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Inklusives Wohnen als Chance für die Quartiersentwicklung

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    Inklusive Nachbarschaft im Quartier: Illustrati-n des Beitrags von schultearchitekten aus Köln – Grafik: schultearchitekten, Köln

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    50er Jahre Siedlungen als neue Quartiere für inklusives Wohnen / Foto: Güldenberg Architektur, Gelsenkirchen

Mehr inklusive Wohnkonzepte können die Lebensqualität in Quartieren verbessern. Das ist das Ergebnis eines Forschungsprojektes der Stiftung Wohlfahrtspflege. Damit stellen inklusive Wohnkonzepte eine bisher nicht beachtete Chance für die Quartiersentwicklung dar, so die Erkenntnis. Konzepte für ein inklusives Wohnen bilden bei Wohnungsbauprojekten weiterhin eine Ausnahme. Ob und wie solche Vorhaben im Rahmen des üblichen Wohnungsbaus möglich sind, untersuchte der Forschungsauftrag der Stiftung Wohlfahrtspflege mit weiteren Partnern. Die entscheidende Erkenntnis aus mehreren Modellplanungen des Projektes „Wohnen-selbstbestimmt!“ ist, dass inklusive Wohnkonzepte im Rahmen des freifinanzierten und des geförderten Wohnungsbaus möglich sind; und dass sie die Lebensqualität in und die Infrastruktur von Quartieren verbessern können.

Die meisten Menschen wollen, unabhängig von ihrem Unterstützungsbedarf, selbstbestimmt und unabhängig wohnen. Sie möchten in einer normalen Wohnung leben. Einem Ort, den sie selber gestalten können, an dem sie sich sicher fühlen und Gäste empfangen können. Die Realität sieht allerdings anders aus. Menschen mit sozialen, physischen oder psychischen Behinderungen und insbesondere mit besonderem Unterstützungsbedarf leben in aller Regel in Wohnheimen, unabhängig davon, was sie sich wünschen. Zwar existieren in Nordrhein-Westfalen diverse kleinere Wohnprojekte, die den Weg vom Wohnheim hin zum „normalen“ Wohnen erprobt haben, doch bilden sie weiterhin die Ausnahme.

Unterstützt wird die Forderung nach einem selbstbestimmten Wohnen durch die UN-Behindertenrechtskonvention und das Bundesteilhabegesetz. Dies bedeutet, dass Menschen mit Behinderungen selbst entscheiden, wo und wie sie leben wollen. Es ist zudem durch Studien belegt, dass die Entscheidungsfreiheit bezüglich der eigenen Lebens- und Wohnbedingungen ein wesentliches Kriterium für die individuelle Lebenszufriedenheit ist. Hieraus ergeben sich neue Fragestellungen und Herausforderungen: Wie können Alternativen zum klassischen Wohnheim aussehen, und wie lassen sie sich planerisch umsetzten? Wie sehen die baurechtlichen und förderrechtlichen Rahmenbedingungen aus? Was heißt das für die Kosten, und gibt es Möglichkeiten im Rahmen des öffentlich geförderten Wohnungsbaus? Welche Rolle spielt dabei die Nachbarschaft und das Quartier?

Das Forschungsprojekt

Das von der Stiftung Wohlfahrtspflege geförderte und von der Stiftung Bethel und der Lebenshilfe NRW getragene Projekt „Wohnen-selbstbestimmt!“ sucht realisierbare Wohnkonzepte für inklusive, individuelle und kleinteilige Lösungen im Quartier und versucht, deren Umsetzung voranzutreiben. Dabei sollen Empfehlungen zur Weiterentwicklung und Veränderung der planerischen, rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen entwickelt werden.

Die Mehrfachbeauftragung

Wie sieht aber ein selbstbestimmtes und inklusives Wohnen für Menschen mit Behinderungen konkret aus? Im Rahmen einer durch das Büro postwelters partner begleiteten Mehrfachbeauftragung haben vier Architekturbüros aus NRW auf Grundlage von Referenzprojekten vier unterschiedliche Modelle des inklusiven Wohnens geplant und kostentechnisch beurteilt. Die vier Architekten wurden an Hand von best-practice Projekten ausgewählt. Teilnehmer waren das Büro HWR Ramsfjell aus Dortmund, 3pass Architekten aus Köln, Güldenberg Architektur aus Gelsenkirchen und schultearchitekten aus Köln.

Die Aufgabenstellung

Im Rahmen der Aufgabenstellung wurden vier unterschiedliche Wohnungstypen definiert, die den Anforderungen von Menschen mit unterschiedlichen Graden von Unterstützungsbedarf gerecht werden können. Von der einfachen barrierefreien Wohnung über eine Wohnung für Rollstuhlnutzer und zusätzlichem Pflegebedarf bis zur Zweier-Wohngemeinschaft. Zusätzlich waren ein Gemeinschaftsraum und ein Raum für das Quartier gefordert. Diese Räume sollten in vier unterschiedlichen Modellplanungen in Wohngebäude integriert werden. Untersucht wurden vier kleinteilige Lösungen für ein inklusives Zusammenleben von Menschen in Wohngebäuden mit Größen von zehn bis zu 60 Wohnungen.Die Architekten haben entsprechend der Modelle und der Referenzprojekte unterschiedliche Bearbeitungsschwerpunkte gesetzt.

Die Architekten von HWR Ramsfjell aus Dortmund haben einen besonderen Schwerpunkt auf die großzügige Gestaltung der Erschließungsbereiche gelegt. Diese wurden ins besondere unter Berücksichtigung der Sicht-beziehungen zwischen innen und außen geplant und um Begegnungsbereiche ergänzt. Die Architekten von Güldenberg Architektur aus Gelsenkirchen zeigen prototypisch an einer 50er-Jahre-Siedlung, wie diese zu einem inklusiven Quartier umgebaut werden kann. Dabei wird die konstruktive Struktur der Gebäude erhalten und mit einem neuen Raumkonzept gefüllt. Das Architekturbüro 3pass aus Köln zeigt, wie inklusive Wohnungen sehr kompakt in ein mehrgeschossiges Gebäude integriert werden können. Das Team schultearchitekten aus Köln illustriert, wie eine inklusive Nachbarschaft in einer Quartiersstruktur räumlich funktionieren könnte und wie inklusive Wohnungen mit offenen und geschlossenen Grundrissen gedacht werden können.

Das Fazit

Die Modellplanungen zeigen, dass die inklusiven Wohnkonzepte im Rahmen des „normalen“ Wohnungsbaus funktionieren. Die Vorgaben des geförderten Wohnungsbaus können eingehalten werden, und die Planungen sind baurechtlich als Wohnnutzungen einzuschätzen.

Baurechtlich werden sie nicht als große Sonderbauten nach der Bauordnung beurteilt. Jedoch ist individuell mit den kommunalen Behörden zu klären, inwieweit die Lösungen als kleine Sonderbauten betrachtet werden und entsprechende Auflagen wie z.B. Brandschutzkonzepte zu berücksichtigen sind.

Die Modellplanungen veranschaulichen sehr eindrücklich, dass das Thema der Barrierefreiheit nicht nur an Normen und Maßen festgemacht werden kann, sondern dass gerade die Qualität der Räume entscheidend für eine barrierefreie Planung ist. Großzügige und freundliche Eingangsbereiche, die Kommunikation und Sichtbarkeit fördern, transparente und lichte Treppenhäuser und Aufzüge, die Sichtbeziehungen nach außen herstellen, und offene und flexible Wohnungsgrundrisse schaffen niederschwellige und angstfreie Räume. Räume, in denen sich nicht nur Menschen mit Unterstützungsbedarf sicher und frei bewegen können.

Der Ausblick

Inklusive Wohnkonzepte werden häufig als kompliziert und kostenintensiv beschrieben. Die Modellplanungen zeigen, dass die Projekte in einem wirtschaftlichen Rahmen zu realisieren sind und dass sie insbesondere zu einer Verbesserung des Umfelds im Quartier durch eine bessere Infrastruktur und neue Raumangebote beitragen können. Diese Projekte bedingen aber eine vorrausschauende Planung und inhaltliche Konzeption, die entsprechend der jeweiligen spezifischen Anforderungen zu individuellen Lösungen führt. Wenn es gelingt, dies umzusetzen, kann es in Zukunft zur Aufhebung der Unterscheidung von Wohnen für Menschen mit und ohne Unterstützungsbedarf kommen.

Sven Grüne lebt und arbeitet als Architekt in Dortmund. Er hat bei postwelters partner Architekten & Stadtplaner als Projektleiter die Mehrfachbeauftragung „Wohnen-selbstbestimmt“ begleitet.

Info: Das Projekt „Wohnen-selbstbestimmt!

Das Projekt „Wohnen-selbstbestimmt!“ wird durch die Stiftung Wohlfahrtspflege gefördert und wird mit den Partnern Stiftung Bethel, Lebenshilfe NRW und dem Institut für Gesund-heitsökonomie der Uniklinik Köln durchgeführt. Ziel des Projektes ist es, dass Menschen mit Behinderungen und einem hohen Unterstützungsbedarf zukünftig tatsächlich Wahlmöglichkeiten zwischen unterschiedlichen Wohn- und Unterstützungsformen eröffnet werden können. Dazu werden im Projekt Wohnkonzepte, Unterstützungsformen sowie Empfehlungen zur Anpassung, Veränderung und Weiterentwicklung bestehender rechtlicher und organisatorischer Rahmenbedingungen entwickelt. Die Ergebnisse und Empfehlungen werden im Rahmen der REHACARE in Düsseldorf am 26.09.2018 präsentiert und in einer Broschüre publiziert. Die Publikation kann über die Stiftung Bethel bezogen werden.

Autor: Sven Grüne