eine wichtige Rolle spielen. Konkrete Parkweiterentwicklungen wie im Umfeld der Halde Mottbruch, Konzepte für „Brückenschläge“ zwischen mehreren Halden und für grüne Verbindungswege in Siedlungsstrukturen hinein gibt es bereits.

Wenn man allen Verantwortlichen so zuhört, liegt die stadtnahe Mittelgebirgslandschaft mit Wanderwegen, Berghütten und Mountainbike-Tracks jedenfalls als Vision gleich hinter der nächsten Haldenkuppe.

Autor: Dr. Frank Maier-Solgk